„Die Deutschen lieben Bäume, doch ihr liebster ist ihnen unbekannt geblieben“. Stimmt das wirklich? – fragt man sich beim Lesen dieses provokanten Satzes, mit dem der Autor sein Porträt über die Tannen beginnt.  Gebührt  nicht der Eiche oder der Linde der Platz 1 unter den liebsten Bäumen der Deutschen? Spricht nicht vieles für die sagenumwobene und symbolträchtige Eiche als typischer deutscher Wappenbaum? Oder aber für die Linde, die bei den Germanen als heiliger Baum galt, an dem auf dem Thingplatz Gericht gesprochen wurde und über Jahrhunderte hinweg Anfang Mai die traditionellen Tanzfeste stattfanden? Ob der Buchautor Wilhelm Bode recht hat mit seiner Behauptung, die Tanne sei der Deutschen liebster Baum, das lässt sich am deutschen Liedgut eindeutig beantworten: Es gibt viele Lieder über die Eiche, wie zum Beispiel das Niedersachsenlied „Fest wie uns’re Eichen halten allezeit wir stand, wenn Stürme brausen über’s deutsche Vaterland“, aber keines der meist martialischen und nationalistischen Eichenlieder kommt in seiner Popularität heran  an das Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum, ich träumt’ in seinem Schatten, so manchen süßen Traum.“ So bekannt dieses Lied auch ist, so wird es hinsichtlich der Popularität dennoch getoppt durch das Weihnachtslied „Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.“ Ja, der Autor hat recht mit seiner Behautung, die Tanne sei der Deutschen liebster Baum.

Aber: Steckt im ersten Satz seines Buches nicht dennoch eine zwar verdeckte, aber starke und verletzende Provokation, wenn gesagt wird, die Tanne sei für die Deutschen eine Unbekannte geblieben? Vom Verhaltensforschers Konrad Lorenz stammt das berühmte Zitat „Man liebt nur, was man kennt und man schützt nur, was man liebt.“ Wenn Wilhelm Bode recht hat, dann scheint dieser Satz zumindest für die Tanne nicht zuzutreffen. Bekommt man im Buch eine Antwort darauf, warum die Deutschen die Tanne so lieben, obwohl sie eine Unbekannte geblieben

gemeine Rotfichte als Weihnachtsbaum. Seit den 1970ern erlaubte der wachsende Wohlstand, die in den geheizten Wohnungen schnell nadelnde Fichte durch die kaukasische Tanne, die sogenannte Nordmannstanne ist? Nach der Lektüre des ersten Kapitels Geliebte Unbekannte merkt der Leser, dass er ein spannend und anspruchsvoll geschriebenes Buch in der Hand hält mit höchst überraschenden Antworten. Bereits die einleitende Episode über die Kulturgeschichte vom Text und der Melodie dieses populären Weihnachtsliedes enthält viel Interessantes und Überraschendes. Hierzu gehört die Tatsache, dass wir Weihnacht für Weihnacht mit  diesem Lied nie die heimische Tanne, sondern immer andere Nadelbäume besungen haben: Bis in die 1970er Jahre diente die gemeine Rotfichte als Weihnachtsbaum. Seit den 1970ern erlaubte der wachsende Wohlstand, die in den geheizten Wohnungen schnell nadelnde Fichte durch die kaukasische Tanne, die sogenannte Nordmannstanne, zu ersetzen.

Die schöne Tradition, Weihnachten mit einem immergrünen Lichterbaum – damals tatsächlich noch die Weißtanne – zu begehen, ist eine deutsche Erfindung, erstmals praktiziert um 1750 im Oberrheingraben, dem Grenzgebiet zwischen Schwarzwald und Elsass. Von dort wurde der Brauch um 1800 zunächst vom Adel und bald darauf in ganz Europa übernommen. Genau in dieser Zeit haben die Fichten unsere Landschaft radikaler verändert als in tausend Jahren zuvor. Die natürlichen Mischwälder  (u. a. mit Buchen, Eichen und Tannen) wurden durch Fichten-  oder  Kiefern-Monokulturen (sog. Altersklassenwald) ersetzt. Bode führt in seinem Buch überzeugend aus, dass die Methodik der „rationellen Forstwirtschaft“ stark dem Ackerbau ähnelt, denn  alle Bäume werden  nunmehr in Reih und Glied angepflanzt. Obwohl die „rationelle Forstwirtschaft“ für sich beansprucht, das Prinzip der Nachhaltigkeit

„erfunden“ bzw. als erste angewandt zu haben, dienen die Monokulturen seit 200 Jahren nur der Steigerung der Nutzholzversorgung und der Erzielung möglichst hoher Gewinne, ohne dass auf die sozialen Bedürfnisse der Landbevölkerung oder das Landschaftsbild der Heimat Rücksicht genommen wird. Der damit einhergehende Verlust an gewachsener Landschaft, Heimat und biologischer Vielfalt ist eine der Ursachen für die Entstehung der Romantik um 1800 sowie die Liebe der Deutschen zum Wald als eine Art Gegenbewegung zum unbegrenzten Fortschrittsglauben.

Mit den Monokulturen verschwanden die natürlichen Wälder. Und auch die Tanne, die nie in ganz Deutschland verbreitet war, sondern im Berg- (und Hügel)land ging, stark zurück oder verschwand völlig. Wilhelm Bode weist in seinem Buch darauf hin, dass vielleicht selbst der große Maler der deutschen Romantik, Caspar David Friedrich, die feinen Unterschiede in der Gestalt junger Tannen und Fichten nicht erfasste. Über sein berühmtes Gemälde, den „Tetschener Altar“ (1807/08) schrieb er: „Immergrün, durch alle Zeiten während, stehen die Tannen um das Kreuz wie die Hoffnung der Menschen auf ihn …“  Zu sehen sind aber keine Tannen, sondern Fichten. Wenn schon ein so berühmter Naturbeobachter irrt, dann wird auch verständlicher, dass das Wissen um die Tanne auch in der Bevölkerung vergleichsweise gering geblieben ist, wie Bode anhand interessanter Beispiele nachweist.

Im zweiten Kapitel des Buches Geduldig, und darum ewig jung wird der Leser schockiert  von der Tatsache,  dass unsere Weißtanne wie kaum eine zweite Baumart die erschreckende Diskrepanz zwischen  der  vermeintlichen Waldliebe der Deutschen und ihrer gleichzeitig eklatanten Unkenntnis von ihren heimischen Bäumen offenbart. Zur Unterstützung diese These einige Fragen an den Leser: Wer von uns hat eine Ahnung davon, dass die Tannen die erlebbaren Zeitzeugen der Geburt unseres Pflanzenreichs vor ca. 250 bis 280 Millionen Jahren sind in der Zeit des Perms, als noch nicht einmal die Landmassen auf die fünf Koninente verteilt waren? Wer von uns waldbegeisterten Naturliebhabern hat je etwas gehört von Tannenmistel, Tannenrindenlaus, Tannenborkenkäfer, Tannenschnäpper, Tannenglucke, Weißtannenrisspilz, Weißtannenmilchling, Tannentrüffel, Weißtannenschneckling, Tannenreizger? Wer von uns hat jemals gesehen,  dass in den letzten Tannen-Buchen-Fichten- Plenterwäldern im Schwarzwald und der Schweiz die Kronen der 350 bis 450 Jahre alten Tannen die etwa gleichaltrigen Altfichten um 10 bis 15 und die der 150- bis 200jährigen Buchen um 15 bis 20 Meter überragen? Und wer von uns hatte je die Gelegenheit, in den letzten Resten von Weißtannen-Urwäldern im Balkan und den Karpaten 50 bis 60 Meter hohen Alttannen zu bewundern? Solche Höhen zu erreichen wie kein anderer Baum unserer natürlichen Waldgesellschaften liegt am langsamen Wachstum in den Jugendjahren der Tanne und am stetig ausgebauten Wurzelwerk. Eine Weißtanne kann aber nur in einem Mehrgenerationenhaus aus Buchen, Fichten, Ahorn und anderen Tannen unterschiedlichsten Alters zu solch gewaltigen Höhen wachsen, wobei sie dennoch bis ins höchste Alter ewig jung, stark und vital bleibt.

Das dritte Kapitel Dr. Jekyll und Mr. Hyde nimmt Bezug auf die Novelle von Robert Louis Stevenson  (1850 – 1894) aus dem Jahr 1886, in der das Doppelleben des ehrenwerte Dr. Jekyll beschrieben wird: Tagsüber lebt er gemäß der christliche Nächstenliebe und  nachts  verwandelt er sich in Mr. Hyde, der ungebremst und zügellos seinen  niedersten Triebe auslebt. Die im Verlauf des 18. Jahrhunderts entstandene „nachhaltige Forstwirtschaft“ führt ein ähnliches Doppelleben: Einerseits rühmt sie sich, als erste das Prinzip der Nachhaltigkeit – nicht mehr zu ernten, als nachwachsen kann – in die Neuzeit eingeführt zu haben. Allerdings ist das nur die Nachhaltigkeit der Holzerzeugung auf einem  angepflanzten Holzacker und nicht die biologische Leistungsfähigkeit des Waldökosystems. Denn seit über 200 Jahren betreibt die Forstwirtschaft eine Vernichtung natürlicher Wälder, eine Vernichtung der biologischen Vielfalt zugunsten von Monokulturen („Willst Du einen Wald vernichten, pflanze Fichten, nichts als Fichten!“). Wilhelm Bode schildert diese von Raubbau an der Natur begleitete Profitgier anhand des  berühmt  gewordenen Kunstmärchens  von Wilhelm Hauff (1802 – 1827) Das kalte Herz. Es ist ein Sittengemälde der Gesellschaft der vom Wald lebenden Menschen um 1800 und eine Allegorie auf den frühen Raubtierkapitalismus mit seiner  Verschwendungssucht. Bode gelingt es eindrucksvoll zu zeigen, dass nur die Abkehr vom angepflanzten Holzacker und die Hinwendung zur biologischen Leistungsfähigkeit des  Waldökosystems aus der Sackgasse führen kann. Aber imer noch haben die Mr. Hydes das Sagen und wollen fast alles beim Alten lassen: beim  strukturarmen Altersklassenwald, bei der Pflanzung von Bäumen in Reih und Glied, bei der Holzernte mit panzerähnlichen, bodenzerstörenden Maschinen, bei giftigen Chemieeinsätzen gegen den selbstverschuldeten Insektenbefall.

Mit  dem  vierten  Kapitel Der Baum des Herzens wird der  Höhepunkt des Buches erreicht:  Wilhelm Bode erzählt eine facettenreiche und spannende Kulturgeschichte der Tanne als Weihnachtsbaum. Der Leser begegnet in diesem Kapitel dem Maler Ludwig Richter (1803 – 1884), Literaten  wie Hans Christian Andersen (1805 – 1875), Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) und Hans Fallada (1893 – 1947), gekrönten Häuptern wie König Wilhelm  I., Kaiser Wilhelm  II., Prinz Albert von Sachsen-Coburg und seiner Gattin Queen Victoria, aber auch der Frauenrechtlerin Adelheid Popp (1869 – 1939)  und  dem  Germanisten Viktor Klemperer (1881 – 1960). Alles in allem: ein äußerst lesenswertes Kapitel, angefüllt mit wunderbaren Episoden und unerwarteten Einsichten.

Das fünfte Kapitel Fast ein Nachruf ist ein traurig machendes im Buch, denn hier wird die „Ausrottungsgeschichte“ der Tanne erzählt. Ein Beispiel hierfür sind die übernutzten Wälder des Erzgebirges. In vorzivilisatorischer Zeit waren  über 40% der Bäume Tannen. Zwischen 1550 und 1650 lag dort der Tannenanteil stabil bei 30%, um ab 1650 infolge des wachsenden Bergbaus rasch zu fallen. Bereits um 1750 betrug er weniger als 10%, um im 19. Jahrhunderts noch weiter zu sinken oder sogar ganz zu verschwinden. Kurzum: Überall, wo sich die moderne, deutsche Forstwirtschaft etablierte, verschwand die Tanne. Der niederösterreichische Nonkonformist Leopold Hufnagl (1857 – 1942), erkannte im Altersklassenwaldbau und damit im Verzicht auf das Mehrgenerationenhaus des natürlichen Waldes die entscheidende Ursache. Er entschied sich deshalb  für eine  geradezu revolutionäre Aktion und stellte seinen Betrieb zwischen 1890 und 1892 konsequent auf kleinstflächige und einzelbaumweise Nutzung mit natürlicher Absaat um. Er erkannte die Einmaligkeit der Urwaldreste von Kočevje, im Karstgebiet der Dinarischen Alpen, in denen man heute nicht nur Tannen in ihrer ursprünglichen Pracht und Mächtigkeit bewundern kann, sondern auch Bären und Wölfe. Vergleichbar mutige Gedanken, Konzepte und Aktionen bzgl. alternativer Bewirtschaftungskonzepte und damit zur Rettung der Tanne entwickelten die Waldbauprofessoren Karl Gayer (1822 – 1907), und  Arnold  Engler  (1869 – 1923),  der Schweizerischen  Kollegen  Ammon (1878 – 1956) und sein deutsche Kollege Karl Dannecker (1883 – 1972). Dennoch setzte man im öffentlichen Wald unbeirrt mit der schlagweisen Forstwirtschaft fort. Zur Wende der 1960er und 70er Jahre kam es Dank unbekannter Erkrankung zum „Tannensterben“, so dass auch noch die wenigen  verbliebenen Alttannen  drohten, abzusterben. Doch plötzlich wurde das bedrohliche Signal in Deutschland politisch gehört und entschlossen gehandelt.

Das sechste Kapitel The Wind of Change ist das hoffnungsvollste des Buches. Darin wird geschildert, wie das „Waldsterben“,  die „neuartige Waldschäden“ und das Siechtum der Tanne Anfang der 1970er Jahre die entstehenden Umweltwissenschaft und -politik mobilisierten. Schlagartig wurde klar: Eine Umkehr in der Luftreinhaltepolitik war unaufschiebbar geworden. Der damalige Umweltminister Klaus Töpfer schaffte es in nur wenigen Jahren, die Luftschadstoffe durch technische Maßnahmen deutlich zu senken. Als Ursache für den Niedergang der Tanne wurde in diesen Jahren nicht nur die Luftverschmutzung,  sondern auch eine völlig verfehlte Jagdpolitik mit ihrer Trophäenzucht erkannt. Im Hochgebirge verhinderten viel zu große Gams-Wildbestände eine natürliche Regeneration. In Mittelgebirge und auch in den anderen Teilen Deutschland verhinderten viel zu große Bestände an Hirsch und Reh eine natürliche Verjüngung der Wälder. Die gemeinsame, länderübergreifende Ursache: die Trophäenjagd und die damit verbundenen falsch konstruierten Jagdgesetze.

Am Ende des Buches wird die Frage reflektiert, warum die Rückkehr der Weißtanne so wichtig ist. Dabei wird deutlich, dass unser naturferner Wirtschaftswald unter erheblichem Anpassungsdruck des Klimawandels steht. Angesichts dieser Tatsache begreifen immer mehr Menschen, dass der Landbau, die Tierproduktion, die Forstwirtschaft und die Jagd neu zu durchdenken und „naturgemäß“ zu gestalten sind. Dabei ist die Rückkehr zu heimischen Baumarten im Wald zwingend, weil sie von Natur aus in unseren Breiten ausreichend klimaanpassungsfähig sind. Das gilt nicht nur für die Buche mit ihren  Mischbaumarten wie Eiche, Ahorn, Esche, Ulme, Kirsche u. a., sondern vor allem für die Weißtanne.

Das Buch über die Tannen erscheint geradezu rechtzeitig Anfang November, um im Dezember als Weihnachtsgeschenk für alle Naturliebhaber gekauft zu werden. Schade ist, dass so ein anspruchsvolles Buch über die Weihnachtstanne mit 70 Jahren Verspätung erscheint. Aber nun ist es da: bebildert mit wunderbaren Kunstwerken und Gemälden aus drei Jahrhunderten. Keiner, der von sich behauptet, die Natur zu lieben und zu genießen, sollte auf dieses Buch verzichten. Es ist das Beste und Klügste und Unterhaltsamste, das je über unseren geliebten Weihnachtsbaum geschrieben wurde!

Dr. Reinhard Piechocki, Kasnevitz

 

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