Wissenschaft lebt von der Vielfalt – der Methoden, der Strategien, der Fragestellungen und nicht zuletzt auch der Akteure. Man darf darin eine Parallele zur belebten Natur sehen, bei der sich Vitalität und Vielfalt wechselseitig befeuern und letztlich nicht voneinander zu trennen sind. Beide Aspekte der Vielfalt – im wissenschaftlichmenschlichen wie im natürlichen Bereich – kommen in den Hauptbeiträgen in diesem Heft zur Sprache.

Der Geograph und Umweltsystemforscher Ulf Büntgen (University of Cambridge) stellt in seinem Forschungsbeitrag einmal mehr das Potential der Dendrochronologie unter Beweis (S. 341). Im Mittelpunkt steht die jüngst geglückte Datierung des Vulkanausbruchs, bei dem der Laacher See in der Ost-Eifel entstanden ist. Entscheidende Hinweise gaben bei Bauarbeiten in einem Zürcher Quartier zutage getretene alte Hölzer, die eine Dokumentationslücke schlossen und es ermöglichten, die längste Jahrringchronologie der Welt um rund 2000 Jahre bis auf die Zeit vor 14 200 Jahren zu verlängern, dem Übergang vom Spätglazial zum Holozän. Mit diesem Zeitmaßstab konnten nun im Zusammenhang mit dem Laacher See-Vulkanausbruch verschüttete Hölzer auf 13 057 ± 9 Jahre vor heute exakt datiert werden. Der Befund ist deshalb bedeutsam, weil dieser Ausbruch einer der größten in Europa war und vielerorts in Form von Aschelagen in Seesedimenten Spuren hinterlassen hat, die nun ebenfalls hochpräzise Zeitmarken darstellen. Auf diese Weise verfügt man über ein Referenzsystem, das es gestattet, geschichtliche Befunde – seien sie paläoökologischer oder archäologischer Art – zeitlich einzuordnen. Vulkanische Aktivitäten liefern aber nicht allein Zeitmarken, sie sind eine treibende Kraft der natürlichen Klimavariabilität. Weltweit mehren sich die Hinweise, dass einschneidende geschichtliche Ereignisse wie Kriege, Pandemien, Hungersnöte und Migrationen mit der Klimawirkung großer Vulkanausbrüche im Zusammenhang gebracht werden können. Jede Datierung, jeder Befund, der Hinweise auf das vergangene Klima liefert (Klimaproxy), ist ein weiteres Mosaiksteinchen und trägt dazu bei, ein lebensvolles Bild der Vergangenheit zu rekonstruieren und die Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch konkret zu benennen. Ulf Büntgen plädiert deshalb nachdrücklich dafür, die disziplinaren Grenzen zu überwinden, um dieses Potential auszuschöpfen. Insbesondere gilt es, die Auswirkungen von Vulkanausbrüchen auf das Paläoklima intensiver zu untersuchen. Lange Zeit hatte man diesem Aspekt nämlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt, weil man auf den Einfluss der Sonnenfleckenaktivität auf das Klima fixiert war. Am Zentrum für Interdisziplinarität in Bielefeld soll sich nun eine Forschergruppe dem Zusammenhang zwischen Vulkanismus, Klima und Geschichte widmen und eine Brücke zwischen Naturund Kulturwissenschaften schlagen. Angesichts der Tatsache, dass wir dem aktuellen, von Menschen vorangetriebenen Klimawandel nur in Grenzen entgegenwirken können und uns auf veränderte klimatische Bedingungen einstellen müssen, dürfte von hoher Relevanz sein zu erfahren, wie frühere Gesellschaften auf klimatische Änderungen reagiert haben. Um einen Aspekt der Vielfalt im Lebendigen, der versteckt ist und daher kaum wahrgenommen wird, geht es in dem Forum- Beitrag des Mediziners und Chemikers Hans E. Müller (ehemals Medizinaluntersuchungsamt Braunschweig; S. 345). Er fragt nach dem Anteil des angeborenen und des adaptiven Immunsystems an der Abwehr von Krankheitserregern und stellt vor dem Hintergrund des individuell sehr unterschiedlichen Verlaufs von COVD- 19-Infektionen die Hypothese auf, dass bei den Infizierten, die keine oder nur leichte Krankheitssymptome zeigen, die unspezifische Abwehr dominiert. Andere Personen wären entsprechend umso mehr auf Impfungen angewiesen, um sich vor lebensbedrohlichen Verläufen zu schützen.

Dass Wissenschaft von Menschen gemacht wird und dass diese sehr verschieden agieren, wird in dem Beitrag der Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdecke deutlich (S. 350). Nachdem sie im ersten Teil ihres Beitrags über die Spitzbergenforschung vor dem Ersten Weltkrieg Unternehmungen vorgestellt hatte, die bis heute mit klangvollen Namen wie Erich von Drygalski, Ferdinand Graf von Zeppelin, Wilhelm Filchner und Kurt Wegener verbunden werden, widmet sie sich nun der gescheiterten Schröder-Stranz- Expedition von 1912. Dass diese in einem Desaster endete, lag im Wesentlichen an der Unerfahrenheit und der übermäßig ehrgeizigen Persönlichkeit des Leutnants Schröder-Stranz, der um jeden Preis etwas Großes leisten wollte. Neben der fesselnden Dramatik der bis heute nicht ganz geklärten Ereignisse und dem eisernen Durchhaltewillen der Überlebenden, der uns Bewunderung abverlangt, gibt es ein Moment, das diese Expedition wie auch alle anderen Aktivitäten auf Spitzbergen erinnerungswürdig macht: Die selbstverständliche Kooperation und gegenseitige Unterstützung nicht erst in der Not. Bereits damals gab es regelrechte Netzwerke zwischen Forschern, Praktikern, Amateuren und Förderern, die sich als Teil eines großen Projekts verstanden. Dass diese eines gewissen Reglements bedürfen, um verhängnisvolle Unternehmungen wie die Schröder-Stranz-Expedition zu unterbinden, lag auf der Hand und wurde entsprechend gefordert. Mit der 1920 konstituierten Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft wurde ein entsprechender Rahmen geschaffen. Sie ist die Keimzelle der heutigen Deutschen Forschungsgemeinschaft, die vor nunmehr 70 Jahren, am 2. August 1951, gegründet wurde. Auch sie lebt von der Vielfalt – und wie alles Lebendige muss sie sich stets neu bewähren, um in einer sich wandelnden Welt vital zu bleiben.

Klaus Rehfeld