Bücher über Viren haben zurzeit Konjunktur. Darin reiht sich auch das neue Buch von Ernst-Ludwig Winnacker, Professor für Biochemie, Mitglied der Leopoldina und früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), ein. Titel und Untertitel verraten es bereits: Ein pensionierter Wissenschaftler erzählt von seinen reichen Erfahrungen als Forscher und Mensch, die er mit Viren gemacht hat. Etwas unklar bleibt dabei die Rolle der Coautorin, Jeanne Rubner, eine Wissenschaftsjournalistin, promovierte Physikern und Redaktionsleiterin beim Bayerischen Rundfunk. Auf dem Cover wird nur Winnacker als Autor genannt, im Inneren des Buches wird sie als Mitautorin aufgeführt. Der Grund für diese Diskrepanz dürfte darin, liegen, dass das Buch in erster Linie aus der Perspektive Winnackers geschrieben ist, der immer wieder Anekdoten aus seinem Leben – sowohl privat, als auch als Forscher – einstreut.

Das Buch ist kein Lehrbuch, und es erhebt auch nicht den Anspruch, das Thema Viren systematisch und vollständig abzuhandeln, wie im Vorwort klar gesagt wird. Stattdessen wird im lockeren Plauderton viel Interessantes über Viren, die von ihnen hervorgerufenen Krankheiten (darunter auch Krebs), Therapien, das Immunsystem, Molekularbiologie, Ökologie, den Wissenschaftsbetrieb, die Bekämpfung von Seuchen, Epidemiologie, Wissenschaftsgeschichte, Seuchengeschichte und ihre Folgen für die allgemeine Geschichte vermittelt. Auch gesamtgesellschaftliche Fragen werden nicht ausgeklammert. Das Buch ist in erster Linie für ein breites, medizinisch/biologisch nicht vorgebildetes Publikum geschrieben, entsprechend werden viele Dinge, wie etwa der Aufbau und die Vermehrung der DNA oder der Aufbau von Virenpartikeln ausführlich, sehr anschaulich und manchmal auch mehrfach beschrieben. Umso erstaunlicher sind die vielen Details, die die Autoren durch ihre anschaulichen Erklärungen gut vermitteln können, ohne dass darunter die Lesbarkeit des Buches leidet. Der Schwerpunkt liegt auf humanpathogenen Viren und für die Forschung relevante Bakteriophagen. Das aktuell bedeutendste Virus, SARS-CoV2, findet selbstverständlich immer wieder Erwähnung.

Untergliedert ist das Buch in acht Kapitel. Auf ein einleitendes Kapitel folgen zwei Kapitel, die bestimmten Erregern bzw. den von ihnen verursachten Erkrankungen, dem Marburg-Virus bzw. der Hongkong-Grippe, gewidmet sind. Den genauen Inhalt der einzelnen Kapitel wiederzugeben fällt schwer, da der Erzählfluss immer wieder von einem Thema zum nächsten und übernächsten wechselt, um dann irgendwann zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Oft sind die Ausflüge sehr umfangreich. Auch Zeitsprünge sind nicht selten. Vereinzelte Wiederholungen, wie etwa bei der Erklärung der Vektorimpfstoffe sorgen daher nicht für Langeweile, sondern erleichtern das Lesen.

Kapitel 3 widmet sich dem Impfen. Impfskeptiker monieren häufig die angeblich schlecht geprüften Impfstoffe gegen SARS-CoV2. Ein Blick auf die Geschichte der Impfstoffe zeigt jedoch, dass man da früher nicht so zimperlich war: Bei der Variolation, einer Vorstufe der Impfung, bei der man den Menschen bewusst mit dem Inhalt von Pocken infizierte, um sie zu immunisieren, akzeptierte man immerhin eine Todesrate von 2,5%, die aber immer noch deutlich unter der Todesrate bei natürlicher Infektion (25 bis 30%) lag. Die anfänglich von Edward Jenner erprobte Impfung (Vakzination) von Kindern mit Kuhpocken wäre heute wahrscheinlich von jeder Ethikkommission abgelehnt worden. Ja, selbst bis in die 1970er Jahre wurden Verunreinigungen von bis zu 500 Bakterien pro Milliliter Impfflüssigkeit akzeptiert. Gerade das Kapitel zu den Impfstoffen offenbart übrigens, wie schwierig es ist, mitten in einer Pandemie bei ständig sich ändernder Sachlage ein Buch über Viren zu schreiben: Während manche Passagen so wirken, als seien sie geschrieben worden, bevor klar war, welcher Impfstofftyp sich durchsetzen wird (S. 119: „Man wird sehen, welche Strategie am Ende zum Erfolg führt…“), gehen andere Stellen auf bereits zugelassene Impfstoffe ein (S. 120: „Inzwischen (Januar 2021) sind mRNA-Vakzine aus zwei Quellen zugelassen …“). Es muss den Autoren viel Arbeit bereitet haben, ihr Buch immer wieder anzupassen, ohne dass es zu größeren Brüchen oder Widersprüchen gekommen ist.

Kapitel 4 widmet sich dem Nutzen durch Viren für die Forschung und die Gentherapie. Kapitel 5 geht der Frage nach, weshalb manche Menschen weniger empfindlich für bestimmte Infektionen sind als andere. Ein prominentes Beispiel ist das HI-Virus, gegen das eine Mutation im HI-Virus-Co-Rezeptor CCR5 (CCR5Δ32) Schutz bietet. Sie ist besonders in Europa verbreitet, was die Autoren auf frühere Pestepidemien zurückführen. Alternative Erklärungen, wie etwa die besondere Anfälligkeit von Trägern dieser Mutation gegen das in Europa nur selten vorkommende West Nil-Virus [K. Jean, J. Infect. Dis. 197, 262 (2008)], hätte man noch erwähnen können; dies zu fordern erscheint mir aber angesichts der ohnehin schon großen Fülle an Informationen, unangemessen.

Kapitel 7 beginnt mit Anschlägen, die mit dem Bakterium Bacillus anthracis verübt wurden, und geht dann auf Viren als mögliche Biowaffen ein. Auch die dual use-Problematik, d. h. die sowohl positive als auch negative Nutzungsmöglichkeit von Forschungsergebnissen, wird angesprochen. Von dort geht es weiter über die CRISPR/Cas9-Genschere zur Gentechnik bei Pflanzen. Es folgen Anmerkungen zu fake news und Querdenker, ehe es dann schließlich wieder um Viren geht: Wurde SARS-CoV2 im Labor erzeugt? Wohl eher nicht! Die kurze Zusammenfassung belegt, wie die Autoren zwischen den Themen springen.

Das letzte und kürzeste Kapitel behandelt schließlich den Zusammenhang zwischen Viren und Leben. Hier geht es vor allem um die Rolle der Viren in der Evolution, sowie – ganz zum Schluss – um die gesellschaftlichen Folgen der aktuellen Pandemie.

Kritisch könnte man einige Kleinigkeiten erwähnen. So werden beispielsweise nur 21 proteinogene Aminosäuren erwähnt, die 22. – Pyrrolysin, die allerdings auf Prokaryoten beschränkt ist – findet keine Erwähnung. Auch die Einteilung der Interferone ist etwas unscharf: Es entsteht der Eindruck, dass alpha-Interferone mit Typ I-Interferonen identisch sind, zu letzteren gehören aber auch die beta-Interferone. Ein Quellenverzeichnis oder auch nur Angaben zu weiterführender Literatur fehlen. Als über die sexuelle Promiskuität in San Francisco in den 1970er Jahren berichtet wird, die zur Ausbreitung der AIDS-Pandemie beigetragen hat, soll es „hunderte von sexuellen Kontakten pro Tag und Person“ gegeben haben. Auch für einen sexuell sehr aktiven Menschen scheint es mir schon sehr ambitioniert, eine solche hohe Zahl zu bewältigen. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wer diese Zahl in die Welt gesetzt hat.

An einer Stelle sind die Autoren leider einem Aprilscherz aufgesessen. Auf Seite 27f wird von einem angeblich Salmonellen-befallenden Bakteriophagen mit dem Namen „Bellovirus“ berichtet, der gleich zwei ungewöhnliche Merkmale aufweisen soll: Zum einen soll er mit Hilfe eines von ihm codierten Proteins zelluläre, DNA-vervielfältigende DNA-Polymerasen in reverse Transkriptasen umwandeln können, d. h. in Enzyme, die RNA in DNA umschreiben. Mit diesem Enzym könnte der Bakteriophage dann sein RNA-Genom in die DNA des Wirtes integrieren. Darüber hinaus soll dieses Virus, oder besser Virusoid, die Capsidproteine anderer Viren, die ihm als Helferviren dienen, kapern können. Auf diese Weise soll es ihm gelingen, selbst Hühnerzellen zu befallen. Bei dem Versuch, mehr über dieses Wunderwerk der Evolution zu erfahren, stieß ich lediglich auf einen Kommentar, der 1999 in Nature erschienen war [E. R. Siew, Nature 398, 376]. Dieser spielte mit seinem Titel „Millenium Bug“ auf das Jahr-2000-Problem an, das damals für Computer erwartet wurde, zugleich aber auch auf Parasiten wie Wanzen, Flöhe und eben Viren. Das Wort „bug“ hat aber im Englischen auch die Bedeutung „Fehler“, was wohl als Hinweis auf den Scherz gewertet werden kann. Die angegebenen 14 Referenzen in dem Kommentar erwiesen sich alle als unauffindbar. Gewissheit brachte schließlich ein Blick auf das genaue Publikationsdatum: Es war der 1. April! Zur Ehrenrettung der Autoren muss man sagen: Der Nature-Kommentar ist sehr geschickt geschrieben!

Ein Sach- und Personenregister am Ende des Buches erleichtert das Wiederfinden von Textstellen. Angesichts der Relevanz der im Text mehrfach erwähnten Adenoviren für die Vektorimpfstoffe gegen SARS-CoV2 hätte man aber im Register mehr als nur eine Textstelle angeben können.

Dem molekularbiologisch und mikrobiologisch Vorgebildeten wird vieles, was in dem Buch beschrieben wird, zumindest von den Grundlagen her vertraut sein. Dementsprechend dürfte ihnen die Aufnahme der vielen Informationen leichter fallen als Lesern ohne diese Vorbildung. Kaum jemand dürfte aber mit allen im Buch erwähnten Details zu den Virenerkrankungen und ihrer Erforschung vertraut sein. Das breite Wissen und die umfangreiche Erfahrung des Autors, die vielen eingestreuten Anekdoten und nicht zuletzt die angenehme Schreibweise machen das Lesen daher auch für Vorgebildete zu einem Genuss. Wer nicht über entsprechendes Vorwissen verfügt, aber bereit ist, sich auf das komplexe Thema „Viren“ einzulassen, wird dank des didaktischen Geschicks der Autoren dem Text gut folgen können und dabei sicherlich sehr viel Neues lernen.

Dr. Johannes Sander, Halver

 

bestellen: Ernst-Ludwig Winnacker, Jeanne Rubner: Mein Leben mit Viren. Eine Forschergeschichte über die faszinierende Welt der Krankheitserreger