In unserem Denken und Tun leiten uns zwei Quellen, deren Miteinander uns meist nicht bewusst ist: das Angeborene und das Erlernte. Ihr Zusammenwirken zeigt sich in besonderer Weise in der Fähigkeit, zu vergleichen. Wir nutzen diese Gabe unbewusst, indem wir alles, was uns begegnet, kategorisieren, „in eine Schublade stecken“ und mit Bekanntem in Verbindung setzen. Und wenn uns das nicht gelingt, so schaffen wir eine weitere Kategorie, um auch das „aus der Reihe Fallende“ hineinzupacken. Nur auf dieser Grundlage gelingt es uns, unseren Alltag zu meistern, denn wir brauchen verlässliche Anhaltspunkte, um mit der Vielfalt zurechtzukommen. Damit sei an dieser Stelle nicht die biologische Vielfalt oder die Vielfalt menschlichen Lebens gemeint, vielmehr Grundsätzlicheres. Jeder Augenblick nämlich bietet uns im Prinzip etwas Neues: Unsere Netzhaut wird stets mit neuen Sinnesdaten bespielt, und doch sind wir darüber nicht irritiert. Vielmehr sorgen Mechanismen der Gestaltwahrnehmung dafür, dass ein Buch auf dem Tisch stets dasselbe bleibt, aus welchem Blickwinkel wir es auch betrachten. Solche Konstanzleistungen lassen uns Dinge anhand ihrer „typischen“ Eigenschaften rasch erkennen und sind Grundlage für unser Weltvertrauen.

Wie alle Fähigkeiten, so können wir uns auch in der Kunst des Vergleichens üben. Dabei lernen wir auch auf Unterschiede zu achten, und wenn uns Wissensdrang und gegenseitige Bestätigung befeuern, so können wir es darin zur Meisterschaft bringen und feinste Unterschiede ausmachen. Wir werden damit dem Individuellen, Besonderen gerecht, laufen aber zugleich Gefahr, uns im Kleinen zu verlieren und nur das Trennende und nicht mehr das Verbindende zu sehen. Eine solche Akribie muss aber nicht in eine Sackgasse führen. Im Gegenteil: Vergleichen und Diskriminieren bis zum Kleinsten führte zu großartigen Entdeckungen. In der Biologie ist es etwa die Erkenntnis, dass alles Leben zellulär organisiert ist. Entsprechendes gilt für die Entdeckung der Elemente in der Chemie, und die Entdeckung des Atomaufbaus in der Physik. Diese Beispiele illustrieren gerade, wie die Suche nach dem kleinsten Unterscheidbaren den Blick auf das Allgemeine, alles Umfassende weiten kann. Das Vergleichbare – Zellen, chemische Elemente, Atome – liegt auf einem je eigenen, „elementaren“ Niveau. Damit wird eine weitere bedeutsame Entdeckung angesprochen, die wir vergleichenden Betrachtungen verdanken: Die unbelebte wie belebte Natur ist geordnet. Sie besitzt einen geschichteten Aufbau. Die kleinsten vergleichbaren Elemente wie die Zellen bilden die Basis, darüber kommen höhere, wiederum untereinander vergleichbare Bestandteile und so fort. Bei vielzelligen Lebewesen wären das etwa Organe, Individuen und Individuenverbände, die als Arten in Populationen zusammenleben, und schließlich übergeordnete Verwandtschaftsgruppen. Bei solchen Betrachtungen kommt man unweigerlich dazu, Rangstufen zu vergeben: Vom Grundlegenden geht es Ebene um Ebene weiter. Sind auch die Elemente auf einer Ebene von gleichem Rang, so können sie doch sehr verschiedene Eigenschaften aufweisen, wie die unterschiedlichen Atomsorten, d.h. die chemischen Elemente. Aus menschlicher Perspektive können sie darüber hinaus einen unterschiedlichen Wert haben, wie sich am Beispiel kostbarer und technisch begehrter Elemente zeigt.

Bei Lebewesen stellt sich die mit dem Vergleichen verbundene Bewertung komplexer dar und wirft erkenntnistheoretische wie ethische Fragen auf, die in zwei Beiträgen in diesem Heft umkreist werden. Wie angedeutet manifestiert sich Leben auf unterschiedlichen Ebenen, was meist mit einer Zunahme von Komplexität verbunden ist. Man spricht daher von „niederen“ und „höheren“ Lebewesen, wiewohl sie gleichermaßen „perfekt“ an ihre Umwelt angepasst sind. Und unter Einbeziehung des Menschen kommt man nicht umhin, ihm in Hinblick auf seine kognitiven Fähigkeiten eine Sonderstellung einzuräumen. Diese hat durchaus ihre Kehrseiten, woran Gerhard Medicus in dem Stichwort-Beitrag „Höherentwicklung“ erinnert (S. 445). Sie zeigt sich in einer von keinem anderen Lebewesen verursachten Umweltzerstörung und damit letztlich auch in einer extremen Selbstgefährdung. Zu den Selbstgefährdungen führt auch unser hochentwickeltes Sensorium, zwischen Menschengruppen zu unterscheiden, seien sie nun anderer Religion, Kultur oder Hautfarbe. Die Frage, wie mit dieser Vielfalt umzugehen ist, die biologische wie kulturelle Wurzeln hat, treibt Biologen, Anthropologen und Kulturforscher gleichermaßen um. Aktuell wird die Frage diskutiert, ob es eindeutige Kriterien gibt, den Begriff Rasse – bzw. Unterart oder Subspezies – auf den Menschen anzuwenden. Zeugnis hiervon gibt der Disput zwischen Werner Kunz und Ulrich Kattmann auf Seite 408. Die Grundfrage ist, ob es beim Menschen klar abgrenzbare „natürliche Sorten“ (natural kinds) gibt, was ein unbefangener Betrachter bejahen würde, was sich aber bei näherer Betrachtung als fraglich erweist. Unstrittig ist, dass ungeachtet dieser wissenschaftlichen Frage gerade Biologen dazu aufgerufen sind, jeglicher Form des Rassismus entgegenzuwirken, dem unsere Fähigkeit zu Typisieren Vorschub leistet. Mit der Abschaffung von Begriffen oder dem Verneinen (nicht nur) biologischer Unterschiede wird es allerdings nicht getan sein. Das Bewusstsein für diese Art der Selbstgefährdung ist immer wieder zu schärfen. Optimistisch darf uns stimmen, dass unser Denken und Handeln nicht nur durch unsere Natur, sondern auch durch unsere Kultur bestimmt wird.

Klaus Rehfeld