Mit geradezu fanatischer Akribie hat er ein herrliches Pappgebäude scheinbarer Wissenschaftlichkeit errichtet, glaubhaft vermittelt und letztlich maßgeblich zur Ermordung unzähliger Menschen beigetragen: Herman Lundborg. Und doch wissen auch viele deutsche Wissenschaftler sehr wenig oder nichts über ihn oder kennen nicht einmal seinen Namen, selbst ein Großteil jener, die sich fachlich mit der Wissenschaftsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst haben. Das fast 500 Seiten starke Werk ist aber nicht nur seine Biographie und gleichzeitig eine wissenschaftshistorische Leistung, sondern in irgendwie grandioser Weise ein fesselnder Roman. Wie geht das?

Maja Hagerman legt hier eine ungewöhnlich gründlich recherchierte Arbeit vor, mit höchst umfangreichem Literatur- und Namensregister. Gleichwohl trägt die Originalausgabe des Buchs einen höchst unscheinbaren Titel: „Liebster Herman – Das Rätsel des Rassenbiologen Herman Lundborg“. Man ahnt nicht, dass die Autorin mit leichter Feder erschreckende rassenpolitische Zusammenhänge seziert.

Aus dem schwächlichen Jungen mit sieben Geschwistern wird der Medizinstudent Herman Lundborg, der um 1890 Vorlesungen bei Gustav Retzius besucht. Retzius hat 1902 anthropometrische Daten an 45 000 Wehrpflichtigen erhoben und erkennt in den Schweden die „reinsten Reste der alten germanischen Völker“. Herman verliebt sich in die Krankenschwester Thyra. Beide heiraten, als Herman 1900 seine Doktorarbeit in der Psychiatrie schreibt. 1906 trifft Lundborg in München den Psychiater Alfred Ploetz. Gerade hat jener die Gesellschaft für Rassenhygiene gegründet. Prominentestes Mitglied ist wohl der Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius, Leiter der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm.

In Südschweden untersucht Lundborg zwei Jahre später über 2000 Probanden, legt Ahnentafeln an und vermerkt körperliche und psychische Merkmale wie „imbezil, debil, homosexuell…“ etc. In jenem Jahr erscheint Arthur de Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen in deutscher Sprache. Richard Wagner war schon lange eines der herausragenden Mitglieder der Gobineau- Gesellschaft und hatte die spätere Übersetzung ins Deutsche angeregt. Lundborg beruft sich nun auf Gobineaus Behauptung, dass es in Nordeuropa „Reste der reinen arischen germanischen Rasse“ gebe. Als Lundborg seine Untersuchungen aus Listerland publizieren will, erhält er durch Retzius‘ Hilfe einen Druckkostenzuschuss für den Verlag Gustav Fischer in Jena.

Durch das ganze akademische Leben Lundborgs ziehen sich die Misserfolge, die rassenbiologisch behauptete Minderwertig von bestimmten „Rassen“ oder „Typen“ empirisch nachzuweisen. Seiner „kleinen aber viel versprechenden“ Studie zufolge war „ein Viertel der Familien (in der Region Blekinge) moralisch, sozial oder psychiatrisch niedrigstehend“. Auch in seiner „großen, einheitlichen Rasseninventur“ mit 47 387 vermessenen Probanden werden Bildern von Menschen ausschließlich behauptete Eigenschaften zugewiesen. Zur international respektierten Koryphäe wird Lundborg trotzdem, und zwar durch ständige Wiederholungen in pompösen Vorträgen, ferner durch den einen kostspieligen Bildatlanten seiner „Rassetypen“ mit dem anmaßenden Titel The Swedish Nation und nicht zuletzt durch höchst engagierte Lobbyarbeit. Aber der Reihe nach.

Einen großen Teil des Jahres verbringt der 42jährige Lundborg 1912 in Deutschland, wo er die Arbeit an seinem Buch über die Medizinisch-biologische Familienforschungen innerhalb eines 2232-köpfigen Bauerngeschlechtes in Schweden (Provinz Blekinge) abschließt. Lundborg plant umfangreiche anthropologische und rassenbiologische Studien an der gemischt finnisch-schwedischen Bevölkerung im Norden von Schweden. Dort wird die Lehrerin einer Nomadenschule, Hilja Holm, ihm als Assistentin zur Seite stehen. Sie ist 22 und spricht nicht nur muttersprachlich Finnisch, sondern auch Samisch und Schwedisch. Bald wird Hilja seine devote Freundin und „fast Teil seiner Familie“. Später bricht Hilja die Beziehung zu Herman ab. Hagerman verweist auf Indizien, wonach sich Hilja einer Abtreibung unterzogen habe. „Er, der er der große Verkünder, der scharfe Worte der Warnung vor der Gefahr der Rassenmischung spricht, kann nicht dabei ertappt werden“, mit einer Finnin „ein Kind zu zeugen“. Auf Hilja folgen eine ganze Anzahl solcher samischen Assistentinnen. Lundborg behält beharrlich das Ziel seiner Feldarbeit im Auge, nämlich ein „…Institut für Vererbungsforschung einzurichten“ und schreibt über „minderwertige Individuen aus fremden Rassen“.

Lundborg lässt seine Frau in Uppsala im Ungewissen über die Dauer seiner „Lappenuntersuchungen“. Insgesamt werden sie noch Jahrzehnte lang andauern. Aktuell geht es der Regierung darum, in der Region der Sámi Erze, Wasserkraft und Wälder zu nutzen, eine rassisch begründete Ex- pansion im Inneren auf Kosten der „minderwertigen“ ansässigen Bevölkerung.

Kaum ist Lundborg 1914 von seinem ersten, langen Aufenthalt in Lappland zurück, reist er sofort zu Eugen Fischer nach Freiburg. Fischer hat in dem damaligen Deutsch-Südwestafrika, ein System der Apartheid entworfen, lange bevor es in Südafrika eingeführt wurde. Zum Umfeld Fischers zählt auch ein Student der Philologie, Hans Friedrich Karl Günther, der später als „Rasse-Günther“ eine berüchtigte Karriere machen soll. Später im Jahr, während der Erste Weltkrieg ausbricht, folgt sofort die nächste Lapplandexpedition bei der Lundborg Lappen anthropometriert. Im Winter wird es furchtbar kalt. Man hat die Büroarbeit in ein Pfarrgebäude verlagert. Dort „arbeiten wir morgens bei – 3 Grad und, wenn geheizt wird, bei + 3 Grad“.

Jetzt stellt Lundborg fest, dass es die distinkten Bevölkerungsgruppen, die er glaubte untersuchen zu können, ganz einfach nicht gibt. Aber er verdrängt die deprimierende Erkenntnis und macht einfach weiter. Nach seiner zweiten Lapplandreise in den höchsten Norden, in der nun auch Ganzkörperphotos angefertigt wurden – was in den Augen der Læstadianer Sünde war –, berichtet er über seine Forschungen. Zu seinem 50. Geburtstag wird er 1918 in einer Festschrift als „einer der fortschrittlichsten Männer der medizinischen Wissenschaft“ in Schweden gefeiert. Aber er hat noch immer nur ein paar Räume und ist ohne Etat. Thyra fungiert zeitweise als Sekretärin.

1919 stellt Lundborg eine Wanderausstellung über „Schwedische Volkstypen“ zusammen, deren Besuchererfolg alle Rekorde schlägt. „Nordische“, prominente Schweden werden vorteilhaft auf Studiophotos dargestellt, unvorteilhafte Photos von „Vagabunden, Fahrenden, Kriminellen“ etc. entstammen Verbrecherkarteien der Polizei. Es folgt eine Zeit weiterer Feldaufenthalte, in der aber zugleich die Attitüden Lundborgs und seine Einstellung zu seiner Arbeit auch im eigentlichen Wortsinn intim geschildert werden. Unablässig und strategisch fordert er die Notwendigkeit eines staatlichen Instituts für Rassenbiologie. Er lädt den Berliner Genetiker Erwin Baur nach Uppsala ein, der sich im Schwedischen Ärzteblatt in Lundborgs Sinne rassistisch äußert. Im Mai 1921 wird die Einrichtung eines Staatlichen Instituts für Rassenbiologie beschlossen. Anstatt in ruhigeres Fahrwasser zu lenken, bricht Lundborg sofort zu einer Art Huldigungsreise nach Berlin, Stuttgart, Freiburg, München, Wien und Zürich auf. Er lässt sich von Thyra rund zwei Drittel seines früheren Jahresgehalts nach Berlin schicken. Es bleibt im Dunklen, wozu er dieses Geld verwendet.

Als scheinbarer Exkurs werden nun die Nachkriegswirren in Bayern ab 1919 geschildert. Eine der zentralen Figuren ist der Verleger Julius Lehmann, der Waffen besorgt und sich selbst aktiv an Straßenkämpfen und an antisemitischen Aktionen in München beteiligt. Hierzu wird auch ein gewisser Adolf Hitler angeworben, der sich agitatorisch profiliert. Lehman verlegt 1921 auch den Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene der Autoren Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz. Alle drei sind Freunde Lundborgs, die er unter anderem in München besucht, wo zu der Zeit Adolf Hitler Vorsitzender der NSDAP wird.

Kennzeichnend für Lundborg ist, dass er bereits eine neue Lapplandreise plant. Auch korrespondiert er schon mit der nächsten samischen Nomadenschullehrerin, die er als Assistentin einstellen will. Für sein neues Institut wählt er ausschließlich fachlich recht unerfahrene Leute aus, er möchte wohl „ganz einfach nicht so viele Diskussionen führen“. Die neuen Mitarbeiter werden vor der nächsten Abreise nach Lappland nur in aller Kürze instruiert. Aufenthalte im eigenen Institut geraten eher zu Stippvisiten.

Inzwischen hat der Verleger Lehmann den jungen Schriftsteller aus Freiburg, Hans F. K. Günther, mit üppigem Vorschuss ausgestattet. Sein Buch Die Rassenkunde des deutschen Volkes wird sofort mehrfach nachgedruckt. Hitler erhält mehrere Ausgaben mit persönlicher Widmung. Lundborg schickt seinen Sohn nach Wien und lädt Günther nach Uppsala ein. Er hat in einer Zwangsarbeiteranstalt für Landstreicherinnen den „Bodensatz“ der Gesellschaft nackt photographieren lassen. Auch hat er in kürzester Zeit Angaben von über 75 000 Personen gesammelt. Er geht damit hausieren und lässt Günther Vorlesungen halten. 1923 schreibt er einen ersten, nur siebenseitigen Artikel, aus dem die Prozentzahlen z. B. der Augenfarbe und der Schädelindizes der Sámi hervorgehen. Aber die Maße stehen für sich und haben außer zu einer vermeintlichen Diskriminierung keinerlei Bedeutung. Während der Chef wieder etwa ein halbes Jahr verreist ist, rattern zuhause die von Lundborg angeschafften Hollerith-Maschinen der Firma IBM – modernster Standard!

Den Prozess gegen die Putschisten vom Februar 1924 kann Hitler agitatorisch nutzen, denn die Reden der Angeklagten vor Gericht werden in den Zeitungen ungekürzt abgedruckt. Lehman schreibt bereits einem Freund, man müsse die rassenhygienische Politik zielbewusst vorbereiten, „damit der kommende Diktator den Boden vorbereitet findet“. In dieser Zeit hält Eugen Fischer in Lundborgs Institut Vorlesungen. 1925 beginnt ein neuer Mitarbeiter mit rassenbiologischen Blutuntersuchungen. Sie führen zu keinem greifbaren Ergebnis, werden aber in Schweden bis 1970 fortgesetzt. Auf der nun folgenden Reise tritt Maria Isaakson in den Dokumenten als Assistentin auf. Lundborg nimmt sie mit nach Uppsala. Solange sie nicht gemeinsam auf Reisen sind, kann sie als (relativ überbezahlte) Reinigungskraft im Institut wohnen.

Dreizehn Jahre nach der letzten erwähnenswerten Publikation erscheint im Dezember 1926 Lundborgs Prunkband The Racial Characters of the Swedish Nation, fünf Kilogramm schwer. Wichtig daran sind eigentlich nur die subjektiv ausgewählten Bilder. Marias Bild, das im Band erscheint, gehört nach der Diktion des Instituts zur „ostbaltischen Rasse“ die man im Institut höchst negativ beurteilt. Im Spätwinter 1927 wird Maria schwanger. Eine wahrscheinlich unabdingbare Abtreibung aber wird wegen ständiger Abwesenheiten Lundborgs versäumt. Es wird eng für ihn, und trotzdem schreibt er in einem nazifreundlichen Zeitungsartikel: „Die… erblich Entarteten müssen durch… Sterilisation oder auf andere Weise daran gehindert werden, Nachkommen zu hinterlassen.“ Hermann hat die Idee, Marias Spur zu einem Entbindungsheim durch Ummeldung des Wohnsitzes zu verwischen. Ihr Sohn Allan kommt Ende November zur Welt, und Maria lässt ihn mit Rücksicht auf Hermann bei Pflegeeltern zurück. Erst später, nachdem sie einen kleinen Bauernhof vor den Toren von Uppsala erworben hat, nimmt sie Allan bei sich auf.

Als die NSDAP 1929 mit zehn Prozent der Stimmen einen Sitz im Thüringer Landtag erhält und den Innenminister des Landes stellt, ernennt jener den inzwischen nach Deutschland zurückgekehrten Günther zum Professor für Sozialanthropologie, obwohl dieser nicht einschlägig qualifiziert ist. Die Universität Jena wehrt sich und holt Gutachten von „führenden Gelehrten“ ein, so auch von Lundborg, der aber eine Berufung Günthers „lebhaft befürwortet“. Hitler kommt persönlich zur Antrittsvorlesung.

Im Herbst 1927 wird in Berlin-Dahlem das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik feierlich eröffnet. In Uppsala hingegen wird der Etat von Lundborgs Institut gekürzt, sechs seiner ehemals sieben Mitarbeiter sind fort. Lundborg sieht in alldem eine Verschwörung. Immerhin kommen Gäste einer öffentlichen Vorlesungsreihe im Herbst 1931, u.a. Hermann Muckermann, Otmar von Verschuer sowie Erwin Baur aus Berlin-Dahlem. Im Zeitraum dieser Veranstaltungen stirbt seine Frau Thyra in einem Pensionat, doch scheint dies in Lundborgs Leben keine Rolle mehr zu spielen. Anstatt sein gigantisches Material zu bearbeiten, unternimmt er wieder, bis zu seiner Pensionierung im April 1935, mehrere Reisen nach Norden. Lundborg bewohnt mit Maria und Sohn Allan den kleinen Bauernhof in Holstern und erfährt, dass ihn die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina als Mitglied gewählt hat. In Deutschland geraten bereits viele Unerwünschte in das schon fertiggestellte Konzentrationslager in Dachau. Lundborg wird zu einem Kongress nach Berlin eingeladen. In seinem Beitrag heißt es beispielsweise, dass „Minderwertige und Erbkranke sterilisiert oder interniert werden müssten“. Allein bis 1937 werden tatsächlich 400 000 Menschen in Deutschland zwangssterilisiert.

Im September 1936 heiratet Herman im Alter von 68 Jahren die 43jährige Maria. Allan blieb Marias einziges Kind. Die Autorin hält es mindestens für möglich, dass Lundborg die Gelegenheit von Allans Geburt zur Sterilisation beider „kollegial“ beauftragt hat. Für ihn wäre es ja eine „Lösung für allerlei Probleme“. Lundborg scheint in Ruhe gealtert zu sein und stirbt im Mai 1943.

Bei ihren Recherchen fand Hagerman einen Brief von SS-Chef Heinrich Himmler vom Januar 1932, der neben weiteren Empfängern auch an Lundborg gerichtet war. Himmler hatte die SS organisatorisch aufgebaut und bis 1933 „elegante Uniformen… schwarz mit Silberbeschlägen“ für die 52 000 Mann beim Kleiderfabrikanten Hugo Boss bestellt, der selbst NSDAP- und Fördermitglied der SS war. Der Brief beginnt: „Daran, dass das Judentum als eine Mischrasse aus negroiden, hethitischen, mongolischen, und einigen europäischen Einschlägen tief unter der nordischen Rasse steht, darin waren sich Gobineau, Richard Wagner…bis hin zu… Professor Lundborg die… rassenbewussesten Persönlichkeiten Europas einig.“ Im Bundesarchiv in Berlin findet Hagerman eine Hollerith-Rassenkarte vom Rassenamt- SS. Darauf findet sie die Spalte und das Feld für die „ostbaltische Rasse“, der Maria Lundborg angehörte.

Ein exzellentes, wissenschaftliches Werk, sehr menschennah und enorm lehrreich. Man kann nicht aufhören zu lesen.

Prof. Dr. Carsten T. Niemitz, Mölln

 

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