So schnell das neuartige Coronavirus SARS-CoV2 identifiziert und sein Genom sequenziert wurde, so spärlich sind belastbare Studien zu seiner epidemiologischen Bedeutung. Mit diesem Defizit befasst sich das Taschenbuch Corona FeAhlalarm? von Karina Reiß, Forschungsgruppenleiterin an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein der Christian-Albrechts-Universität Kiel, und Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie und Emeritus der Johann-Gutenberg-Universität Mainz (langjähriger Leiter des dortigen Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene). Von der Sammlung der Fakten und Hintergründe des primär an die deutschsprachige Allgemeinheit gerichteten Buches dürfte auch der an den wissenschaftlichen Grundlagen interessierte Leser profitieren.

Der Titel des einführenden Kapitels – „Beginn eines Albtraums“ – bezieht sich auf die Einschränkung der persönlichen Freiheiten und Grundrechte zugunsten des Gesundheitsschutzes durch den „Lockdown“. Allerdings beleuchtet bereits dieser Vorspann die Bedeutung der Coronaviren, zu denen allgegenwärtige Vertreter des Virencocktails gehören, das alljährlich an saisonalen grippalen Infekten beteiligt ist. Da klinisch in der Regel von untergeordneter Relevanz, wurden Coronaviren wenig beachtet, bis die mit SARS-CoV1 und MERS-Viren verbundene hohe Mortalität für Schlagzeilen sorgte. Aufgrund niedriger Infektiositäten hatten diese Epidemien allerdings eher episodischen Charakter. Der Frage nach der Infektiosität und Mortalität des in Wuhan entdeckten neuartigen SARS-CoV2-Virus widmen sich die restlichen Kapitel des Buches: (2) Wie »gefährlich« ist das neue »Killervirus«?, (3) Corona-Situation in Deutschland, (4) Zuviel? Zu wenig? Was ist passiert?, (5) »Kollateralschäden« – was passiert rundum?, (6) Haben andere Länder es besser gemacht – Schweden als Vorbild?, (7) Welche Maßnahmen wären eigentlich die richtigen gewesen?, (8) Das totale Versagen der öffentlichen Medien, (9) Quo vadis und (10) Schlusswort.

Die Autoren erläutern, warum nach anerkannten epidemiologischen Standards eine Gefahrenanalyse für das SARS-CoV2-Virus aktuell nur bedingt möglich ist, da erstens die Spezifität bzw. Zuverlässigkeit der verfügbaren PCR-Tests nicht mit Zahlen belegt ist (selbst bei einem „guten“ PCR-Test mit zu 99,5% korrekten Ergebnissen ist die Anzahl der falsch-positiven bzw. negativen Testergebnisse bei Massentests nicht zu vernachlässigen), zweitens keine groß angelegten Studien an einem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt vorliegen (mit Ausnahme der Heinsberg-Studie wurden selektiv vorwiegend Erkrankte, Hospitalisierte oder deren Kontaktpersonen nach regional unterschiedlichen Kriterien auf das Virus getestet) und drittens bei den wenigsten positiv getesteten Verstorbenen durch Obduktion nach der maßgeblichen Todesursache geforscht wurde (id est, ob die Virusträger wegen oder mit dem Virus gestorben sind). Mit den verfügbaren Statistiken können daher lediglich Obergrenzen für die Infektiosität und Mortalität abgeleitet werden. Bei der Bewertung der medial in Szene gesetzten „Fallzahlen“, die nichts anderes als positiv Getestete repräsentieren und zum weit überwiegenden Teil mit schwachem oder symptomlosem Verlauf verbunden sind, bemängeln die Autoren, dass weder die Anzahl der durchgeführten Tests noch ein Bezug auf die Bevölkerungszahl berücksichtigt wird – Korrekturen, die nach guter wissenschaftlicher Praxis selbstverständlich sein sollten. Entsprechendes gilt für den von den Gesundheitsbehörden als Entscheidungsgrundlage herangezogenen Reproduktionsfaktor.

Anhand des vom Robert-Koch-Institut und anderen veröffentlichten Verlaufs der Fallzahlen hinterfragen die Autoren den Nutzen des landesweiten „Lockdowns“, der hierzulande verhängt wurde, als der Höhepunkt der Pandemie bereits überschritten war, sowie der noch später eingeführten Maskenpflicht. Dass sie damit nicht allein stehen, belegen sie mit Zitaten von Fachkollegen aus aller Welt. Ein Diagramm auf der Basis von Modellrechnungen der WHO veranschaulicht, wie der „Lockdown“ die Pandemie – und damit den Weg zu einer natürlich erzielten Herdenimmunität – in die Länge zieht, ohne die Fallzahlen insgesamt zu reduzieren. Hierzulande lässt sich daraus kein Gewinn ableiten, da die reichlich verfügbaren Intensivbetten allenfalls lokal und zeitlich begrenzt ausgelastet waren.

Dieser Erkenntnis zuwiderlaufende Schreckensmeldungen aus aller Welt beleuchten die Autoren vor dem Hintergrund, dass die Gefährlichkeit ein und desselben Virus regional kaum unterschiedlich sein kann, und führen lokale Unterschiede in der Mortalität auf den unterschiedlichen Hintergrund zurück. Dazu gehören unter anderem Schwächen der Infrastruktur, die auch bei schweren Grippewellen zum Kollaps des Gesundheitssystems führen können bzw. geführt haben (ohne dass darüber mit vergleichbarer Aufmerksamkeit berichtet wurde) oder Besonderheiten der Bevölkerungsstruktur wie Überalterung oder ethnische Unterschiede (die hohen Fallzahlen in New York führen sie auf einen hohen Anteil illegaler Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung unter den Infizierten zurück, die aus Angst vor rechtlichen Schritten zu spät zum Arzt gehen, und bei zwei Dritteln der hispanischen Bevölkerung führt ein Gendefekt der Glucose-Dehydrogenase zur Unverträglichkeit von Chloroquin, das anfangs als unspezifisches antivirales Medikament zum Einsatz kam). Dass die anlässlich der Pandemie behördlich angeordnete Feuerbestattung in Italien eher unüblich und die örtlichen Bestatter mangels Krematorien unweigerlich überfordert gewesen seien, wirft neues Licht auf die Leichentransporte durch Militärkolonnen in Norditalien.

Da Coronaviren wie die Grippe-Erreger zu den veränderlichen Viren zählen, hinterfragen die Autoren die in die Impfstoffentwicklung gesetzten Erwartungen und erinnern stattdessen an die Bedeutung der natürlichen Herdenimmunität und der Elimination der von Viren befallenen Zellen durch Killerzellen. Auch die Praxis der invasiven Beatmung wird mit Verweis auf Fachkollegen kritisch beleuchtet. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Kollateralschäden nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern auch im Gesundheitswesen, wo wegen behördlicher Auflagen Operationen verschoben wurden oder Patienten aus Angst vor Ansteckung dringliche Arztbesuche hinausschieben, sowie den psychische Schäden durch „social distancing“, das über länger Zeiträume hinweg unter anderem die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und die Lebensqualität von Senioren einschränkt, letzteres kontraproduktiv für das Konzept, diese Risikogruppen zu schützen.

Mit auf die Gesamtbevölkerung bezogenen Zahlen der Todesfälle in europäischen Ländern zeigen die Autoren, dass die in Schweden verfolgte alternative Strategie zwar trotz niedriger Bevölkerungsdichte mit höherer Mortalität verbunden ist als in Deutschland, dennoch liegt der Wert für Schweden niedriger als in Italien oder Spanien und unter dem europäischen Durchschnitt. Auch wie in bevölkerungsreichen Ländern – Südkorea und Japan – zwar mit strikter Kontaktverfolgung, aber ohne Lockdown die Mortalität niedrig blieb, wird diskutiert.

Im Fazit bewerten die Autoren den landesweit verhängten „Lockdown“ als Fehlentscheidung mit verheerenden Folgen. Dass dabei nicht jede Argumentationskette in aller Tiefe ausgeführt wird, kann aus Sicht der Rezensentin den Wert der zugrundeliegenden Faktensammlung nicht schmälern. Das Quellenverzeichnis mit 208 Zitaten erleichtert dem interessierten Leser den Einstieg in die Fachliteratur, wenngleich nicht nutzerfreundlich, da es ausschließlich Links listet und auch bei wissenschaftlichen Artikeln weder Autoren noch Titel nennt. Nur zu wenigen Schlussfolgerungen – wie der als gering eingeschätzten Infektionsgefahr durch Schulkinder – muss der Leser selbst recherchieren.

Die Ausführungen der Autoren werfen weiterhin ein Licht auf den Umgang mit kritischen Stimmen in der aktuellen medialen Diskussionskultur, die ihrem Namen keine Ehre macht, seit die Berichterstattung vor allem der öffentlich-rechtlichen Medien nach der Propagierung einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ von der Sicht des Beraterstabs der Bundesregierung dominiert wird. Ein offener Brief von Prof. Bhakdi an die Kanzlerin zu Beginn des in Deutschland verhängten Lockdowns, in dem er an die über die Gesundheitsvorsorge hinausgehende Verantwortung der Bundesregierung appellierte, blieb ohne Resonanz. Selbst eine Risikoanalyse der Kollateralschäden durch einen Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, begutachtet durch zehn eingeladene Wissenschaftler (darunter Prof. Bhakdi), verschwand ohne öffentliche Diskussion in der Versenkung. Wenn also das vorliegende Buch nicht nur Fakten und Hintergründe vermittelt, sondern mit seinem Appell an die Einhaltung wissenschaftlicher Standards und die über den Gesundheitsschutz hinausgehende Verantwortung der Politiker dazu beitrüge, dass eine die wissenschaftliche Arbeitsweise kennzeichnende kritische, und damit auch kontroverse Auseinandersetzung mit der Materie wieder möglich wird, ohne dass von den politischen Vorgaben abweichende Schlussfolgerungen pauschal als „Fake News“ oder „Verschwörungstheorien“ diskreditiert werden, hat es seinen Zweck erfüllt.

Dr. rer. nat. habil. Annette Hille-Rehfeld, Stuttgart

 

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