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Seiten 281
bis 336
Editorial

Die Jenaer Erklärung und die Diskussion um den Rassismus

Klaus Rehfeld

Denken ist riskant, zuweilen auch gefährlich. Insbesondere gilt dies, wenn sich die Frucht denke­rischer Anstrengung in Konzepten nieder­schlägt, die mit Begriffen verbunden sind.
Wie brisant das sein kann, lässt sich seit einiger Zeit an den Diskussionen um Im­manuel Kant verfolgen. Ausgerechnet der für seine universalistische Sicht gerühmte Philosoph wird von einigen bezichtigt, ein Rassist gewesen zu sein.
Kant, der zeitlebens den Umkreis von Königsberg nicht verlassen und sich nicht durch eigene Anschauung ein Bild von der Welt „da draußen“ gemacht hatte, nahm auch den Menschen in den Blick. Mangels Begegnung mit dem „Fremden“ schöpfte er aus Werken der Naturge­schichte wie Linnés Systema Naturae und Buffons Histoire Naturelle, und er studierte auch Berichte von Praktikern, um möglichst viele Facetten der Wirklich­keit zu erfassen.

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Übersicht

Die genetische Vielfalt der Menschen widerspricht der Einteilung der Menschen in „Rassen“

Ulrich Kattmann

Die Jenaer Erklärung mit der sich Vertreter der Deutschen Zoologischen Gesellschaft 2019 zu Wort meldeten, hat eine wichtige Debatte angestoßen. Nicht alle Zoologen sind damit einverstanden, die Einteilung der Menschen in verschiedene Rassen (Subspezies) abzulehnen. Wenn Menschen aus den verschiedenen Weltregionen große Unterschiede aufweisen: Warum sollte man sie nicht in gleicher Weise Rassen zuordnen können, wie man es mit vielen Tierarten macht? Geben womöglich die Erfahrungen mit rassistischen Ideologien den Ausschlag, die Unterscheidung menschlicher Rassen abzulehnen? Hier setzt der Autor an, indem er zunächst verschiedene Konzepte vorstellt, wie man innerartliche, genetisch bedingte Vielfalt erfassen kann, um dann zu prüfen, inwieweit sie auf menschliche Populationen anwendbar sind. Es zeigt sich, dass man es beim Menschen mit variablen, ineinander übergehenden Merkmalen zu tun hat, weshalb eine Unterscheidung von Rassen willkürlich ist und nicht geeignet, die Vielfalt von Menschen zu kennzeichnen. Mithin sind es nicht etwa ideologische Motive, sondern wissenschaftliche Argumente, die es obsolet machen, das „Rassenkonzept“ auf menschliche Populationen anzuwenden. Ein besonderes Augenmerk gilt der in den USA üblichen Unterscheidung von Menschengruppen als „races“, die weit umfassender zu verstehen sind und keineswegs mit „Rassen“ übersetzt werden dürfen.

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Konzepte und Geschichte

Wissenschaft, Abenteuer und Prestige – Deutscher Brennpunkt in Spitzbergen in der Vorkriegszeit 1910-1914- Teil I

Cornelia Lüdecke

Nicht nur Touristen, sondern auch Wissenschaftler und Abenteurer, wurden Anfang des letzten Jahrhunderts von der faszinierenden Landschaft Spitzbergens angezogen. Spitzbergen galt als idealer Ausgangspunkt, um von Europa aus die noch weitgehend unbekannte Arktis zu erforschen und Erfahrungen mit wissenschaftlicher Arbeit unter polaren Bedingungen zu sammeln. Damals suchte man nach geeigneten Fortbewegungsmitteln, um in diese unwirtlichen Gefilde vorzustoßen. Vielversprechend schien der Einsatz von Luftschiffen, weshalb eine vorbereitende Studienexpedition unter Graf Zeppelin durchgeführt wurde. In Verbindung damit stand die Einrichtung eines geophysikalischen Observatoriums, das bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges von Deutschland unterhalten wurde und eine bis heute fortgeführte Tradition begründete. Weitere Spitzbergen-Expeditionen unter Wilhelm Filchner, Herzog Ernst II von Sachsen-Altenburg und Herbert Schröder-Stranz wollten beim Durchqueren unbekannter Regionen in Spitzbergen wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln und sich dabei auch für größere Expeditionen mit der Fortbewegung und dem wissenschaftlichen Arbeiten auf Schnee und Eis vertraut machen. Die frühe Erkundung von Spitzbergen wurde gleichermaßen von Abenteurern, Wissenschaftlern und Förderern vorangetrieben, die ein vielfältig verwobenes Netzwerk bildeten. Es war eine Ära des Aufbruchs, die in vielem wegbereitend war, die aber auch mit der größten deutschen Polarkatastrophe verbunden bleibt.

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Astronomie

Eine universelle spezifische Beschleunigung kontrolliert die Rotation in Scheibengalaxien

Scheibengalaxien rotieren schneller als aus dem Gleichgewicht von Gravitation und Zentrifugalkraft erwartet; diese Diskrepanz wird in der Regel einer zusätzlichen, elektromagnetisch unsichtbaren Massenkomponente zugeschrieben, der „Dunklen Materie“. Verbesserte Messungen haben in den letzten Jahren gezeigt dass der Unterschied zwischen beobachteter und erwarteter Zentrifugalbeschleunigung eine Funktion der Gravitationsfeldstärke ist und mit einer spezifischen Beschleunigung skaliert. Neue statistische Tests stärken die Interpretation, dass diese spezifische Beschleunigung eine universelle Konstante ist.

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Astronomie

Rekonstruktion der Frontseite des Mechanismus von Antikythera

Vor über hundert Jahren wurden die fragmentierten und stark korrodierten Überreste einer antiken Rechenmaschine aus dem Meer geborgen. Erhalten ist etwa ein Drittel der Maschine, vor allem der hintere Teil. Jetzt konnte die mutmaßliche Frontseite, die wahrscheinlich als Anzeigetafel diente, rekonstruiert werden.

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Geowissenschaften

Lithiumabbau in der Oberrheinebene

Mit der Erschließung von Geothermalquellen für die Energiebereitstellung ergeben sich zugleich Möglichkeiten, wertvolle Mineralien auf eine emissionsfreie und schonende Weise zu gewinnen. Aktuell wird eine solche kombinierte Anlage in der Oberrheinebene vorbereitet. Sie soll der Gewinnung des für Akkumulatoren essentiellen Lithiums dienen. Ähnliche Projekte werden in den chilenischen Anden verfolgt, bei denen es zusätzlich um die Bereitstellung von Trinkwasser geht.

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Geowissenschaften

Vulkanische Aktivitäten auf der isländischen Reykjanes-Halbinsel

Am 19. März 2021 trat an der südlichen Flanke des Fagradalsfjall im Südwesten Islands nach einer 800 Jahre währenden Ruhepause eine Eruptionspalte auf. Isländische Vulkanologen vermuten, dass dies der Beginn einer neuen Phase vulkanischer Aktivität auf der Reykjanes- Halbinsel sein könnte.

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Klimaforschung

Globaler Gletscherschwund im frühen 21. Jahrhundert

Gletscher außerhalb von Grönland und der Antarktis verlieren immer stärker an Masse. Diese Entwicklung verändert die regionale Hydrologie, trägt zum Meeresspiegelanstieg bei und erhöht die Gefahr von Naturkatastrophen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam um Romain Hugonnet von der Universität Toulouse. Im Zeitraum von 2000 bis 2019 haben die Gletscher durchschnittlich 267 Gigatonnen (Gt) an Masse pro Jahr verloren und trugen damit zu 21% zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. Der Masseverlust hat im letzten Jahrzehnt um durchschnittlich 48 Gt pro Jahr zugenommen. Die Gletscher verlieren in der jüngeren Vergangenheit stärker an Masse als die in Grönland und der Antarktis und zeigen eine ähnliche oder höhere Schwundrate als in den letztgenannten Regionen. Die Variabilität der Verlustraten korrespondiert mit den Mustern der Niederschläge und der Temperatur.

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Anthropologie

Älteste Genome moderner Menschen aus Europa

Untersuchungen der Genome menschlicher Fossilfunde aus Zlatý kůň in Tschechien und aus der Bacho Kiro-Höhle in Bulgarien lassen vermuten, dass sich die Populationen der frühesten Einwanderer von Homo sapiens nicht etablieren konnten. Die genetische Analyse eines zum großen Teil erhaltenen Frauenschädels von Zlatý kůň ergab ein Alter von mindestens 45 000 Jahren. Das Alter der Menschen aus der Bacho Kiro-Höhle mittels Radiocarbondatierung ergab ein Alter zwischen 43 000 und 47 000 Jahren. Das Erbgut der Menschen beider Fundstätten hat keine Spuren bei heutigen Europäern hinterlassen, es zeigt jedoch Verwandtschaft mit heutigen Ostasiaten und Nordamerikanern. Lange Abschnitte von Neandertaler- DNA im Genom der Menschen aus der Bacho Kiro-Höhle zeigen, dass sich diese fünf bis sieben Generationen zuvor mit Neandertalern vermischt hatten. Die Vermischung mit Neandertalern war bei den ältesten modernen Menschen eher die Regel als die Ausnahme.

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Toxikologie

Das Rätsel der toten Adler

Am DeGray Lake in Arkansas, USA, wurde im Winter 1994/95 eine außergewöhnliche Sterbewelle bei Weißkopfseeadlern registriert. Im selben Zeitraum wurden Adler bei missglückten Landeanflügen und Kollisionen mit Felswänden beobachtet. Binnen weniger Monate fand man 29 tote Adler, in den folgenden zwei Jahren stieg ihre Zahl auf mehr als 70. Erst jetzt konnten die Ursachen von Wissenschaftlern der University of Georgia in Athens und der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg geklärt werden.

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Invasionsbiologie

Waschbär und Marderhund – zur Ausbreitung invasiver Arten in Europa

Waschbär (Procyon lotor) und Marderhund (Nyctereutes procyonoides) breiten sich in Europa aus, einem Areal, in dem sie ursprünglich nicht heimisch waren. Beide gebietsfremde Arten (Neozoen) wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Jagd- und Pelztiere unter anderem nach Deutschland eingeführt, erweisen sich aber zunehmend als problematisch.

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Zoologie

Arbeiterinnen als Partnervermittler bei Ameisen

Einmal im Jahr gehen die Männchen und Jungköniginnen vieler Ameisenarten auf den Hochzeitsflug, um sich zu paaren. Bei einigen Ameisenarten bilden jedoch die Männchen oder die Weibchen keine Flügel aus, so dass ein Hochzeitsflug nicht mehr möglich ist. Sie müssen daher auf andere Strategien setzen, um Inzucht zu vermeiden. Für die Knotenameise Cardiocondyla elegans konnte jetzt gezeigt werden, dass Arbeiterinnen in diesem Fall die Rolle als „Heiratsvermittler“ übernehmen.

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Zellbiologie

Die Vorwärtsbewegung von Spermien wird von RAC1 kontrolliert

Spermien bewegen sich aufgrund einer propellerartigen Rotation ihres Flagellums vorwärts. Dabei bestimmt nicht nur der Antrieb, sondern auch die Steuerung, ob sie ihr Ziel – die Eizelle – erreichen. Zwei Berliner Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass bei Säugetieren eine optimale Aktivität der Rho-GTPase RAC1 notwendig ist, damit sich die Spermien zielgerichtet in Richtung Eizelle bewegen. Spermien, die auf Chromosom 17 den sogenannten t-Haplotyp besitzen, nutzen diesen Umstand aus, um sich einen Vorteil gegenüber Konkurrenten zu verschaffen.

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Pflanzenphysiologie

Endopeptidasen verhindern Mehrfachbefruchtung bei Blütenpflanzen

Zwei Aspartat-Endopeptidasen, die ausschließlich in den Eizellen der Samenanlagen von Blütenpflanzen gebildet und nach der Befruchtung rasch freigesetzt werden, verhindern ein Vordringen weiterer Pollenschläuche zum Eiapparat und so eine Mehrfach-Befruchtung. Die Reaktion der befruchteten Eizelle ähnelt dem Erhärten der Eirinde nach der Befruchtung der Eizellen von Tieren.

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Kurzmitteilungen

Spritzgießen von Quarzglas

322
Kurzmitteilungen

Biphenylen – eine neue Kohlenstoff-Modifikation

322
Kurzmitteilungen

Grundwasser wird knapp

323
Kurzmitteilungen

Biodiversität und Klimawandel

323
GDNÄ aktuell

Aus dem Leben der GDNÄ-Mitglieder

Für Mitglieder wie (noch) Nicht-Mit­glieder der GDNÄ wurden im zweiten Quartal neue Beiträge ins Netz gestellt.

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323
Bücher und Medien

Christina Diblitz: Schichten schreiben Geschichte – Die Schlüsselfunktion der Materialherstellung in der Halbleitertechnologie

Monika Schwarzenberg

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324
Bücher und Medien

Konrad Kleinknecht (Hrsg.): Quanten 8.Schriftenreihe der Heisenberg-Gesellschaft

Hans-Ulrich Keller

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Internet-Tipps

Ausstellungen virtuell

Wegen der durch die Corona-Pandemie bedingten Unsicherheiten haben wir Museen ausgewählt, die digitale Angebote machen. Die aktuellen Regelungen sind den Webseiten zu entnehmen.

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Stichwort

Natürlichkeit

Reinhard Piechocki

Natürlichkeit genießt heute eine hohe Wertschätzung. Während das Natürliche als das Gute gilt (z.B. natürliche Ernährung, natürliche Lebensweise, natürliche Landwirtschaft), steht das Künstliche im Verdacht der Manipulation und gilt oft als das Schlechte, Falsche und Hässliche. Es ist jedoch unlogisch und führt in die Irre, das Natürliche prinzipiell als das Bessere und das Menschengemachte als das Schlechtere zu betrachten. Natürlichkeit kann nicht unmittelbar als Wertmaßstab für menschliches Handeln verwendet werden, aber es vermag dennoch zur Orientierung dienen.

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Retrospektive

100 Jahre Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart – 100. Geburtstag von Hans Rotta

Klaus Rehfeld

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