Die Flüsse, die eine Landschaft prägen, so kann einem der Gang der Menschheits- und Wissenschaftsgeschichte erscheinen: sich aus vielen Quellen speisend, an Größe gewinnend, einmal reißend schnell, dann mäandrierend Nebenarme bildend und am Ende als Strom in einem Meer mündend. Ist der Weg einmal gebahnt, so ist ein zielgerichtetes Geschehen in die Landschaft eingeschrieben – allerdings nicht für ewig. Denn jeder Fluss unterliegt dem steten Wandel und auch er wirkt als Gestalter mit. So findet das strömende Wasser immer wieder neue Wege und Ziele. Das einzig Bleibende ist der große Zusammenhang von Kreisläufen und die innige Verwobenheit zwischen den treibenden und beharrenden Kräften.

Dieses Bild eines dynamischen großen Ganzen mag ein geeigneter Hintergrund für die Lektüre dreier sehr unterschiedlich ausgerichteter Hauptbeiträge in diesem Heft sein. In dem ersten würdigt Martin Schneider mit Hermann von Helmholtz eine der herausragenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts (S. 452). Seinen Zeitgenossen galt Helmholtz als Repräsentant der Wissenschaften in Deutschland, eine Rolle, die er gerne annahm. Denn er erkannte die immense Bedeutung der Naturwissenschaften für Wohlstand und Wohlergehen der Nationen. Doch so sehr er die Anwendungen im Blick hatte, so war es ihm als Redner und Autor ein besonderes Anliegen, eine Vorstellung vom inneren Gehalt der Wissenschaften zu geben. In seiner 1874 verfassten Schrift Über das Streben nach Popularisierung der Wissenschaft bedauerte er einen „Zwiespalt in der Geistesbildung der modernen Menschheit“, den es zu überwinden gelte. Er forderte deshalb, die „literarisch-logische“ Bildung, die zu seiner Zeit dominierte, mit der „neuen naturwissenschaftliche Richtung“ zu vereinigen. Beide erst machten eine umfassende Bildung aus, wie er denn auch die Geistes- mit den Naturwissenschaften unter dem Dach der Wissenschaften vereint sah.

Die Naturwissenschaft – allen voran die Physik – war für Helmholtz eine „Gesetzeswissenschaft“. Unerlässlich für die Aufdeckung von Gesetzen sei die Begegnung mit der „lebendigen Wirklichkeit“. Der Mensch sei zu unerhörten Leistungen fähig, wenn er den ganzen Weg von den Tatsachen bis zur vollendeten Kenntnis von Gesetzen zurückgelegt habe. Davon, dass dieser Weg erfolgreich ist, musste Helmholtz seine Zeitgenossen nicht erst überzeugen, die den Aufstieg von Industrie und Technik hautnah miterlebten. Helmholtz’ Werk erwies sich wie ein Fels in der Brandung. Insbesondere seine Beiträge zur Thermodynamik und Elektrodynamik wurden zu Fundamenten der Physik. Doch gerade „seine“ Wissenschaft, die ihrem Abschluss nahe zu sein schien, wurde schon wenige Jahre später durch seinen jüngeren Kollegen Max Planck revolutioniert. Die Quantenphysik veränderte die Forschungslandschaft grundlegend, und schon nahmen neue Entwicklungen ihren Lauf, die neue Quellen aufbrechen ließen. Die großen Fragen nach Kausalität und Determiniertheit allen Geschehens stellten sich nun in einem anderen Licht dar. Hier nun setzen der Physiker Gerhard Luhn und der Neurobiologe Gerald Hüther mit ihrem Beitrag an. Sie fordern dazu auf, die Erkenntnisse der Quantenphysik, die bislang nur Eingang in Wissenschaft und Technik gefunden haben, ins Leben einzubeziehen und Abschied von der Vorstellung einer durchgängigen Determiniertheit zu nehmen (S. 460). Sie nehme nämlich gefangen und erschwere es, mit den Herausforderungen des permanenten Wandels, mit denen die Menschen heute konfrontiert werden, zurechtzukommen. Der Vorschlag der Autoren ist, die empfundene Gefahr nicht durch ein Mehr an Steuerung und Kontrolle zu bannen, wie es das alte, deterministische Weltbild nahelegt, sondern sich auf das Unbestimmte einzulassen. Mit ihrem „Konzept der Berührung“ schlagen sie eine Brücke zu den Geisteswissenschaften, in denen es – um Formulierungen von Helmholtz aufzugreifen – nicht um scharf ausgesprochene allgemeine Regeln und Gesetze geht, sondern um Urteile, die mit „psychologischen Taktgefühl“ gefällt werden. Und so wählen die Autoren denn auch tastende Formulierungen und Umschreibungen, um ihre Vorstellungen im Grenzbereich von Psychologie, Naturwissenschaften und Mathematik zu skizzieren.

Mit dem dritten Beitrag wird dem Landschaftsbild neben der Natur- und Geisteswissenschaft noch eine dritte Komponente zugefügt, die in der Entwicklung der Menschheit einen ersten Rang hat: die Kunst. Sie war und ist Motor und Begleiterin aller Kultur. Insbesondere die beschreibende Naturkunde war eng mit der Kunst verwoben, solange diese noch eine Domäne in der naturalistischen Darstellung hatte. Doch Wissenschaft und Kunst gingen ihre eigenen Wege. Ist es richtig, sie nun geradezu institutionell zu vereinen, wie es mit der Einrichtung von Science Galleries praktiziert und für Naturkundemuseen vorgeschlagen wird? Diese Frage stellt die Entomologin und Sammlungskuratorin Marion Kotrba anlässlich der Publikation des Buches Ideas Colliders – the Future of Science Museums (S. 475). Es geht um Grundsätzliches: Wird man dem Bedürfnis nach Orientierung gerecht, wenn man die Eigenständigkeit der Zugangsweisen, die Kunst und Wissenschaft für das Verständnis dieser Welt bieten, nicht respektiert? Geht es in Wissenschaftsmuseen nicht primär darum, Naturdinge und Phänomene vorzustellen und – in Helmholtz‘ Worten – die Besucher „in Berührung mit der naturwissenschaftlichen Gedankenarbeit“ zu bringen? – Erst wenn die Verhältnisse klar sind, ist es höchst reizvoll und erhellend, von dem einen zum anderen Ufer überzusetzen.

Klaus Rehfeld