Das die Medien im Augenblick beherrschende Thema des Klimawandels und der Vermeidung von CO2-Emissionen rückt die Frage der zukünftigen Stromerzeugung in den Mittelpunkt des Interesses, zumal viele Entwicklungen oder politische Lösungsversuche, wie z. B. die Einführung von Elektroautos oder die Digitalisierung des täglichen Lebens, einen erhöhten Bedarf an elektrischer Energie verursachen.
Die beabsichtigte Abschaltung von Kohlekraftwerken in Deutschland, die einhergeht mit dem massiven Neubau von Kohlekraftwerken in China und Indien, wirft die Frage auf, wie die zukünftige Stromversorgung weltweit sichergestellt werden soll.
Götz Ruprecht und Horst-Joachim Lüdecke analysieren vor diesem Hintergrund die Möglichkeiten nicht-fossiler Stromerzeugung ohne CO2-Emission.
Dazu betrachten sie in Kapitel 2 die Energieeffizienz der verschiedenen Erzeugungsarten Sonne, Biokraftstoffe bzw. Biomasse, Wind, Gas, Kohle, Wasser und Kernkraft, und zwar mit einer ganzheitlichen Methode, bei der der tatsächliche Aufwand mit allen versteckten energetischen Kosten berechnet wird. Dabei werden z. B. die Herstellung der lichtempfindlichen Halbleiter bei Solaranlagen oder der starken Magnete unter Verwendung des Seltenerdelements Neodym bei Windkraftanlagen berücksichtigt. Wegen der geringen Energiedichte der „erneuerbaren“ Stromerzeuger und der fehlenden Speichermöglichkeit zur Überbrückung der Ausfälle bei Windstille und Nacht müssen genügend viele auf fossilen Energieträgern basierende Kraftwerke ständig in Bereitschaft gehalten werden. Man muss deshalb ein doppeltes System von Kraftwerken aufbauen, zu deutlich höheren als den doppelten Kosten. Deshalb schneiden diese Quellen schlecht ab im Vergleich zur Wasserkraft und zur Kernenergie.
Für Länder, die nicht wie Norwegen, die Schweiz oder Österreich von der Natur mit Wasserkraft reichlich ausgestattet sind, bleibt die Kernenergie das Mittel der Wahl.
In Kapitel 3 betrachten die Autoren die biologische Wirkung der Radioaktivität, den natürlichen Strahlungshintergrund in verschiedenen Gegenden der Erde im Vergleich zu einer Ganzkörper-Computer-Tomographie, die Endlagerung der abgebrannten Brennstäbe, die Reichweite der Nuklearbrennstoffe und die Sicherheit der heutigen 448 bestehenden und 57 im Bau befindlichen Kernkraftwerke weltweit. Sie kommen, entgegen der politischen Stimmung in Deutschland, zu einem positiven Ergebnis wegen der Effizienz und Klimafreundlichkeit dieser Kraftwerke. Jedes der in Deutschland negativ bewerteten Themen wird detailliert behandelt: die Sicherheit des Betriebs im Vergleich zu anderen Stromerzeugungsmethoden, die Endlagerung des Abfalls (ein Endlager in Finnland ist im Bau) und die zeitliche Reichweite der Kernbrennstoffe. Bei allen diesen Problemen wird darauf hingewiesen, dass die in der Entwicklung befindliche neue Generation IV von Kernkraftwerken noch besser abschneidet.
Kapitel 4 behandelt dann diese in der Entwicklung befindlichen sechs neuen Reaktortypen der Generation IV: schnelle Reaktoren mit Kühlung durch flüssiges Natrium, flüssiges Blei oder Gas, der Helium-gekühlte Hochtemperaturreaktor, der Flüssigsalzreaktor und der Dual Fluid-Reaktor.
In Kapitel 5 wird die augenblickliche Entwicklung der Reaktorforschung und des Neubaus von Reaktoren in den USA, Europa und Asien behandelt. Die meisten der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) bauen ihre zivile Nutzung der Kernenergie aus, ebenso Finnland und Schweden.
Wenn man die europäischen Nationen klimapolitisch vergleicht, sieht man in der Tat, dass die Länder mit Kernenergie und Wasserkraft gut abschneiden. Die geringsten CO2- Emissionen pro Einwohner in Europa haben Norwegen wegen seiner reichen Versorgung mit Wasserkraft, die Schweiz und Schweden mit ihrer intelligenten Kopplung von Kernkraftwerken mit der Wasserkraft und Speicherseen und Frankreich und Finnland dank ihrer Stromerzeugung durch Kernkraftwerke.
Das Buch schließt mit der Hoffnung, dass auch in Deutschland ein Umdenken über die Kernenergie einsetzen wird, wenn die gegenwärtige Energiepolitik scheitert. Zu einer realistischen Einschätzung der energiepolitischen Optionen liefert es einen fundierten Beitrag.
Prof. em. Dr. Konrad Kleinknecht, München