Dichterfürst? – Nein, mehr als Naturforscher verstand sich Goethe. Ein solcher war er auch, wenngleich sein Forschen schon zu seinen Lebzeiten eher wenig wahrgenommen worden war. Die zerteilende, die analytische Forschung drängte die große Zusammenschau, die ganzheitliche Betrachtung, bereits in der Goethezeit so stark zurück, dass sie in jenen häufig despektierlich Elfenbeinturm genannten Randbereich geriet, aus dem sie letztlich nur die anthroposophische Bewegung mit ihrer „Goetheanischen Naturforschung“ herauszuholen versuchte. Was von seiner Naturforschung in den zweihundert Jahren bis in unsere Zeit herüber kam, war „Goethes Farbenkreis“ als Ableger seiner Farbenlehre. Mit dieser wollte er die Newtonsche Spektralanalyse als falsch, weil künstlich, widerlegen. Zu einer Fußnote der Biologiegeschichte geriet Goethes Feststellung, dass es auch beim Menschen den ominösen Zwischenkieferknochen gibt, dessen Fehlen zu seiner Zeit als anatomisches Alleinstellungsmerkmal von Homo sapiens gegolten hatte, uns „vom Affen“ schied und den Menschen von der Primatenverwandtschaft absetzte. Gut ein halbes Jahrhundert vor Darwins Ursprung der Arten war diese enge Verwandtschaft zwar geahnt, ja befürchtet, aber beileibe nicht für diskussionswürdig gehalten worden. Weitgehend dem Vergessen anheim fiel zudem der Einfluss, den Goethe auf Alexander von Humboldt ausgewirkt und dessen Universalismus als Naturforscher mitgeprägt hatte. Humboldt deckte in seinen Ansichten der Natur geoökologische Zusammenhänge auf, die mehr als hundert Jahre später mit dem Begriff Ökosystem eine große wissenschaftliche und eine noch viel größere gesellschaftspolitische Karriere machten. Der heutige Naturschutz ist zutiefst goetheanisch durchdrungen, und nicht naturwissenschaftlich begründet; größtenteils zumindest, denn seine Sicht ist statisch erhaltend, nicht dynamisch und evolutionär. Besonders die Umweltbewegung hangt an geprägten oder ideologisch vorgegebenen Bildern, wie Natur und Landschaft „sein sollen“, weil sie mal so gewesen waren. Goethes Faust II lieferte in seherischer Weise die erste große literarische Bühne für die kommende Umwelt-Apokalypse.

Wie es dazu kam, dass nach Jahrzehnten Faust II in ganz anderer Ausrichtung auf Faust I folgte, warum sich Goethe an der Newtonschen Physik wund rieb und weshalb er selbst vielfach seine Dichtung als fast nebensächlich abtat, dem geht Stefan Bollmann in dieser besonderen Goethe- Biographie nach. Bereits bei seiner Geburt fingen für Goethe die Schwierigkeiten mit der Natur an, da sie nicht gelingen wollte. Man wähnte den Neugeborenen bereits tot. Erst ein ausgiebiges Bad in warmen Wein ließ ihn den Schrei des Lebens ausstoßen und in dieses eintreten. Trotz vieler sich im Lauf seiner späteren Lebensjahre häufenden Gebrechen hielt er ziemlich lange durch. Von Kindesbeinen an war Goethe ein Suchender, rastlos, doch stets vorsichtig tastend, beobachtend, sinnierend, Schlüsse ziehend und die Natur für den rechten Quell von Wahrheit haltend, was ihn von der Religion distanzierte und mitunter an gefährliche gesellschaftliche Ränder brachte, weil die Konventionen stark und die Macht der Kirche (noch) groß waren. Erfahrungen, die sich als Schlüsselerlebnisse verstehen lassen, eröffneten ihm den anderen, den natürlichen Zugang zur Welt. Durch seine berufliche Beschäftigung mit dem Bergbau und den damit verbundenen geologischen Fragen sowie durch seine Reise in den Süden, die ihn über die Kalkalpen mit ihren versteinerten Muscheln geführt hatte, waren Goethe erdgeschichtliche und geographische Horizonte geöffnet worden, so dass bei ihm schon manches Evolutionäre anklingt. Allerdings fehlte Goethe die klare Diktion, zu der erst Charles Darwin fähig war, nachdem ihn seine große Reise in den tiefen Süden und vollends um den Globus geführt hatte.

Stefan Bollmann breitet dies in faszinierender Klarheit aus, obwohl er – oder gerade weil er – so tief ins Detail geht, ohne sich darin zu verlieren. Der Atem der Welt ist ein Lesegenuss ersten Ranges und ein wissenschaftshistorisches Meisterwerk zugleich. Wie selten ein Buch drückt es aus, auf welchen Fundamenten die moderne Naturwissenschaft im biologisch-ökologischen Bereich gründet. Und wie Not abwendend es war, dass sich einzelne große Denker von den Zwängen des Zeitgeistes lösten, der stets jede Menge Mitläufer hat, aber wenig wirklichen Fortschritt erzeugt. Die Goethezeit war die Ära einer geistigen Revolution, die anders als die Französische von 1789, die in Terror und Diktatur endete, tatsachlich Freiheit brachte, die Freiheit der Forschung. Wir, die wir gerade mal drei volle Generationen seit diesem Durchbruch leben, halten diese für selbstverständlich. Doch immer häufiger stellen maßlose „Bedenken“ und überzogene Restriktionen die Forschungsfreiheit wieder in Frage, weil sich Dogmatiker unterschiedlichster neuer Glaubensrichtungen gegen die Forschung richten. Irrwege korrigiert die Wissenschaft selbst; dazu braucht sie keine Vorschriften aus Kreisen, die nicht verstehen, worum es geht. Manch „offensichtlicher Irrtum“ erweist sich später ohnehin als gar nicht so verkehrt gedacht. Goethes Farbenlehre war auf unser Sehen bezogen, also physiologisch ausgerichtet, Newtons Optik hingegen physikalisch. Beide stehen zueinander in einem komplementären Verhältnis, wie sich dies gegenwärtig bei einigen zentralen Prinzipien der Evolution analog andeutet. „War nicht das Auge sonnengleich…“ hatte Goethe in literarisch prägnanter Kürze vorweggenommen, was sich in der Wechselwirkung der Organentwicklung mit der Umwelt abzuzeichnen beginnt. Die Evolution ist aller Wahrscheinlichkeit nach zwar zukunftsblind, aber umweltblind ist sie nicht. Goethe würde unsere Zeit gewiss höchst spannend finden.

Prof. em. Dr. Josef H. Reichholf, Neuötting

 

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