Auf Augenhöhe begegnen sich im Buch über 60 „Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher“. Sie wurden hauptsächlich von den Patientinnen und Patienten selbst, zum Teil auch von Familienangehörigen, Betreuungspersonen und einem Mitschüler geschrieben. Die Herausgeber sind ein Kinderkrankenpfleger, eine Kliniklehrerin und eine wissenschaftlich tätige Ärztin, die auch als Patientin Erfahrung hat; ferner der ärztliche Direktor, Kinderarzt und Philosoph, sowie ein Sonderschulrektor a.D., der Schulleiter der Klinikschule ist. Die Herausgeber können auf lange Berufserfahrungen und z. T. auf Erfahrungen mit eigenen Kindern zurückblicken. Sowohl die Patienten, deren Geschichten erzählt werden, als auch die Herausgeber haben Bezüge zur Jugendpsychiatrie in Tübingen. Die Geschichten handeln von vielen unterschiedlichen psychiatrischen Zustandsbildern: ängstliche, depressive, zwanghafte und autistische Zustandsbilder, das Asperger-Syndrom, posttraumatische Belastungsstörungen (auch infolge inzestuöser Missbrauchserfahrungen) sowie Selbstwertkrisen, Störungen der sozialen Kompetenzen, Selbstverletzungstendenzen, Selbstmordgedanken und -versuche, Computersucht, Phobien, Essstörungen und Autonomiekonflikte, das alles findet sich im Buch. In vielen Erzählungen ist auch von riskanten Umweltbedingungen die Rede, wie sie sich in Familien oder Schulen, aber auch beim Konsum von Drogen oder Internetsurfen ergeben können. Es wird deutlich, dass viele Psychiatriepatienten die Symptomträger einer belasteten und belastenden Umwelt sind. Leider ist ein erheblicher Teil der Umweltfaktoren und „Stressoren“ therapeutisch nicht modifizierbar. Weil die kinder- und jugendpsychiatrischen Interventionen nicht nur lebensrettend, sondern auch lebensentscheidend sein können und Psychotherapie sowie ein Nachreifen zeitaufwändig sind, erweisen sich oft Klinik-Aufenthalte von der Dauer eines Jahres (und mehr) als nützlich und notwendig. Dasselbe gilt für betreute Wohngemeinschaften, um belastende innerfamiliäre Konflikte und andere nicht therapierbare Stressoren während der Zeit der ambulanten Nachbetreuung – und darüber hinaus – zu vermeiden.

Die Berichte machen deutlich, dass man beim Besuch einzelner psychiatrischer Abteilungen auf den ersten Blick nicht immer erkennen kann, wer Patient und wer Mitarbeiter ist. Auffallend oft haben die gesammelten „Geschichten aus dem Leben seelisch kranker Jugendlicher“ Bezüge zur Pubertät. Im Gegensatz zu Naturvölkern erweist sie sich in unserer Gesellschaft immer wieder als ein kritischer Lebensabschnitt, auch wenn ein Hauptteil der Ursachen schwieriger Pubertätsverläufe in der frühen Kindheit liegt. Viele Leser werden sich bei der Lektüre wiederfinden. In diesem Sinne ist das Buch auch ein Beitrag zur Entstigmatisierung all jener, die sich in eine psychiatrische Behandlung begeben.

Auch wenn für Leser der Naturwissenschaftlichen Rundschau Verknüpfungen mit mit dem theoretischen Hintergrund, z. B. der Bindungstheorie – inklusive Bindungstypen, Zürcher Modell, Aspekten von Resilienz und Psychogenese der Inzesthemmung – von Interesse wären, ist der narrative Ansatz des Buches für sich wertvoll und hat eine Wirkung, die Theorien ergänzen und bebildern kann.

Das Vielautoren-Werk ist gut lesbar, weil es in gelungener Weise so editiert worden ist, dass man sich nicht bei jeder Geschichte an einen neuen Schreibstil gewöhnen muss, es erfordert auch keine psychotherapeutischen oder psychiatrischen Vorkenntnisse. All jenen ist es zu empfehlen, denen ein Einblick in die Sorgen und Ängste von Jugendlichen hilft, also jenen, die in verantwortungsvoller Weise mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, wie Eltern, Lehrer, Mitarbeiter von Jugendämtern, Polizei usw.; es ist aber auch ein Aufklärungsbuch für alle, die an Entwicklungspsychologie und an den individuellen Irr- und Abwegen sowie den krankheits- und störungs-bedingten Grenzen der „Vernunft“ sowie Grenzen des „freien Willens“ interessiert sind.

Dr. med. Gerhard Medicus, Innsbruck

 

Bernd Gomeringer, Jessica Sänger, Ulrike Sünkel, Gottfried Maria Barth, Max Leutner (Hrsg.): Vögel im Kopf – Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher. bestellen