Der 200. Geburtstag der beiden großen deutschen Persönlichkeiten Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz in diesem Jahr war der Anlass für dieses Buch über die Lebensleistungen dieser beiden Ausnahmeforscher, die zeitweise gleichzeitig an der Charité in Berlin gewirkt haben. Dabei vermittelt das Buch aber nicht nur einen Teil deutscher Wissenschafts- und Medizingeschichte. Ausdrücklich liegt der Fokus auch auf der großen medizinischen Tradition der „Gesundheitsstadt Berlin“ – der „Berliner Schule“, die sich auf Virchow und von Helmholtz zurückführen lasst, und die vor allem im letzten Teil des Buches im Vordergrund steht. Das Autorenteam besteht aus einem Physiker und Wissenschaftshistoriker und einem Mediziner: Ernst Peter Fischer lehrte ab 1987 an der Universität Konstanz und zählt zu den bekanntesten Wissenschaftspublizisten. Detlev Ganten ist international anerkannter Bluthochdruckforscher, dessen Wirken eng mit der Stadt Berlin verknüpft ist. So war er Gründungsvorstand des Max-Delbruck-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch und von 2004 bis 2008 Vorstandsvorsitzender der neuen Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Die Idee des Humanen besteht aus zwei Teilen, von denen der erste den Biographien der beiden Forscher gewidmet ist, während im zweiten Teil der Wissenschaftsstandort Berlin vorgestellt wird, zu dessen Ruhm Virchow und Helmholtz entscheidend beigetragen haben. Beide Teile beginnen mit einem kurzen Abriss der Medizingeschichte – im ersten Teil von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, im zweiten Teil der Medizin des 20. Jahrhunderts. Schnell wird deutlich, dass es zwischen Virchow und dem gleichaltrigen von Helmholtz viele Parallelen, aber auch wichtige Unterschiede gab. So haben beide an der Pépinière studiert, einer der Berliner Universität angeschlossenen militärärztlichen Akademie, die in erster Linie Militärchirurgen ausbilden sollte und eng mit der Charité kooperierte. Während der kostenlose Besuch dieser Einrichtung für den aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Virchow jedoch eine Voraussetzung für ein Medizinstudium war, stammte von Helmholtz aus dem Bildungsbürgertum. Beide waren gute und wissbegierige Schüler, doch nur Virchow entwickelte eine Leidenschaft für den Arztberuf und blieb ihm zeitlebens treu. Helmholtz‘ Herz schlug stattdessen für die Physik, und er studierte nur auf Wunsch seines Vaters, der die Physik für eine brotlose Kunst hielt, Medizin. Nach anfänglicher Arbeit als Armeearzt wechselte er deshalb schnell in die Forschung, wobei er Fragestellungen bevorzugte, die sich an der Grenze zwischen Medizin und Physik bewegten, wie sie vor allem in der Physiologie zu finden waren. So beschäftigte sich der junge Mediziner etwa mit der Physiologie der Sinne, insbesondere der Augen und Ohren, entwickelte ein Instrument zur Untersuchung des Augenhintergrunds – den Augenspiegel – und stellte Überlegungen zum Farbensehen an. Im Jahre 1871 gelang ihm nach Stationen in Königsberg, Bonn und Heidelberg endlich der ersehnte Wechsel auf einen renommierten Lehrstuhl für Physik an der Universität Berlin. Von 1887 bis zu seinem Tod leitete er zudem die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Berlin, die heute noch als Physikalisch-Technische Bundesanstalt existiert. Dieses Amt brachte ihm den Beinamen „Reichskanzler der Physik“ ein, und heutzutage ist der Name Hermann von Helmholtz hauptsächlich mit physikalischen Errungenschaften wie der Ausformulierung des Energieerhaltungssatzes verknüpft.

Virchows Wirken fokussierte dagegen schnell auf Fragen der Hygiene und der öffentlichen Gesundheitsvorsorge. So geht unter anderem der Bau von Krankenhäusern und Abwasserkanälen auf ihn zurück – beides trug entscheidend dazu bei, Epidemien, die das 19. Jahrhundert prägten, zurückzudrängen. Früh erkannte Virchow, dass nur Bildung die Gesundheit der Bevölkerung verbessern wurde. Für seine Forderungen nach Bildung, Wohlstand und Freiheit für das Volk trat er auch politisch ein und kam dadurch immer wieder mit der Obrigkeit in Konflikt. Helmholtz dagegen enthielt sich weitgehend politischer Stellungnahmen, was seine Karriere beförderte.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Erbe der Berliner Schule, konkret der Geschichte der Gesundheits- und Wissenschaftsstadt Berlin von der Wiedervereinigung bis heute. In dieser Zeit wurden unter anderem das Max-Delbruck-Centrum, an dem Ganten wirkte, die Berlin University Alliance als Zusammenschluss der drei Berliner Universitäten und das Humboldtforum gegründet. Auch der World Health Summit, ein Forum für globale Gesundheit, das Politik, Wissenschaft und Medizin zusammenbringen soll und dem Detlev Ganten bis 2020 vorstand, hat seinen Sitz in Berlin. Abschließend werden einzelne biomedizinische Projekte sowie herausragende Berliner Forscher und Forscherinnen vorgestellt. So arbeiten heute sowohl der Virologe Christian Drosten, der für seine Aufklärungsarbeit zu COVID-19 in breiten Kreisen bekannt geworden ist, als auch die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier, die für ihre Entdeckung der Genschere CRISPR-Cas im letzten Jahr den Nobelpreis für Chemie erhalten hat, an Berliner Forschungseinrichtungen. Da naturwissenschaftlich-medizinische Vorkenntnisse für die Lektüre nicht notwendig sind, wendet sich das Buch an eine breite Zielgruppe von an Zeitgeschichte interessierten Lesern.

Dr. Larissa Tetsch, Maisach

 

bestellen: Ernst Peter Fischer, Detlev Ganten: Die Idee des Humanen – Rudolf Virchow und Hermann von Helmholtz. Das Erbe der Charité.