Denken ist riskant, zuweilen auch gefährlich. Insbesondere gilt dies, wenn sich die Frucht denke­rischer Anstrengung in Konzepten nieder­schlägt, die mit Begriffen verbunden sind.

Wie brisant das sein kann, lässt sich seit einiger Zeit an den Diskussionen um Im­manuel Kant verfolgen. Ausgerechnet der für seine universalistische Sicht gerühmte Philosoph wird von einigen bezichtigt, ein Rassist gewesen zu sein.

Kant, der zeitlebens den Umkreis von Königsberg nicht verlassen und sich nicht durch eigene Anschauung ein Bild von der Welt „da draußen“ gemacht hatte, nahm auch den Menschen in den Blick. Mangels Begegnung mit dem „Fremden“ schöpfte er aus Werken der Naturge­schichte wie Linnés Systema Naturae und Buffons Histoire Naturelle, und er studierte auch Berichte von Praktikern, um möglichst viele Facetten der Wirklich­keit zu erfassen. 1775 veröffentlichte er die Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen, mit der er Vorlesungen zur physischen Geographie ankündigte. In ihr nimmt er wie Linné eine Einteilung in vier menschliche „Racen“ vor und versucht, ihre Verschiedenheit vor allem auf die unterschiedlichen klimatischen Bedingungen in den besiedelten Weltre­gionen zurückzuführen. Er betont darin, dass alle Menschen einer „Gattung“ ange­hören, da sie sich ungeachtet aller erblich bedingten Unterschiede untereinander fortzupflanzen vermögen. Diese Schrift enthält nur am Rande als rassistisch einzustufende Wertungen. Die Empörung über ihn entzündet sich vor allem an an­deren Veröffentlichungen, etwa der von 1788 Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien, in denen er eine Hierarchie der Rassen vornimmt und keinen Zweifel lässt, dass nur die „Weißen“ vollkommen zur Kultur fähig sind und daher an der Spitze stehen. Bereits 1864 hatte er sich in einer Abhandlung über das ästhetische Empfinden ähnlich geäußert. Für Kant spricht, dass er offensichtlich von diesen Thesen abgerückt ist und nach dem Urteil der Philosophin Pauline Kleinknecht ab 1790 zwar noch von Rassen sprach, aber aufgab, die Menschen nach der Hautfarbe zu bewerten. Doch ein Makel bleibt, auch wenn man sich mit dem schroffen Dik­tum „Kant war ein Rassist“, zu dem der Frankfurter Philosoph Marcus Willaschek gelangt, nicht anfreunden mag, weil man ihm eine – wenn auch nicht explizite – Revision zugestehen mag.

Es gibt zweierlei Anlass, an dieser Stelle das Thema Menschenrassen und die Wurzeln rassistischen Denkens anzusprechen: Der Übersichtsbeitrag von dem Anthropologen und Biologie­didaktiker Ulrich Kattmann (S. 285) und die damit im Zusammenhang stehende Jenaer Erklärung zur Frage der Rea­lität der Menschenrassen. Im Beitrag wird dargelegt, warum die Aufstellung von Menschenrassen ein menschliches Konstrukt ist und der genetischen Vielfalt der Menschen nicht gerecht wird. Mit seinem Artikel entgegnet Kattmann der Kritik, die an der genannten Erklärung geäußert wurde. Letztere war im Septem­ber 2019 anlässlich der Versammlung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) in Jena von vier prominenten Ver­tretern der DZG veröffentlicht worden. Ort und Zeitpunkt waren symbolträchtig, denn Jena war eine der intellektuellen Zentren des rassistischen Denkens in Deutschland und Wirkungsort des vor 100 Jahren verstorbenen Ernst Haeckel. Der glühende Darwinist äußerte sich unverhohlen rassistisch. Anders als der von ihm bewunderte Darwin neigte er dazu, seinen kühnen Gedankenflügen freien Lauf zu lassen. Er ließ sich zu pau­schalen und spekulativen Äußerungen über die Existenz und Verschiedenheit menschlicher Rassen und Arten hinrei­ßen, mit denen er zu den Wegbereitern des Rassismus wurde. Es besteht kein Zweifel, dass Haeckel hier nicht als strikter, der Objektivität verpflichteter Wissenschaftler vorging, sondern von Vorurteilen und Ressentiments gelei­tet wurde. Wie auf ihn gemünzt lautet denn auch die Kernbotschaft der Jenaer Erklärung: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“. Doch trifft diese Ein­schätzung generell zu? Gilt sie etwa auch für Immanuel Kant, auf den sich spätere „Rassentheoretiker“ berufen zu können glaubten?

Dass sich Kant keineswegs mit vorge­fasster Meinung und voller Selbstgewissheit auf ein unsicheres Terrain begab, wird in der erwähnten Vortragsankündigung von 1775 deutlich. Unter anderem schrieb er: „Man muß, so sehr man auch und zwar mit Recht der Frechheit der Meinung feind ist, eine Geschichte der Natur wagen, welche eine abgesonderte Wissenschaft ist, die wohl nach und nach von Meinungen zu Einsichten fortrü­cken könnte.“ Er sah sich offensichtlich gedrängt, ein neues Forschungsfeld zu eröffnen und war sich bewusst, dass eine lange Wegstrecke bevorsteht, um über bloße Meinungen zu wirklichen Ein­sichten zu gelangen.

Dass es ein derart riskantes Wagnis sein könnte und dass am Ende Irrlehren daraus erwuchsen, sogar rassistische Ver­brechen „wissenschaftlich“ legitimierten, war nicht abzusehen. Es stimmt nach­denklich, dass selbst ein so kritischer Geist wie Kant sich von Vorurteilen nicht ganz frei machen konnte. So mahnt uns sein Beispiel auch zur Bescheidenheit, was unser eigenes Urteilsvermögen betrifft.

Klaus Rehfeld