Martin Brüne ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Er sucht und untersucht seit Jahrzehnten erfolgreich evolutionäre Ursachen von psychischen Krankheiten. Er ist Autor des Fachbuchs Textbook of Evolutionary Psychiatry and Psychosomatic Medicine und ist Mitherausgeber des Oxford Handbook of Evolutionary Medicine. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist es verdienstvoll, dass Martin Brüne in vorbildlicher Weise interdisziplinär lehrt und forscht und Fächer verbindet. Im vorliegenden Buch zeigt er die Verknüp- fungen von Psychiatrie mit Neuro- und Verhaltensbiologie, Verhaltensökologie sowie Verhaltensgenetik und Entwick- lungspsychologie in einer konsistenten und informativen Weise auf und ermög- licht damit eine längst fällige Diskussion. Folgende Themen werden behandelt:

Im ersten Kapitel Menschliche Evolution in der Nussschale erläutert Brüne Möglich- keiten und Grenzen kultureller Entwicklungen sowie genetische Anpassungen an kulturgeschichtliche Errungenschaften. Das  zweite  Kapitel  Die  Neandertaler in uns handelt von Folgen und Nutzen frühgeschichtlicher Migration. Darin werden auch die genetisch verifizierten Vermischungen des Jetzt-Menschen mit unserem ausgestorbenen Vetter beschrieben: Den Genen des Homo neanderthalensis verdanken wir den längsovalen Schädel, die helle Haut als Anpassung an äquatorferne Regionen sowie das blonde oder/und rote Haar und an den Augen die helle Iris; Neandertaler dürften aus chronobiologischer Sicht eher Spättypen („Eulen“) gewesen sein; es gibt Hinweise dafür, dass die Neigung zur Nikotinsucht und die Depressionsneigung mit Genen der Neandertaler assoziiert sind. Im dritten Kapitel Steinzeit und Moderne: Sind wir lebende Fossilien? geht es darum, wie wir mit unserem evolutionären Erbe in einer von uns selbst veränderten Welt gesundheitlich zurechtkommen. Zivilisationskrankheiten sind also Ausdruck von mismatch zwischen der genetischen Aus- stattung und der neuen Umwelt.

Das vierte Kapitel, Der Mensch als Ökosystem, beschreibt das vorliegende Wis- sen um das „Innenleben“ des Darmes. Es zeigt gesundheitliche und psychische Auswirkungen auf, die dem Darmmikro- biom zugeschrieben werden.

Im fünften Kapitel Stress und Genetik wird das Zusammenwirken von Genen, Epi- genetik und Umwelt behandelt. Es gibt Kleinkinder mit einem genetisch vorge- gebenen stabilen Stressverarbeitungs- system und Kinder mit Genen, die umweltabhängig mehr Plastizität zeigen. Mit belastenden Faktoren in der Kindheit entwickeln die Kinder mit mehr genetischer Plastizität weniger Resilienz, können sich aber in einer guten Kindheit besser entfalten als Kinder mit dem stabilen Stressverarbeitungssystem.

Im sechsten Kapitel Lebensgeschichtliche Muster oder Leben auf der Überholspur stehen sozialpsychiatrische Aspekte im Vordergrund.  Martin  Brüne  erwähnt, dass der Zeitpunkt der Menarche durch das familiäre Umfeld beeinflusst wird. So gibt es Wechselwirkungen zwischen der Kindheit mit einem alleinerziehendem Elternteil, prekären sozioökonomischen Verhältnissen, einer  frühen  Menarche und  Teenagerschwangerschaft. Letztere ist mit dem Risiko der Kindeswohlgefährdung verbunden. Die Auswirkungen unsicher gebundener, verwahrloster und traumatisierter Kinder werden manchmal nicht  nur  über  mehrere Generationen (z. T. auch epigenetisch) vererbt, sondern auch verschärft, weil diese Menschen als Jugendliche und Erwachsene ähnliche Partner  suchen und  finden.  Schwere Traumatisierungen können durch die Methylierung von Glucocorticoid-Regulationsgenen zu lebenslangen Beeinträchtigungen der Stressreaktion führen, die mitunter sogar epigenetisch vererbt werden. Sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsschichten sind Folge einer unzureichenden und fragwürdigen Sozialpolitik.

In Kapitel sieben Alter(n) stehen gesundheitspsychologische und medizinische Einflüsse auf Alterungsprozesse im Vordergrund.

Im achten Kapitel Denkbar Undenkbares geht es um Zoonosen; seit Erfindung der Viehzucht ist der Mensch davon verstärkt betroffen.

Im neunten Kapitel Die Kränkungen der Menschheit geht es um Unvollkommenheiten  in der menschlichen Natur, die wir als Kränkung unseres Selbstverständnisses erleben: Wir stammen von Affen ab, sind, wie schon Sigmund Freud erkannt hat, nicht die Herren im eigenen Haus und unsere  „Sonderstellung“ be- zieht sich weder aufs emotionale Innen- leben, noch auf Werkzeugherstellung und -gebrauch.

Das zehnte Kapitel Be-Handlung handelt von Schamanen, Placebos und patienten- gerechter Kommunikation im Krankenhaus des Neoliberalismus und Computer-Zeitalters. Martin Brüne geht in diesem Kapitel auch kritisch auf die Krankenhäuser ein, die nicht nur wegen antibiotikaresistenter  Krankenhauskeime  oft „kranke Häuser“ sind. Er bedauert, dass in den zunehmend betriebswirtschaftlich geführten Häusern dank Computer büro- kratische Anforderungen überhandneh- men, obwohl die Verwaltungen primär dazu da sind, die Betreuungsarbeit zu er- möglichen und zu erleichtern. Paradoxer- weise ist im Verlauf der  vergangenen Jahre das Gegenteil eingetreten. Infolge- dessen mangelt es zunehmend an Zeit für Patienten-Gespräche, obwohl sie sich auf das Patienten-Wohl und den Krankheits- verlauf als günstig erweisen.

Die evolutionäre Medizin und evolutionäre Psychiatrie sind junge Wissenschaften, die derzeit noch ein Nischendasein führen. Psychiater, die in Theorie und Praxis evolutionäre Aspekte berücksichtigen, sind selten. Im deutschen Sprachraum habe ich neben Brüne bisher nur noch einen zweiten evolutionsbiologisch versierten habilitierten Wissenschaftler kennengelernt: Detlev Ploog (1920 – 2005), den früheren Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Martin Brüne ist mit diesem Buch eine gute und gut lesbare Einführung in das weit verzweigte Thema gelungen.

Es ist zu wünschen, dass das Buch weite Verbreitung findet. Die Inhalte sollten in der Psychiatrie, der medizinischen Psy- chologie und der Psychotherapie gelehrt werden. Sie sind eine Grundlage für alle, die sich um die Seele anderer Menschen sorgen, also im weitesten Sinn psycho- therapeutisch mit Menschen zu tun ha- ben. Das Buch ist aber auch ein Beitrag zu einem umfassenden Verständnis von Menschsein und für interessierte Laien als Lesestoff und Erkenntnisquelle gut geeignet.

Dr. med. Gerhard Medicus, Innsbruck

 

Martin Brüne: Der unangepasste Mensch. Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution. bestellen