Wissenschaft im Dialog – es gibt wohl kaum einen, der mit diesen Worten nichts anzufangen wüsste, doch wer kennt schon die „gemeinnützige GmbH“, die sich so nennt? Seit nunmehr 20 Jahren erfüllt sie mit ihren vielfältigen Aktivitäten die ihren programmatischen Namen mit Leben, bleibt aber weitgehend im Hintergrund. Am 12. Mai 2000 war Wissenschaft im Dialog auf Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gegründet worden. Neben dem Stifterverband waren acht große Institutionen der Forschung und Wissenschaft an der Gründung beteiligt – u.a. die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Hochschulrektorenkonferenz. Bald kamen weitere namhafte Institutionen dazu, wie die GDNÄ, die Leopoldina und acatech, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

Die Zeit war reif für eine solche Initiative. Das symbolträchtige Jahr 2000 bot sich hierfür an. Denn spätestens seit den Diskussionen über Kernenergie und Gentechnik war klar geworden: Naturwissenschaften und Technik sind wesentliche Treiber der gesellschaftlichen Entwicklungen. Doch Bürger einer demokratischen Gesellschaft wollen nicht Getriebene sein. Sie wollen darüber informiert werden, was eigentlich in den Laboren geschieht, woran gearbeitet wird, und sie möchten den Akteuren zu begegnen, um Fragen zu stellen. Hierfür galt es, neue Formen der Informationsvermittlung und der Kommunikation zu schaffen.

Ein weiteres Motiv Initiative war, bewusst zu machen, welche fundamentale Bedeutung die Wissenschaften für unser kulturelles Leben und unseren Wohlstand haben.

Vorbild für die Initiative war England. Dort hatte die Royal Society bereits 1985 den Anstoß gegeben. Ihr Report The Public Understanding of Science gab einer Bewegung einen Namen, die zunächst unter dem Kürzel PUS – wenig später unter dem Namen PUSH bekannt wurde. Erst das „H“ verlieh der Initiative den Nachdruck gebenden Klang. Es verdankt sich dem Zusatz der „and Humanities“, bedeutet doch das angelsächsische „Science“ allein Naturwissenschaften. Diese Hinzufügung war keine Marginalie: Public Understanding of Science bedeutet nämlich zweierlei – ein grundlegendes Verständnis dessen, was Wissenschaftler konkret erforschen und entwickeln, zugleich aber auch ein Verständnis der Wissenschaften als ein gesellschaftliches Projekt, das besondere Sichtweisen und spezifische Methoden anwendet, um belastbare Erkenntnisse zu gewinnen. Wissenschaften haben somit enorme volkswirtschaftliche Bedeutung. Wer darüber nachdenkt, ist bereits mitten in den „Humanities“, den Geisteswissenschaften im weitesten Sinne, die ihre eigenen Fragestellungen und Arbeitsweisen besitzen und ihre Ergebnisse in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einbringen.

Kurzum: Die Wissenschaften gehen jeden an, weil sie eine tragende Säule unserer Kultur und zugleich ein dynamisches Element unserer Existenz sind. Die Royal Society kam daher zu dem Schluss, dass jeder einzelne – vom Industrielenker bis zum einfachen Arbeiter – ein gewisses Verständnis der Wissenschaften („some understanding of science“) haben müsse.

Die Initiative Wissenschaft im Dialog konnte somit an Konzepte und Erfahrungen anknüpfen. Ein so anspruchsvolles Vorhaben erforderte an erster Stelle ein Umdenken und ein neues Selbstverständnis der Wissenschaftler sowie der wissenschaftlichen Institutionen: Raus aus dem Elfenbeinturm und auf den Marktplatz, aktiv das Gespräch suchen und allgemeinverständliche und innovative Formen der Wissensvermittlung entwickeln!

Vieles hat Wissenschaft im Dialog seitdem initiiert und angeregt. Man denke nur an die zu einer Selbstverständlichkeit gewordenen Universitätstage, an Science-Festivals, an neue Ausstellungskonzepte der Museen oder an die Förderung der Liebhaberforschung, die nun als Bürgerwissenschaft (Citizen Science) aufgewertet wird. Auch die Auslobung des Communictor-Preises seitens des Stifterverbandes und der DFG für gelungene Wissenschaftsvermittlung ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Aushängschild von Wissenschaft im Dialog sind aber die Wissenschaftsjahre, die im Jahr 2000 – 100 Jahre nach Begründung der Quantenphysik durch Max Planck – mit dem Jahr der Physik fulminant begonnen wurden und mit dem Einsteinjahr 2005 einen unvergesslichen Höhepunkt erlebten. Bei Einstein, der 1905 mit gleich drei epochalen Arbeiten von sich reden ließ, kam einfach alles zusammen, was man sich nur wünschen kann, um ein breites Publikum anzusprechen und junge Menschen für ein naturwissenschaftliches Studium zu begeistern: eine faszinierende, weltbewegende Theorie und ein charismatische, nonkonformistische und geniale Persönlichkeit.

Mit Blick auf derartige Höhepunkte wird man sich heute fragen: Wie hieß nur gleich das Jahr der Wissenschaft 2020? – Es ist das Jahr der Bioökonomie und soll im nächsten Jahr fortgesetzt werden. Doch 2020 wird vor allem als „Corona-Jahr“ in Erinnerung bleiben – und zwar auch als ein Jahr der Wissenschaft, wenn auch ganz anderer Art. Die bisherigen Wissenschaftsjahre waren geplant, mit Highlights, mit didaktisch durchdachten Ausstellungen, mit Laborbesuchen und mit Vortragsveranstaltungen, in denen der Dialog gepflegt wurde – alles sozusagen mit Fallnetz.

Nun aber erleben wir Wissenschaft in Echtzeit, in der Bewährung. Wir werden gewahr, dass belastbares Wissen oft erst über Irrtümer zu erlangen ist. Und wir erleben auch, wie schwierig es ist, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu führen. Auch das sind wichtige Erfahrungen, die lange in Erinnerung bleiben werden.

Klaus Rehfeld