Die sogenannte Energiewende ist (auch) ein Märchenreich. Zum Beispiel ließ sich eine Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland (und auch in der Schweiz) von wissenschaftlich-technisch unbedarften Politikern und selbsternannten Experten überzeugen, dass die von Kern- und Kohlekraftwerken gelieferte Bandenergie unnötig ist und relativ kurzfristig zu geringen Kosten durch Windturbinen und Solarzellen auf den Dächern ersetzen lässt. Dabei sind die Kosten gewaltig; zudem wird das ungelöste Problem der Speicherung großer Mengen zum falschen Zeitpunkt anfallender, aber nachhaltig und CO2-neutral erzeugter Energie einfach ignoriert. Dringend benötigte Aufklärung in diesem Bereich liefert im vorliegenden Buch André Thess, Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

In seinem Prolog zeigt der Autor anhand eines originellen Bratpfannen-Gleichnisses, dass auch bei der Energie- und Klimadiskussion selektive Perzeption, Wunschdenken und moralische Selbstermächtigung eine wichtige Rolle spielen, nicht zuletzt weil keine saubere Trennung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und subjektiven Werturteilen gemacht wird. Energiewendemärchen Nummer eins betrifft den – so die Diktion von Thess – bösen Verbrennungsmotor: Er gilt als Dreckschleuder, Klimaschädiger und Luftverpester, sein Verbot steht ganz oben auf der Prioritätenliste mehrerer europäischer Länder. Eine weitreichende gesellschaftliche Entscheidung, die auf wenig Akzeptanz stoßen dürfte, zahlreiche Arbeitsplätze vernichten und sehr hohe CO2-Vermeidungskosten verursachen wurde. Bei der vielgepriesenen Elektromobilität werden die hohen Kosten und das Reichweiteproblem unter den Teppich gekehrt, zudem fragt kaum jemand nach dem Ursprung der zum Laden der Akkumulatoren erforderlichen elektrischen Energie. Wird diese von Kohle- oder Gaskraftwerken erzeugt, so verlagert man das Problem vom individuellen Autofahrer einfach auf das Kraftwerk. Ein Argument zugunsten der nahezu CO2-freien und durchaus wirtschaftlichen Kernenergie, das zumindest in Deutschland auf taube Ohren stoßen durfte. Stattdessen plädiert der Autor für den Ersatz der Erdölprodukte durch synthetische Treibstoffe, hilfreich könnte auch die Abschaffung klimaschädlicher Subventionen sein. Doch woher kommt die notwendigerweise elektrische Energie, um diese Treibstoffe zu synthetisieren? Dazu waren sehr grob gerechnet rund 50 000 Windturbinen des 4-Megawatt-Typs erforderlich, was nahezu einer Verdoppelung der heutigen Windparks erfordert. Auf dieser Basis kommt Thess auf einen Spritpreis von 3 bis 4 € pro Liter. Dafür könnten der bestehende, zu 95 Prozent mit Verbrennungsmotoren bestückte Fahrzeugpark und die Tankstellen-Infrastruktur beibehalten werden, mitsamt den Arbeitsplätzen in den Motorenfabriken.

Auf ähnliche Weise entzaubert Thess sechs weitere, sehr populäre Energiewendemärchen oder -mythen, wobei es um die kluge Denkfabrik, das gute Elektroauto, den einfältigen Klimaforscher, das genügsame Haus, die billige Energiewende und das stubenreine Flugzeug geht. Nach einer sorgfältigen Analyse des jeweiligen Themas demontiert Thess weit verbreitete Vorurteile und vorgefasste Meinungen. Das Fragezeichen im Buchtitel ist wohl aus Marketinggründen hinzugefügt worden – das Urteil des Autors ist eindeutig. Als hervorragend informierter Naturwissenschaftler zeigt er unbarmherzig auf die Schwächen der heute propagierten Pläne und Projekte. Es bleibt aber nicht bei vernichtender Kritik: Thess macht sich die Müuhe, physikalisch sinnvolle Alternativen aufzuzeigen, die oft aus völlig unerwarteten Ecken kommen und mit realistischem Zahlenmaterial untermauert sind.

Die Grundprobleme bei den „Energiewendemärchen“ – aber auch bei den vom Autor vorgeschlagenen Alternativen – sind in einem demokratischen Staat Akzeptanz, Kosten und Zeit. Und die werden geflissentlich ignoriert; es bleibt in der Regel bei durchaus originellen und physikalisch sauber abgesicherten Luftschlössern, deren Bau horrend viel Geld und Zeit benötigen wurde. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass nach aller bisherigen Erfahrung vom machbaren Konzept bis zur großtechnischen Anwendung einer neuen Technologie im Schnitt ein halbes Jahrhundert verstreicht. Haben wir so viel Zeit und Durchhaltewillen? Abgesehen von der Tatsache, dass selbst die mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Lithium-Ionentransfer-Akkumulatoren pro Kilogramm gut zehnmal weniger Energie an die Räder des Elektroautos bzw. die Propellerwelle des (fast) rein hypothetischen Elektroflugzeugs bringen: Es bestehen oft tiefe Abgründe zwischen einem interessanten Konzept und den sich bei seiner praktischen Verwirklichung stellenden technologischen Hürden. Ohne deren Berücksichtigung werden die Alternativen selbst zu Märchen.

Thess gehört zu den seltenen und bewundernswerten Menschen, die sofort alles berechnen können. Er kann darum nicht verstehen, dass für eine große Mehrheit das Rechnen ein Horrortrip ist, selbst wenn es sich lediglich um die vier arithmetischen Grundoperationen handelt und nur ein Taschenrechner oder einfaches Kopfrechnen mit Zehnerpotenzen benötigt werden. Seine Aufforderungen, die zahlreichen numerischen Beispiele in seinem Buch allein oder im Freundeskreis nachzurechnen und sogar auszuweiten, dürften auf steinigen Grund fallen. Hingegen nimmt man die vom Autor vorgeschlagenen Lösungen dankend entgegen. Auch wenn es sich um stark gerundete Vereinfachungen handelt: Die Größenordnung stimmt sicher. Doch Märchen haben ein langes Leben, besonders wenn es um die Energiewende geht; einfache und auch noch offiziell verbreitete vollmundige Botschaften werden allzu oft der schwierigen Wahrheit vorgezogen.

Die beiden wichtigsten, von den Medien und der Allgemeinheit ignorierten und tabuisierten Themen lässt auch Theiss leider links liegen. Erstens beträgt der Beitrag Deutschlands zum globalen CO2-Ausstoß nur wenig über 2 Prozent, derjenige EU-Europas etwa 10 Prozent. Die vollständige Dekarbonisierung bei uns – so lobenswert sie auch wäre – kann zur „Rettung“ des Klimas überhaupt nichts beitragen. Das übergeordnete Problem – die Demographie – wird konsequent ignoriert. Doch solange die Weltbevölkerung alle 12,5 Jahre um eine Milliarde Menschen zunimmt, wird der weltweite CO2-Ausstoßweiter ansteigen. Denn auch diese Erdenbewohner werden Energie – vor allem in Form von Elektrizität – benötigen. Und die wird am billigsten und einfachsten mit Kohle, Öl und Gas erzeugt. Ganz abgesehen vom Treibstoff, der für die Mobilität und zum Anbau stetig wachsender Mengen Nahrungsmittel zur Ernährung der weiter wachsenden Weltbevölkerung benötigt werden. Aus der heutigen Perspektive ist das Klimaproblem (das Thess keineswegs in Abrede stellt!) unlösbar: Ohne fossile Energieträger geht es nicht, an ein verändertes Klima müssen wir uns anpassen. Aber diese Erkenntnis ist unbeliebt, man glaubt also lieber an Wunder, die durch symbolische Maßnahmen herbeigeführt werden sollen. So wurde allen Ernstes vorgeschlagen, auf Flügen, bei denen tonnenweise Kerosin verbrannt wird, eigene Kaffeebecher mitzunehmen, um CO2 einzusparen. Dazu erarbeitete Thess eine tiefschürfende Analyse unter dem originellen Neologismus „Kaffeebechervermeidungskostenformel“!

Dr. Lucien F. Trueb. Ebmatingen

 

bestellen: Prof. em. Dr. Josef H. Reichholf, Neuötting André D. Thess: Sieben Energiewendemärchen? Eine Vorlesungsreihe für Unzufriedene.