Ludwig Huber ist Verhaltensbiologe und leitet die Abteilung Vergleichende Kognitionsforschung am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Hochschule Wien. Grundlage für sein Buch ist seine jahrzehntelange Forschungstätigkeit. Gegenstand des Buches sind kognitive Leistungen bei Tieren und entsprechende Reifungsschritte bei Kindern. Als Ludwig Huber in den 1980er Jahren mit seinen Forschungen begonnen hat, war das Wissen der Ethologie darüber, wie Tiere und Menschenkinder kognitive Alltagsprobleme bewältigen, noch gering. In den elf Kapiteln werden drei große Themen mit je zwei Bereichen in den Vordergrund gestellt: kreative Werkzeugherstellung und Kausalverständnis, episodisches Gedächtnis und Zukunftsvorstellung und als drittes Wahrnehmung des eigenen Wissensstandes und der Wissensstand anderer. Der Autor berichtet nicht nur über die vielfältigen Ergebnisse seiner Arbeit, sondern auch darüber, welche spitzfindigen Experimente zu ihrer Entdeckung ersonnen wurden. Inzwischen gibt es eine enorme Datenfülle mit vielen spannenden und zum Teil verblüffenden Erkenntnissen. Dem Autor ist es in hervorragender Weise gelungen, einen Überblick über all diese Erkenntnisse vorzulegen. Theoretischer Ausgangspunkt ist ein Darwin-Zitat von 1859, das er im Vorwort hervorhebt: Die Psychologie wird sich mit Sicherheit auf den […] wohl begründeten Satz stützen, dass notwendig jedes Vermögen und jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann.“In diesem Sinne werden folgende Themen behandelt:

Das erste Kapitel tragt den Titel Historischer Abriss der Grundlagen tierischer Kognition. Ludwig Huber beschreibt darin die Datenlage zu Beginn seiner Forschungskarriere. Unter anderem erwähnt er die sozialen Funktionen des Intellekts, einen Aspekt, zu dem es seinerzeit mehr Anekdotisches als replizierbare Evidenz gab.

In Kapitel zwei – Können Tiere rational sein? – geht der Autor auf das breite Leistungsspektrum ein, das man im Tierreich vorfindet. Nur wenige Tiere sind zu Planhandlungen fähig. Ausführlich besprochen werden auch vorbewusste oder ratiomorphe Leistungen.

Daran schließt sich das Kapitel Werkzeuggebrauch an. Werkzeugeinsatz im Tierreich reicht von einfachen Verwendungen bis hin zum flexiblen Einsatz verschiedener Gerätschaften, um diese für unterschiedliche Zwecke zuzurichten und einzusetzen: Goffin-Kakadus müssen beispielsweise mit drei verschiedenen Werkzeugen Wawai-Früchte (zu deutsch Seemango, Cerbera manghas)  zuerst öffnen, indem sie die verholzte Schale mit einem Holzkeil aufspreizen, dann eine ledrige Hülle durchstechen, damit sie schließlich fressbare Anteile herauslöffeln können (vgl. NR 9|10/2021, S. 488). Komplexer Werkzeuggebrauch gelingt manchmal leichter und schneller, wenn Artgenossen zuvor beobachtet werden konnten.

In Kapitel vier geht es um das Kausalverständnis und um die Fragen, ob und in welchem Ausmaß genetische Dispositionen für den Werkzeugeinsatz vorliegen, ob nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum vorgegangen wird oder ob es Indizien für Planhandlungen mit einem Verständnis fur räumlich-mechanische und zeitliche Zusammenhänge gibt (s. u.: Hakenbiegen).

Eng mit Kausalverständnis und Gedächtnis verbunden ist die Fähigkeit, Prognosen abzuleiten.

In die Zukunft schauen ist daher die Überschrift des fünften Kapitels. Darin werden das biologisch vorgegebene Zeitverständnis sowie das Ausmaß der Fähigkeit zur erinnerungsbasierten Simulation und Planung diskutiert.

In Kapitel sechs steht das Wissen über die Welt im Vordergrund. Es ist mit dem Titel Episodisches Gedächtnis

überschrieben. Der Autor unterscheidet zwischen vertraut, konkreten Gedächtnisinhalten (Orten der Futterverstecke) und drittens der Erinnerung an soziale Rahmenbedingungen beim Verstecken. Der Umfang von Gedächtnisinhalten kann enorm sein; ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind die 256 Symbole (als Äquivalente zu Begriffen des Menschen), die der Bonobo-Mann Kanzi im Experiment zu verwenden erlernte.

Die Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Prozessen und Befindlichkeiten ist nicht nur eine menschliche Domäne.

Ihr ist das siebte Kapitel Metakognition  gewidmet. In ihm geht es um die subjektive emotionale und kognitive Innenwahrnehmung. Ein Beispiel für eine evolutionär frühe Form der Selbstüberwachung ist die Fähigkeit, bei Differenzdressuren als dritte Option „unsicher“ wählen zu können.

Wahrscheinlich gibt es im Tierreich nur wenige Arten, deren Individuen neben dem subjektiven „I“ im Rahmen ihrer Körperwahrnehmung metakognitiv auch das „Me“ bei Planhandlungen als Objekt einbeziehen können.

In Kapitel acht, Gedankenlesen, geht es darum, ob Individuen Wissen über das Wissen anderer haben. Schimpansen verstehen, was Artgenossen sehen können und was nicht. Sie wissen infolgedessen auch, was andere wissen können und was nicht. Sie können aber im Experiment nicht zwischen Nichtwissen und Falschwissen unterscheiden. Dazu sind nur Menschen in der Lage. Diese Fähigkeit kann mit den sogenannten Falschglaubensaufgaben überprüft werden. Schimpansen sind dieser komplexen Assoziations- und Bewertungsaufgabe nicht gewachsen.

Haben Tiere Sprache? So heißt das neunte Kapitel. In ihm geht es um die angeborene oder durch Lernen erworbene oder modifizierte Kommunikation. Nur die Sprache der Menschen basiert auf einer erlernten Grammatik: Sie macht es möglich, die Informationsdichte verbaler Mitteilungen zu steigern.

Um animalische Vorstufen unseres Bewusstseins geht es im zehnten Kapitel:

Haben Tiere Bewusstsein? Es baut auf die vorangegangenen Kapitel auf und diskutiert die Fähigkeit zum logischen Schließen, zum Kausalverständnis, zum einsichtigen Problemlösen (beim Werkzeuggebrauch oder bei sozialen Problemen) und zum willentlichen Handeln auf Grundlage des episodischen Gedächtnisses, der Metakognition und der Perspektivenübernahme. Wahrscheinlich haben Menschenaffen noch kein Bewusstsein ihres eigenen Denkens.

Daran schließt sich Kapitel elf an: Wie denken Tiere? Der Autor vertritt dazu folgende These: Das tierische Denken der zoologischen Vorfahren des Menschen ist durch sprachlich begriffliche Reflexion präzisiert worden.

Im Epilog leitet Ludwig Huber, ausgehend von seinem Wissen über emotionale und kognitive Fähigkeiten verschiedener Tiere, tierethische Verpflichtungen für den Tierschutz ab.

Hubers Zusammenschau zeigt eindrucksvoll, dass die heutige vergleichende Kognitionsforschung ein Wissenschaftsbereich ist, in dem mit raffinierten Versuchsanordnungen eine immer größere Anzahl von Tierarten untersucht wird. Bei der Interpretation der Beobachtungen vermeidet er eine Vermenschlichung der untersuchten Tiere: Bei der Erklärung der zum großen Teil experimentell gewonnenen Befunde folgt er dem Sparsamkeitsprinzip und erklärt sie durch die jeweils einfachste kognitive Fähigkeit, durch die eine beobachtete Leistung hat bewerkstelligt werden können. Angesichts der Fülle an dokumentierten Einzelleistungen und der Anzahl der berücksichtigten Tierarten ist dies eine große Herausforderung, die Huber auf überzeugende Weise bewältigt.

Hinsichtlich des Einsatzes von Objekten und Werkzeugen bespricht Huber den einfachen Einsatz

eines Gegenstandes für einen Zweck: Hummeln verschließen ihre Bruthohle mit einem Stein, Schmutzgeier zerschmettern Eier per Steinwurf, Darwinfinken verwenden Kakteenstacheln, um durch Herumstochern an Holzwürmer zu gelangen, am Rücken schwimmende Seeotter öffnen Muscheln, indem sie diese gegen einen Stein schlagen, den sie zuvor auf den Bauch gelegt haben. Es liegt nahe, dass in den genannten Fällen eine genetische Disposition für die Auswahl und Manipulation der Gegenstande besteht. Flexibler sind Elefanten, die Äste mit dem Russel packen, um damit lästige Fliegen zu vertreiben. Kapuzineraffen sind dazu fähig, Steine aus Breccie herauszubrechen, um mit ihnen Nüsse zu knacken, und Rabenvogel können Äste zum Stochern zurechtbiegen und zurechthacken. Herstellung und Einsatz unterschiedlicher Werkzeuge kennt man auch von Kakadus und Menschenaffen. Es ist höchst erstaunlich, dass Geradschnabelkrähen und Goffin-Kakadus in der Lage sind, einen Draht so zurechtzubiegen, dass sie mit Hilfe des Hakens Futter aus einem Rohr herausangeln können. Dieser Leistung konnte, neben einem Kausalverständnis, die Disposition zugrunde liegen, in freier Wildbahn in ähnlicher Weise aus Pflanzenteilen Werkzeuge herzustellen. So sind die Hinweise auf ein Kausalverständnis bei der Verwendung verschiedener Werkzeuge vielfaltig. Es lässt sich auch bei Menschenaffen nachweisen.

Huber hat einen sehr weiten zoologischen Horizont; das zeigt sich allein schon darin, dass er auch über Tiere berichtet, die weit von unserer zoologischen Ahnenreihe entfernt sind (z. B. Hummeln, Oktopusse, Schildkröten und Vögel). Sein Werk ist daher eine äußerst wertvolle Grundlage für die Systematisierung von Kognitionsleistungen und damit auch für die Menschenforschung von großem Interesse. Es fugt sich somit in den Rahmen des eingangs erwähnten Darwin-Zitats ein.

Doch auf dem Weg zu einer Theorie darüber, welche evolutionären Stufen im Verlauf der Wirbeltierevolution die Entstehung des menschlichen Intellekts und Bewusstseins ermöglicht haben, ist noch manches offen. Im Sinne der von Wilhelm Windelband charakterisierten drei Entwicklungsphasen einzelner Wissenschaftsbereiche, (1) dem idiographischen Sammeln und Beschreiben, (2) dem Ordnen und (3) der nach Gesetzmä.ßigkeiten suchenden, nomothetischen Phase, hat Huber zu den beiden ersten Phasen nützliche, notwendige und zugleich hervorragende Leistungen erbracht.

Trotz der komplexen Inhalte sind Hubers Ausführungen leicht lesbar und spannend geschrieben. Sie helfen, auch jene Tierarten besser zu verstehen, die Menschen als Haustiere halten oder von Zoobesuchen kennen.

Das Buch ist eine äußerst hilfreiche Grundlage für weiterführende Forschungen zur Evolution und Funktion kognitiver Leistungen. Nicht nur Fachleute wie Ethologen, Neurobiologen, Anthropologen, Psychologen, Pädagogen und Tierschützer, sondern alle Menschen, die sich fur Tiere interessieren, werden es mit Gewinn lesen.

Dr. med. Gerhard Medicus, Thaur, Tirol

 

Bestellen:Ludwig Huber: Das rationale Tier – Eine kognitionsbiologische Spurensuche