Schon beim ersten Durchblättern spürt der Leser sofort: Dies ist ein höchst ungewöhnliches Buch! Großformatig (A4), schwergewichtig (1,2 kg), Hochglanzpapier, hervorragend bebildert durch didaktisch klug aufbereitete Schemata sowie beeindruckende Farbphotos, eindrucksvolle Übungen zur Selbsterfahrung. Auf der Buchruckseite des Covers ein symbolträchtiges halb farbig, halb schwarzweiß gehaltenes Photo der Autoren, die beide einen Baumstamm berühren: auf der linken Seite die Atemtherapeutin und Musikerin Sigrid Zorgiebel-Schaefer, auf der rechten Seite der Biologe und Erziehungswissenschaftler Gerhard Schaefer. Beide strahlen Glück und Zufriedenheit aus, doch erinnert der dunkel gehaltene Teil des Photos an den Tod von Gerhard Schaefer, der im Mai 2019 im Alter von 90 Jahren verstorben ist. Seine Ehefrau Sigrid hat das gemeinsame Lebenswerk zwei Jahre später als nunmehr vorliegendes Buch vollendet.

Das Buch geht grundlegenden Fragen nach, die jeden einzelnen Menschen interessieren: Wer bin ich? Was sind meine Stärken, was meine Schwächen? Wie drückt sich meine Kreativität aus? Wie gehe ich mit Krisen um? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Diese Schlüsselfragen werden auf der Grundlage eines naturwissenschaftlichen Menschenbildes ausgelotet, das durch 28 biologische Eigenschaften charakterisiert ist. Die Konturen dieses Menschenbildes wurden im Jahre 2014 durch die Bildungskommission der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Arzte (GDNÄ) unter Leitung und Inspiration von Gerhard Schaefer erarbeitet (vgl. Abb.). Nach langen, intensiven Diskussionen in und außerhalb der Kommission einigte man sich schließlich auf 28 biologische Merkmale (genetische Anlagen). Dieses 28teilige Menschenbild besteht aus zwei Kreisen mit je 14 Merkmalen. Im inneren Kreis sind die Anlagen aufgeführt, die der Mensch mit seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen, gemeinsam hat: Wir atmen (Homo respirans), wir ernähren uns (Homo nutriens), wir bewegen uns (Homo movens), wir kämpfen bei Bedrohung zur Selbstverteidigung (Homo pugnans), wir versuchen in der sozialen Rangordnung eine möglichst hohe Stellung einzunehmen (Homo dominans), wir erinnern uns (Homo memorans), wir verständigen uns mittels Signalen (Homo communicans), wir sind schmerzfäig und zu einer Vielzahl von Gefühlen fähig (Homo patiens), wir reagieren auf Sinnesreize (Homo sentiens), wir besitzen intuitive Fähigkeiten zur Einschätzung von Situationen (Homo intuens), wir sind gesellig und schließen uns zu Gemeinschaften zusammen (Homo socians), wir haben die Fähigkeit zur Zuneigung und Liebe (Homo amans), wir vertrauen einander im Rahmen sozialer Beziehungen (Homo confidens) und wir durchlaufen regelmäßig vom Tag/Nacht-Wechsel gesteuerte passive Schlafphasen (Homo dormiens). Diese 14 Merkmale stehen für die „tierische Urnatur“ des Menschen.

Der äußere Kreis umfasst dagegen Anlagen, die den Menschen radikal oder zumindest quantitativ stark unterscheiden von den Menschenaffen: Der wissende, denkende und erkennende Mensch (Homo sapiens); der mit Waren oder Geld handelnde Mensch (Homo negotians); der Sport treibende Mensch (Homo sportivus); der handwerkende Mensch (Homo faber); der aufrecht gehende Mensch (Homo erectus); der Mensch freier Vorstellungen und freier Phantasie (Homo imaginans); der transzendente, spirituelle Mensch (Homo transcendens); der all-liebende, auch Andersartige und Tiere liebende Mensch (Homo transamans); der frei denkende und handelnde Mensch (Homo liber); der spielende Mensch (Homo ludens); der schönheitsliebende Mensch (Homo aestheticus); der musische, künstlerische Mensch (Homo musicans); der lachende Mensch (Homo ridens), der redende Mensch (Homo loquens).

Gemäß dieser 28 Homo-Epitheta ist das Buch in 28 Kapitel unterteilt, wobei der erste Untertitel des Buches – Ein Weg zwischen Erleben und Erkennen – auf die besondere Denk- und Darstellungsmethode hinweist, die dieses Buch auszeichnet: In jedem dieser Kapitel geht es auf den linken Seiten um das subjektive Erleben (gestaltet von Sigrid Zorgiebel-Schaefer) und auf den rechten Seiten um die objektive wissenschaftliche Sicht (gestaltet von Gerhard Schaefer). Die subjektiven und objektiven Zugänge sind extrem unterschiedlich, doch die beiden Autoren verstehen es hervorragend, sich gegenseitig zu ergänzen und zu bereichern. Sigrid Zorgiebel-Schaefer nutzt interessante persönliche Erlebnisse, aber auch Gedichte, Zitate und Anekdoten aus der Literatur, um einen lebendigen Einstieg zu finden. Spezielle Übungen machen die betreffende Eigenschaft bewusst und stärken sie. Auf der rechten, objektiven Seite reflektiert Gerhard Schaefer auf eine wissenschaftliche Weise aus etymologischer, biologischer und psychologischer Sicht. Durch diese Vorgehensweise der beiden Autoren wird die Lektüre der einzelnen Kapitel zum Abenteuer! Der Leser kann dabei nicht nur herausfinden, wo seine individuellen Stärken und Schwächen liegen, sondern wie er bisher schwach ausgebildete Eigenschaften stärken kann. Man begegnet dem Ehepaar im Buch zweimal photographisch: bei der allmorgendlichen Teezeremonie (S. 72 im Kapitel über den sinnlich empfindenden Menschen) und als eng beieinanderstehenden Paar (S. 30 im Kapitel über den liebenden Menschen). Beide Bilder veranschaulichen, wie innig diese Beziehung gewesen sein muss. Dass eine so erfüllte Beziehung gekrönt wird durch ein solch gelungenes Buch als gemeinsames Lebenswerk, das ist einfach wunderbar!

 

[Buchbestellung über: Sigrid Zorgiebel- Schaefer, Eulenweg 7, 21271 Asendorf; https://www.atem-stimme-bewusstsein.de; Mail: info@atem-stimme-bewusstsein.de]

 

Dr. Reinhard Piechocki, Rügen