In den Jahren 1920 und 1922 veröffentlichte der Forstwissenschaftler Alfred Möller (1860–1922) zwei Schriften mit seiner revolutionären Idee, die Forstwirtschaft von ihrem Paradigma der naturfernen Altersklassenwirtschaft zu befreien. Warum ignorieren die traditionelle Forstwirtschaft, die universitäre Forstwissenschaft und die Politik seit nunmehr über 100 Jahren diesen Ansatz, der den einzig gangbaren Weg aufzeigt, weg von den strukturarmen, altersgleichen, artenarmen und klimainstabilen forstlichen Monokulturen, die besonders anfällig gegen Dürre, Sturm, Schnee, Borkenkäfer und Feuer sind, hin zu den artenreichen, altersgemischten, strukturreichen und klimastabileren natürlichen Mischwäldern? Überzeugende Antworten hierauf liefert das von Wilhelm Bode herausgegebene Buch Alfred Möllers Dauerwaldidee. Angesichts der durch den Klimawandel ausgelosten Diskussion um die Zukunft unserer Wälder kommt nicht nur dieses wegweisende Buch genau zur rechten Zeit, sondern auch der parallel erschienene Kurzleitfaden für die Praxis: Dauerwald – leicht gemacht! Typisch deutsch sei die Liebe zum Wald – dieses weit verbreitete Klischee spiegelt sich nicht nur in Volksliedern, Märchen und Sagen, sondern auch in Gedichten, Novellen, Filmen und Opern wider. Wenn die Liebe der Deutschen tatsächlich derart groß ist, warum ist der Zustand der Wälder in Deutschland inzwischen derart katastrophal?

Ohne menschlichen Einfluss wäre Deutschland nahezu vollständig von sommergrünem Laubwald bedeckt. Nach einer mehrtausendjährigen Landnutzungsgeschichte sind immerhin noch heute mehr als 30% der Fläche Deutschlands mit Wald bedeckt, worum uns viele Länder beneiden. Allerdings besteht dieser „Wald“ überwiegend aus plantagenartigen Fichten-Monokulturen. Der von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klockner vorgestellten Waldzustandsbericht 2020 belegt, dass es dem deutschen Wald extrem schlecht geht: Der Anteil der Bäume mit intakten Kronen betragt nur noch 21 Prozent. Ursachen sind die Dürre der vergangenen Jahre, die zunehmende Zahl der Stürme und der Siegeszug der Schädlinge in Form des Borkenkäfers. Die seit über 200 Jahren immer wieder angepflanzten Fichten-Monokulturen sind im Gegensatz zu den natürlich gewachsenen Mischwaldern extrem anfällig gegen Dürre, Sturme und Schädlinge. Den Ausweg aus dieser Misere hat Alfred Möller mit seiner Dauerwaldidee bereits vor einhundert Jahren aufgezeigt. Im vorliegenden Buch gelingt es dem Herausgeber Wilhelm Bode eindrucksvoll zu vermitteln, worin das Revolutionäre in der Dauerwaldidee liegt.

Alfred Möller hat die Prinzipien einer alternativen Forstwirtschaft entwickelt, die sich konsequent an dem Vorbild der Natur orientiert. Während für die etablierte Forstwirtschaft der Wald eine Holzplantage von angepflanzten und daher gleichaltrigen Fichten ist, betrachtete Möller den Wald als ein extrem vernetztes Ökosystem. Die traditionelle Forstwirtschaft ist geprägt durch den rein ökonomischen Blick auf die Bäume. Möller hingegen betrachtete den Wald aus einer konsequent ökologischen Sicht. Seine Ansichten waren stark geprägt durch drei Naturwissenschaftler: Emil Adolf Rosmasler (1806–1867), Charles Robert Darwin (1809–1882) und Johann Christian Karl Gayer (1822–1907). In seinem 1863 erschienenen Buch Der Wald hat Rosmasler anschaulich geschildert, dass der Wald „nicht bloß aus Bäumen besteht“, sondern ein „tausendfach zusammengesetztes Ganzes“ darstellt, „an welchem jedes Glied seine bestimmte Stelle einnimmt“. Aus Charles Darwins epochalen Werk On the Origin of Species, das ein Jahr später unter dem Titel Über die Entstehung der Arten in deutscher Sprache erschien, hat Möller geschlussfolgert, dass keinerlei Eingriff in den Wald möglich sei, „ohne dass wir damit neben den von uns unmittelbar verfolgten Zwecken zugleich auch zahllose andere Wirkungen auslösen, deren Folgen wir gar nicht übersehen.“ Deshalb erschien es Möller wesentlich, „solche Einsicht sich auswirken zu lassen auf forstliches Handeln“. Aus dieser Perspektive wurde für Möller das Studium des 1886 erschienene Buch des Münchner Waldbauprofessor Kari Gayer Der gemischte Wald, dessen Begründung und Pflege insbesondere durch Horst- und Gruppenwirtschaft zum Schlüsselerlebnis. Aufgrund seiner kritischen Analyse der bedenklichen Waldzustände und des waldbaulichen Geschehens des 19. Jahrhunderts kam Gayer zu der Einsicht, man müsse wieder zur Plenter- oder Femelwirtschaft zurückkehren, die man bereits in der Anfangszeit der deutschen Forstwirtschaft durch die schlagweise Wirtschaft und den Altersklassenwald überwunden glaubte. Ausgerüstet mit dem von Rosmasler, Darwin und Gayer vermittelnden Wissen gelangte Möller zu neuen Erkenntnissen. So deutete er die „Verheidung“ von Waldschlägen als Resultat fehlerhafter Waldbehandlung, als eine „forstwirtschaftliche Mißgeburt, erzeugt aus der Paarung zweier waldfeindlicher Operationen: Ausraubung des Bodens durch Entführung seiner Decke (Krume) und Freilegung desselben durch Kahlhiebe.“

Von großer Wichtigkeit für die Entwicklung der Dauerwaldidee waren auch Möllers Freilandforschungen im brasilianischen Urwald über tropische Pilze. Er erkannte, dass Wald und Boden aufs engste miteinander verbunden sind „in dauernder gegenseitiger Wirkung, wie die Organe eines Organismus“. Aufgrund seiner Erkenntnisse zum Lichtfaktor schlussfolgerte er, dass jeglicher Kahlschlag in der Forstwirtschaft verworfen werden müsse.

1899 wurde Möller Professor an der Forstakademie in Eberswalde, die er von 1906 bis 1921 als Direktor leitete. Parallel gründete er ein Pilz-Forschungsinstitut. Sein Buch Der Dauerwaldgedanke erschien erst 1922, kurz nach seinem Tod. Darin verurteilte er den Kahlschlag-bedingten Altersklassenbetrieb, den er als künstlichen „Holzackerbau“ bezeichnete, als Fehlentwicklung. Für Möller lag die Ursache für diese Fehlentwicklung in dem Versuch der Vertreter der etablierten Forstlehre, der „älteren Schwester Landwirtschaft“ nacheifern. Möller warf den Forstbetreibern vor, sie hätten die „Wesensverschiedenheit der Geschwister“ nicht begriffen. Während es im Ackerbau mit der Ernte des Getreides einen Endpunkt der Nutzung gibt, habe die Vegetationsform Wald keinen notwendigen Endpunkt ihres Bestehens. Der Forstackerbau habe künstlich einen solchen Endpunkt geschaffen, weil die Bäume wie auf einem Acker gepflanzt und gleichalt alle auf einmal geerntet werden. In dem von Möller geforderten Dauerwald konnte „ewig“ Holz geerntet und der Wald trotzdem erhalten werden. Möller war überzeugt davon, dass mit dem Dauerwald „eine neue Epoche der waldwirtschaftlichen Arbeit“ beginnen kann. Die Schlüsselforderung sei, dass die Stetigkeit des Waldes nicht unterbrochen werde. Als entscheidende Merkmale der „Stetigkeit“ des Waldes benannte Möller die Bodenflora und die Vogelwelt. Statt der gewaltsamen und unnatürlichen Kahlschlagwirtschaft propagierte er die „ununterbrochene, tägliche, daher fast unmerkliche Bestandspflege“. Am häufigsten wird heute Möllers Leitsatz zitiert: „Das Holz muss geerntet werden als die Frucht des Waldes, der Wald aber muss bleiben.“

Der Herausgeber, der durch sein Buch Waldwende 1994 bundesweit bekannt gewordene Jurist und Forstwissenschaftler Wilhelm Bode, beginnt unter der Kapitelunterschrift „Reden wir Tacheles!“ mit einer scharfzüngigen Analyse der aktuellen Forstkrise. Sie liest sich wie ein Krimi, denn Bode postuliert unter dem Blickwinkel der Klimaerwarmung mit bestechenden Argumenten und einer mitreisenden Sprache, dass die unökologische „naturferne Kunstbewaldung“ nicht nur eine Systemkrise, sondern ein sträfliches Systemversagen ist. Er führt die „politische Paralyse“ auf den Forst- Lobbyismus zurück, wodurch die „real existierende Plantagenwirtschaft“ weiter zementiert und jegliche Alternative zum bestehenden, kranken Forstsystem immer wieder verhindert werde.

Im Anschluss an diesen wegweisenden Text, den jeder Forstwirtschaftler als Pflichtlektüre lesen sollte, folgt der Abdruck eines Offenen Briefes, der von über 70 namhaften Wald- und Naturschutzexperten im August 2019 an die Bundesforstministerin Julia Klockner (CDU) gesendet wurde. Ziel des Briefes war es, die Ministerin von ihrer rückwärtsgewandten und waldschädlichen Politik abzubringen. Aber bisher hat dieser Aufruf keinerlei Wirkung gezeigt. Sechs weitere Beiträge befassen sich kritisch mit dem aktuellen Zustand des deutschen Waldes, mit naturschutzwidrigen Praktiken der Forstwirtschaft sowie mit den Grundgedanken und kontroversen Fachdebatten um das Möller‘sche Dauerwaldkonzept. Norbert Panek, der nicht nur durch sein unermüdliches Engagement für die Ausweisung eines Buchenwald-Nationalparks im nordhessischen Kellerwald deutschlandweit bekannt wurde, sondern auch durch den 2001 von ihm mitbegründete „Verein Buchenwald-Institut e. V.“, analysiert den ökologischen Zustand der deutschen Walder im Modus einer Holzfabrik. Seine Ergebnisse sind erschütternd: Den Forsten fehlt jegliche Naturnähe, und der ökologisch relevante Totholzvorrat sinkt entgegen offizieller Verlautbarungen immer weiter. Panek prognostiziert für die Forste eine düstere Zukunft angesichts der durch die Holzlobby dominierten „Eckpunkte der Waldstrategie 2050“. Das Autorenkollektiv Bernd Gerken, Johannes Hansmann und Michael Kleff enthüllen am Beispiel des Leipziger Auwaldes, wie vordergründig bestimmte Naturschutzargumente benutzt werden, um eine industrialisierte Forstwirtschaft mit Kahlschlägen zu rechtfertigen. Drei weitere Fachbeiträge von Gerhard Hofmann, Orazio Ciancio und Wilhelm Bode reflektieren die Originalschriften Möllers sowohl im historischen Kontext der deutschen Forstgeschichte als auch angesichts der gegenwärtigen beunruhigenden Forstsituation im 21. Jahrhundert. Im Anschluss daran werden erstmals sämtliche Originaltexte Alfred Möllers zum Dauerwaldgedanken präsentiert (u. a. seine bekannteste Publikation Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung). Mit dem vorliegenden Band liegt nicht nur der bislang umfassendste Einblick in die Idee des Dauerwaldes vor, sondern auch die bisher detaillierteste Analyse des forstfachlichen Widerstreites, den die Idee des Dauerwaldes im Verlauf des letzten Jahrhunderts ausgelost hatte.

Allerdings bleibt die Frage offen: Wie lange lasst sich in Politik und Forstwirtschaft das Thema Dauerwald, das durch den Klimawandel enorm an Aktualität gewonnen hat, noch ignorieren? Viel spricht dafür, dass das von Bode herausgegebene Kompendium gerade zur rechten Zeit erschienen ist, weil die konventionelle Forstwirtschaft mit ihrem Latein am Ende ist. Der anstehende Paradigmenwechsel in der deutschen Forstwirtschaft ist längst überfällig.

Wie ein Altersklassenwald in einen ökologisch gesunden und ökonomisch tragfähigeren Dauerwald umgestellt werden kann, dafür liefern die beiden Autoren Wilhelm Bode und Rainer Kant mit einem zweiten Buch: Dauerwald – Leicht gemacht! – Ein Kurzleitfaden für die Praxis. Herausgeber ist der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e. V. (B.A.U.M.), der seit 1984 erfolgreich und zukunftsorientiert ökonomische, ökologische und soziale Fragen miteinander verbindet. Ziel von B.A.U.M. ist es, Unternehmen, Kommunen und Organisationen für die Belange des vorsorgenden Umweltschutzes sowie die Vision des nachhaltigen Wirtschaftens zu sensibilisieren und bei der ökologisch wirksamen, ökonomisch sinnvollen und sozial gerechten Realisierung zu unterstützen.

Dauerwald – Leicht gemacht ist der erste Leitfaden für die praktische Umstellung konventionell betriebener Forstbetriebe auf einen Dauerwaldbetrieb, seit vor gut einhundert Jahren Möller die Alternative entwickelte! Er richtet sich an Waldbesitzer, Förster, Studierende, Engagierte aus Naturschutz und Kommunalpolitik. Der Leitfaden profitiert von den praktischen Erfahrungen der rund 200 Waldbaubetriebe, die in Deutschland bereits nach der Dauerwaldidee arbeiten. Er orientiert sich an der vor 14 Jahren begonnen Umstellung des Privatforstbetriebs Kalebsberg in der Mecklenburgischen Schweiz. Die großartigen Photographien von Rainer Kant – einem professionellen Photographen und leidenschaftlichen Waldexperten – belegen eindrücklich, was sich in einer derart kurzen Zeitspanne erreichen lässt. Der Leitfaden ist nicht nur sehr anschaulich geworden, sondern auch didaktisch ausgesprochen gut gemacht. Das vermitteln bereits die drei handlichen waldbaulichen Kurzprogramme als Einlegekarten: „1×1 der naturnahen Waldbegrünung nach Kalamitäten“; „1×1 der Auslesedurchforstung“; „1×1 der Vorratspflege“. Die vielen eingebauten Schemata bestechen durch ihre Anschaulichkeit. Die knappen, erläuternden Texte werden Abschnitt für Abschnitt ergänzt durch erhellende „Exkurse“. Eingeschobene Merksprüche und thesenhafte Zusammenfassungen finden sich in jedem Kapitel. Etwas so Anschauliches, Verständliches und Eingängiges hat es bisher in der Waldbauliteratur noch nicht gegeben! Die Zeit ist reif! Der längst überfällige Umbau der deutschen Waldwirtschaft könnte forciert beginnen, zumal sich die Hälfte des Waldbesitzes in der Hand des Staates befindet.

Dr. Reinhard Piechocki, Kasnevitz

bestellen: Wilhelm Bode (Hrsg.): Alfred Möllers Dauerwaldidee

bestellen: Wilhelm Bode, Rainer Kant: Dauerwald – Leicht gemacht!