Citius, altius, fortius – dieser bei der Wiederbegründung der Olympischen Spiele ausgerufene Wahlspruch hätte jetzt in gewöhnlichen Zeiten wieder Millionen von Menschen vor dem Fernseher vereint. Doch es sind keine gewöhnlichen Zeiten. Vereint sind wir dennoch, wenn es auch eine Pandemie ist, die uns in ihren Bann schlägt.

Das „Schneller-höher-weiter“ verdient aber auch jenseits olympischer Zusammenhänge eine nähere Betrachtung. Verweist es doch auf humane Antriebskräfte und eine innewohnende Faszination, der wir uns schwerlich entziehen können. Warum lohnt ein Nachdenken darüber? Anlass hierzu gibt eine Weltlage, die uns seit langem gewärtig ist, die wir aber allzu gerne verdrängen: Wir Menschen leben über unsere Verhältnisse und sind dabei, unsere eigene Zukunftsfähigkeit in Frage zu stellen. Der Weltüberlastungstag, jener Tag, an dem sämtliche natürlichen Ressourcen aufgebraucht sind, die in einem Jahr wiederhergestellt werden können, liegt in diesem Jahr am 22. August (Corona-bedingt 3 Wochen später als im Vorjahr). Das ist das Ergebnis einer zwiespältigen Veranlagung, die der Humanbiologe und Anthropologe Carsten Niemitz in seinem Beitrag beleuchtet. Eigentlich sind wir Menschen nämlich höchst erfolgreich. Wie kein anderes Lebewesen verstehen wir es, mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten zurechtzukommen und Herausforderungen zu meistern. Wir sind in allen Weltteilen heimisch geworden und haben gelernt, natürliche Gegebenheiten für unsere Zwecke zu nutzen. Aber wir sind dabei geradezu zerstörerisch: Das Eindringen von Menschen in unbesiedelte Regionen ging immer einher mit Verlusten an Arten und Lebensräumen. War es anfangs ein gezieltes Töten von Tieren zur Gewinnung von Fleisch und nutzbaren Naturmaterialien wie Knochen und Felle, so kam später das Jagdvergnügen hinzu und schließlich in immer stärkerem Maße der schleichende und massenhafte Artentod durch gedankenlose Vernichtung von Lebensräumen. Letztere benötigen wir, um unseren Nahrungsbedarf und den immensen Rohstoff- und Energiehunger zum Unterhalt der technisierten Welt zu decken. All diese negativen Entwicklungen werden durch den medizinischen Fortschritt und die Fähigkeit, die landwirtschaftliche Produktion in nie gekannte Höhen zu treiben, noch verstärkt. Die Folge ist ein weiterer Anstieg der Weltbevölkerung und damit einhergehend ein wachsender Bedarf an Ressourcen – ein Teufelskreis, der seit langem bekannt ist.

Warum fällt es uns so schwer gegenzusteuern? – Es fehlt uns hierfür schlicht ein genetisch verankertes Verhalten, so die Analyse von Niemitz. Während wir in akuten Gefahrensituationen sofort handeln und das Mögliche tun, um unsere Haut zu retten, fehlt uns ein Sensorium für zukünftige Bedrohungen. Aufklärung, Appelle an die Vernunft und Bewusstseinsbildung sind nötig, um dieses naturgegebene Defizit auszugleichen. Angesichts dessen, dass die Menschheit so viel Staunenswertes in die Welt gesetzt hat, sollte uns das eigentlich nicht schwer fallen.

Oder doch? Hier mag ein Blick auf das olympische Motto lohnen. Es spielt darauf an, dass wir ein Verlangen nach Leistungssteigerung, Ausleben und Austesten unserer Fähigkeiten haben. Das Motto rührt somit tiefe Seelenschichten und Triebstrukturen an. Die Befeuerung kommt von innen wie von außen. Reinhard Piechocki hat unlängst in seinem Beitrag über die Bedeutung des Rhythmusempfindens für die Entwicklung der menschlichen Kultur dargestellt, wie man sich das vorstellen kann: Die innere Disposition liegt darin, sich der als wohltuend empfundenen Funktionslust von Geist und Körper zu erfreuen und dem Verlangen, durch Perfektionierung gleichsam über sich hinauszuwachsen. Und es kommt eine soziale Komponente hinzu, die Möglichkeit, sich vor anderen zu beweisen, andere zu animieren und einem gemeinschaftlichen Tun eine Richtung zu geben. Mag es auch Ansätze davon bei unserer nächsten Verwandten geben, so ist allein dem Menschen im Verlaufe seiner Kulturgeschichte eine ungeahnte Zahl an Möglichkeiten zugewachsen, dem Drang nach dem Neuen nachzugehen. Wir „bespielen“ in unserem Leben ja nicht nur unseren naturgegebenen Körper, sondern beziehen alles ein, was uns zu Gebote steht, um sozial eingebunden zu leben. Und dies sind nicht nur Sitten, Sprache und Gedankengebilde, sondern in hohem Maße Dinge der materiellen Kultur, mit der wir uns eine eigene Welt aufgebaut haben. Für unsere Existenz benötigen wir daher längst mehr, als wir „eigentlich“ brauchen. Vieles können wir sicherlich entbehren, ohne einen Mangel an „Lebensqualität“ zu verspüren. Doch wird unser Sein in hohem Maß durch Hervorbringungen konstituiert, die wir dem Haben und Habenwollen verdanken. Man denke nur an die apparative Ausstattung, die heute nötig ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wer darüber nicht verfügt, wird letztlich verdrängt. Man kann darin die Fortsetzung einer „Erfolgsgeschichte“ sehen, die vor rund 50 000 Jahren begann, wie Reinhard Piechocki in seinem Stichwortbeitrag „Verdrängungshorde“ darstellt. Der Begriff bereitet etwas Unbehagen, kennzeichnet aber wohl zutreffend unser schöpferisches und zugleich destruktives Wesen. Es waren namentlich effiziente Jagdmethoden, handwerkliche Fertigkeiten, aber auch Kunstsinn, die unsere frühen Vorfahren überlegen machten, so dass aus einem afrikanischen Primaten ein Weltbürger wurde. Die Ambivalenz, die in dieser reichen Mitgift steckt, hat Adolf Portmann auf weniger martialische Weise anklingen lassen, als er vom „Pfeil des Humanen“ sprach, Wohin wir ihn in olympischem Geiste zielen, ist nicht allein Schicksal, sondern liegt auch in unserer Hand. Dies sollten wir uns immer wieder bewusst machen.

Klaus Rehfeld