Maria Sibylla Merian (1647 – 1717) begründete ihren Ruhm als Erforscherin des Insektenlebens mit ihren Bänden über Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung, deren erster 1679 in Nürnberg und deren zweiter 1683 in ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main verlegt wurde. Auf jeweils 50 Tafeln stellt sie darin die Entwicklungsstadien von Schmetterlingen mit ihrer Nahrungspflanze dar. Im zweiten Band erlaubt sie sich gewisse Freiheiten und nimmt auch andere, an der betreffenden Pflanze anzutreffende Arten auf. Es sind genuine Zusammenfassungen eigener Beobachtungen, die sich auf glückliche Weise mit ihrer künstlerischen Begabung verbinden, die von ihrem Stiefvater Jacob Marrel früh erkannt, gefördert und um die handwerklichen Kenntnissen des Kupferstechens bereichert wurde.

Beide Teile liegen nun vereint in einem gediegenen, leinengebundenen Band vor. Geboten wird Maria Sibylla Merian „pur“ – denn es sind nur ein lesenswertes Vorwort von Renate Ell, ein kleiner Anhang mit Worterläuterungen, Literaturhinweise und eine Zeittafel beigegeben, die von Maria Sibyllas Geburtstag am 2. April 1647 (jul. Kalender) bis zum 16. Mai 1743 (greg. Kalender) reicht, dem Todestag ihrer zweiten Tochter Dorothea Maria in St. Petersburg. Die komplette Wiedergabe aller Tafeln und die lesefreundliche Transkription in moderne Schrift sind dazu angetan, sich in Einzelheiten der Abbildungen und Begleittexte zu vertiefen. Es ist Erstaunliches zu entdecken. Überall ist die Akribie zu spüren, mit der Maria Sibylla ihre Beobachtungen protokollierte und dabei auch solche nicht ausblendete, die sie nicht zu erklären vermochte, wie das Schlüpfen von parasitoiden Hymenopteren und Dipteren aus befallenen Raupen bzw. Puppen. Aufrichtig bekennt sie ihre eigenen Grenzen, ihre Ausdrucksweise ist direkt und bildhaft, wenn sie etwa die Schmetterlingspuppe als „Dattelkern“ bezeichnet. Man kann nur die Hingabe und den Fleiß ahnen, der hinter all dem steht , was in den Tafeln verdichtet ist. Sicher war sie christlich-pietistisch geprägt – für sie war die Erforschung gerade des „niederen Gewürms“ mit seinen verborgenen Wundern Gotteslob, wie sie selbst bekennt und wie es in den Lob-Gedichten des Nürnberger Theologen Christoph Arnold zum Ausdruck kommt. Aber sie war auch Wissenschaftlerin, wie Arnold früh erkannte. Seine Gedichte bilden den Auftakt beider Bände und sind insofern bemerkenswert, dass sie nicht nur den Schöpfer, sondern auch die Künstlerin und Naturforscherin Merian preisen, die Arnold in die Reihe männlicher Gelehrter vom Range eines William Harvey, Francesco Redi und Jan Swammerdam stellt, denn für ihn „ist Lobes werth/daß ihnen eine Frau es gleich zu thun begehrt.“

Es braucht Muße, sich dieses Werk zu erschließen, das hier so unverstellt-unkommentiert präsentiert wird – aber es lohnt. Wünschenswert wäre ein Hinweis gewesen, welches Exemplar als Vorlage gedient hat, kursieren doch unterschiedliche Ausgaben. Offensichtlich lag ein Exemplar mit kolorierten Kupferstichen zugrunde, nicht ein solches, bei dem vom frischen Druck Abklatsche auf Büttenpapier gemacht und dann von Künstlerhand koloriert wurden. Die Tafeln sind leicht vergrößert wiedergegeben.

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Maria Sibylla Merian: Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumen-nahrung. Erster und Anderer Theil bestellen