Ein jeder Jahreswechsel gibt Anlass, innezuhalten und mit dem Blick auf das Vergangene die Zukunft ins Auge zu fassen. So wurde an dieser Stelle wiederholt der Versuch unternommen, Entwicklungen eines Jahres nachzuzeichnen. Dieses Mal darf ich mir erlauben, noch weiter zurückblicken und Persönliches einfließen zu lassen, denn es ist der letzte Jahrgang der Naturwissenschaftlichen Rundschau, den ich als Herausgeber mit diesem Heft abschließe. Über 20 Jahre hatte ich das Privileg, die Zeitschrift zusammen mit vielen engagierten Autorinnen und Autoren, mit Mitarbeiterinnen des Verlagshauses und nicht zuletzt mit den Beiratsmitgliedern zu gestalten. Und ich erhielt die Gelegenheit, als Beobachter an wissenschaftlichen, technischen und wissenschaftspolitischen Entwicklungen teilzuhaben.

Nun neigt wohl jede Generation dazu, die selbst erlebte Zeit als besonders bedeutungsvoll einzuschätzen. Doch dass die ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts von einer ungewöhnlichen Dynamik geprägt waren, wird kaum einer bestreiten. Diese Dynamik verdankt sich im Wesentlichen zwei Entwicklungen, die mit Globalisierung und Digitalisierung plakativ, aber durchaus treffend charakterisiert sind. Sie zeigt sich im Großen wie im Kleinen, im lange Nachwirkenden, wie im Flüchtigen, aber doch das Lebensgefühl Bestimmenden. Wurde zu Beginn des Jahres 2001 noch die „Entschlüsselung“ des Humangenoms gefeiert – ein Triumph der Bioinformatik und Ergebnis einer mit sportlichem Ehrgeiz betriebenen internationalen Forschung –, so folgte die Ernüchterung mit den Terroranschlägen des 11. September, die alle hehren Vorstellungen von der „einen Welt“ zunichtemachten. Beide Ereignisse führen die ganze Bandbreite des Menschenmöglichen vor Augen. Wer nun bei anderen Kulturen die fehlende Erfahrung einer Epoche der Aufklärung beklagte, wurde in den frühen 2000er Jahren darauf gestoßen, zu welchen Untaten selbst „aufgeklärte“ Wissenschaftler fähig sind. Hubert Markl machte sich als Präsident der Max- Planck-Gesellschaft nicht nur Freunde, als er die politischen Verstrickungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus untersuchen ließ. Auch andere Wissenschaftsinstitutionen widmeten sich den „dunklen Jahren“. Gewiss, die Nachgeborenen haben leicht urteilen, doch sie können zumindest ahnen, wie schwer es ist, sich der Vergangenheit zu stellen. Unvergesslich ist mir die bedrückte Stimmung, als sich bei einer Jahresversammlung der Leopoldina die lang verschlossenen Türen öffneten, hinter denen um eine ehrliche Bewertung gerungen wurde. Jede Ideologie ist verführerisch und kann in Abgründe führen.

„Niemals geschieht das Böse so einfach und froh wie aus Gewissensgründen“ , notierte Max Perutz in seinem „Buch der Zitate“. Der aus Wien stammende Nobelpreisträger gehörte zu denen, die ihre Heimat noch rechtzeitig verließen. Er war wie viele andere aus Deutschland Vertriebene häufig Teilnehmer der Nobelpreisträgertreffen in Lindau, die auch von meinen Vorgängern Hans Rotta und Roswitha Schmid regelmäßig besucht wurden. Das Vermächtnis der aus politischen oder rassistischen Gründen aus Deutschland Geflohenen war, als ich meine Arbeit aufnahm, noch lebendig. Einige wurden dann auch „meine“ Autoren. Zu ihnen zählte neben Max Perutz auch der mir unvergessene, unbequeme, politisch und ökologisch hellwache Georg Breuer aus Wien. Hinzu kamen andere, die wie Hans-Christoph Lüttgau von den einst Verstoßenen in ihre neue Heimat eingeladen wurden, damit sie Anschluss an die internationale Forschung gewännen. Dieser Geist des Wohlwollens, der auf die brückenbauende Kraft der Wissenschaft setzt, ist an keinem Ort stärker spürbarer als bei den Lindauer Tagungen. Educate – Inspire– Connect lautet nunmehr das Motto der zu Beginn des Jahrtausends neu ausgerichteten Treffen, die schwerlich ohne die moderne digitale Infrastruktur eine solche Breitenund Tiefenwirkung entfalten könnten. Diese „schöne, neue Welt“ fand in Harold Kroto ihren eloquenten Verkünder. Witzig und spritzig entwarf er in Lindau die Vision einer GooYouWiki-World , die alle Chancen bietet, über alle Grenzen hinweg Wissen und Informationen auszutauschen. Die Kehrseite, dass mit zur bloßen Manövriermasse degradierten „Informationen“ auch Schindluder getrieben werden kann, erlebte Kroto nicht mehr mit. Er hätte sich in Zeiten der Fake-News gewohnt kämpferisch zu Wort gemeldet. Doch längst erheben auch hierzulande Wissenschaftler ihre Stimme. Initiativen nach dem britischen Vorbild des Publish Understanding of Sciences and Humanities, wie Wissenschaft im Dialog (1999) mit den seit 2000 ausgerichteten Wissenschaftsjahren, zeigen hier ihre Wirkung. Auch die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte ist aktiv geworden und lädt auf ihren Jahresversammlungen junge Menschen dazu ein, ihre Forschungen in der Veranstaltungsreihe Wissenschaft in 5 Minutenvorzustellen.

Bei solchen Initiativen geht es darum, der Wissenschaft eine Stimme zu geben und Begeisterung zu wecken. Doch Wissenschaft ist nicht nur faszinierend und intellektuell bereichernd, sie ist für unser Leben und Überleben schlicht notwendig. Beispiele hierfür sind die aktuelle Corona-Pandemie und die Dauerthemen Klimawandel und Biodiversitätsverlust, die uns vor große Herausforderungen stellen. Sie zu meistern, wird uns manche Veränderungen abverlangen. Verstärkt wird man daher auch die Geistes- und Sozialwissenschaften einbeziehen müssen, denn unser Handeln wird in hohem Maße von Dimensionen bestimmt, die jenseits der Naturwissenschaften liegen. Der Herausforderungen sind also viele. Nunquam otiosus – Niemals müßig:  Der Wahlspruch der Leopoldina ist wie für unsere Tage geschrieben – und keineswegs nur für Akademiemitglieder.

Klaus Rehfeld