Cuvillier Verlag, Göttingen 2019. IIX, 342 S., zahlr. Abb., € 58,-/sFr. 105,-
Alle Tiere und alle Pflanzen tragen einen einmaligen wissenschaftlichen Namen. Carl Linnaeus (von Linné) war der Begründer der zweiteiligen wissenschaftlichen Benennungen, hat aber nur 40 noch heute gültige Gattungsnamen für Säugetiere veröffentlicht. Michael Köhncke stellt in seinem Buch 100 Männer in kurzen Biographien vor, die in der Zeit von 1758 bis 1849 rund 500 Gattungsnamen von Säugetieren veröffentlicht haben. Der Autor, über den man aus dem Buch nur erfährt, dass er promovierter Zoologe ist, der sich auf das Gebiet der Wissenschaftsgeschichte gewagt hat, stellt nicht nur einfach einen Namen neben den anderen. Er illustriert die nomenklatorischen Angaben mit einer vielfältigen Bilderwelt aus historischen und aktuellen Abbildungen der behandelten Tiere, und er schildert im Lauftext und in 17 Exkursen das historische und politische Umfeld der vorgestellten Wissenschaftler. Dabei bietet er eine schier unglaubliche Menge an außer-zoologischer Information, zur geopolitischen Entwicklung, zu persönlichen und sozialen Beziehungen und zu Kunst und Kultur der jeweiligen Zeit. Da geht es unter anderem um Machtpolitik im 18. Jahrhundert, um die 1814 von einem aus Württemberg stammenden Auswanderer gegründete pietistische Lebensgemeinschaft New Harmony und ihre Beziehung zur Naturwissenschaft der USA, um die British East India Company, die Verenigde Oost-Indische Compagnie oder um die Französische Revolution und ihre Auswirkungen auf die Wissenschaft(ler) ihrer Zeit.

Der Autor hat überaus sorgfältig die Quellen der Erstbeschreibungen und deren Zeitumstände recherchiert. Zu jeder behandelten Gattung nennt er die Typusart (die er bedauerlicherweise manchmal mit „Genotyp“ bezeichnet). Dazu beschreibt er kurz Morphologie, Ökologie und Verbreitung der Arten der jeweiligen Gattung. Das liest sich dann meist so: „die Gattung xy besiedelt mit einem Dutzend Arten“ dies oder jenes Gebiet, oder „das Blauschaf bewohnt mit zwei Arten …“. Säugetierkundlern – fachsprachlich Theriologen oder Mammalogen – sollte keine der hier besprochenen Gattungen unbekannt sein. Alle Nicht-Fachleute jedoch werden ungemein viel Neues lernen, sowohl über vertraute Gattungsnamen und ihre Träger wie Mus Linnaeus, 1758 oder Panthera Oken, 1816, mehr aber noch über selten in populärwissenschaftlichen Quellen erwähnte wie Potorous Desmarest, 1804 (Beuteltiere), Cyclopes Gray, 1821 (Zwergameisenbären), oder Kerodon Cuvier, 1825 (Bergmeerschweinchen), um nur eini-ge Beispiele zu nennen.

Die behandelten Autoren und die von ihnen publizierten Gattungsnamen werden in zwei Abschnitten dargestellt, zunächst die „Alten Meister“, das sind Carl Linnaeus und zwölf weitere Autoren, die zwischen 1758 und 1780 als Namengeber wirkten. Die übrigen Herren und ihre Werke stehen unter „Die Humboldtzeit von (1781) 1790-1849“ (von 1781 bis 1789 wurden keine Säugetier-Gattungen beschrieben). Die Autoren dieses Zeitraums werden nach ihrer Nationalität sortiert abgehandelt, fünf US-Amerikaner, 24 Briten bzw. Iren, 19 Franzosen, sechs Autoren kleinerer Länder (Skandinavien, Niederlande, Schweiz), und 31 aus deutschen Staaten (das ergibt 85, zusammen mit den „Alten Meistern“ 98 gleich 100 im Rahmen der Messgenauigkeit).

Das Buch ist in einem lockeren Erzählstil geschrieben, mit zahlreichen persönlich gefärbten Einsprengseln, immer wieder amüsant, stellenweise grenzwertig umgangssprachlich (wenn zum Beispiel Wissenschaftler eines historischen Abschnitts als „Trupp“ bezeichnet werden, oder eine Entscheidung der International Commission on Zoological Nomenclature als „gnädig“). Das Werk hätte durch eine sorgfältige Redaktion deutlich gewonnen. So erschließt sich die reichhaltige Informationsfülle nur mit gewisser Anstrengung, denn etliche Abkürzungen (EIC, MSW, GDZ, WBG u.a.) werden nicht bei ihrer Ersterwähnung, sondern irgendwann irgendwo im Text aufgelöst, zahlreiche wichtige Angaben sind in Fußnoten versteckt, nicht wenige Flüchtigkeitsfehler erzeugen Verständnisprobleme. Eher erheiternd ist, dass ein Autor, der sich über sprachliche Fehler anderer mokiert, selbst „der Tribus“ und „die Systema“ schreibt (Tribus ist ein Femininum, Systema ein Neutrum, wie jedes Latein-Wörterbuch erweist). Dass der Autor immer wieder davon abrät, bestimmte Tiere als Haustiere und Spielgefährten für Kinder zu halten, ist inhaltlich nachvollziehbar, aber in einem wissenschaftshistorischen Werk doch überraschend. Ernsthaft störend ist der Umstand, dass in Tabelle 2 ein „systematischer Überblick der Gattungen“ angekündigt wird, in dieser Tabelle jedoch nur 240 der 500 behandelten Gattungsnamen aufgeführt sind.

Das neunseitige Literaturverzeichnis mit 195 Titeln belegt die umfangreichen Kenntnisse des Autors nicht nur auf dem Gebiet der Säugetierkunde, sondern auch in Geschichte, Philosophie und Kulturwissenschaft. Da vermisse ich nur Karl Raimund Poppers Logik der Forschung oder ein ähnliches Werk über Wissenschaftstheorie, obwohl Michael Köhncke Poppers Falsifikationskriterium erwähnt. Er scheint bei aller umfassenden Bildung doch ein eher oberflächliches Verhältnis zum Theoriebegriff zu haben, denn er findet, dass eine Theorie nicht widerlegt werde, sondern ausstürbe, und er hält die Evolutionstheorie nicht für eine solche, sondern für einen „Befund“.

Dieses unorthodoxe Buch bietet ungeahntes Lesevergnügen, aber auch mühsam zu verdauende Passagen. Es changiert zwischen dem Präsentieren wissenschaftlicher Fakten und der sehr subjektiven Einschätzung und Wertung historischer Persönlichkeiten und Abläufe (übrigens geprägt von sympathischem Humanismus). Der Autor mutet seinem Publikum keine leichte Kost zu, versöhnt es aber durch facettenreiche Schilderungen und durch Hunderte von wenig bekannten und doch interessanten Einzelheiten. Dass es kein rein wissenschaftliches Werk ist, wird schon dadurch klar, dass Michael Köhncke die zeitliche Begrenzung seines Analyse-Zeitraums mit dem schlichten Satz begründet: „Ich habe nach den ersten 90 Jahren Linnéscher Systematik der Säugetiere einfach aufgehört“.

Prof. Dr. Michael Schmitt, Greifswald

 

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