Matthias Falkus ist Medienwissenschaftler, staatlich anerkannter Erzieher und hat Philosophie studiert. Seine journalistische Methode erinnert an den Aufdeckungsjournalisten Günter Wallraff: Als „Insider“ getarnt gewinnt er Informationen über eine Organisation oder eine Struktur. So berichtet Herr Falkus im vorliegenden Buch über seine Berufserfahrungen in sieben verschiedenen Kitas. Dabei erweist er sich als interdisziplinär außerordentlich aufgeschlossener Zeitgenosse. Das Buch hat etwa zu gleichen Teilen Bezüge zur Bindungstheorie, zur Stammesgeschichte des Allomothering, zur Kulturgeschichte der institutionalisierten Fremdbetreuung von Kindern und zu den Auswirkungen unterschiedlicher Führungsstile auf Mitarbeiter.
Bemerkenswert ist die wissenschaftliche und interdisziplinäre Gründlichkeit des Autors. Auch die verhaltensbiologische Sicht zieht er heran, besonders die Perspektive der Soziobiologie. Literatur von Humanethologen über die Kindheit bei Naturvölkern sowie die Bücher der Entwicklungspsychologen Doris Bischof-Köhler und Norbert Bischof könnten den Kernaussagen des Buches ein noch breiteres Fundament geben.
Matthias Falkus spricht – nicht nur im Titel – von der Kita-Katastrophe. Er deckt auf, dass Kitas oft von jenen Personen geführt werden, die vor ihrem hierarchischen Aufstieg wenig Erfüllung durch die Kernaufgaben ihrer Institution gefunden haben und infolgedessen diesen Aufgaben am wenigsten nachgekommen sind. Mangels eigener Erfahrung und mangels Engagements für die Sache sind sie als Führungsperson nicht in der Lage, geeignete Rahmenbedingungen im Dienste der gemeinsamen Aufgaben zu gestalten und zu ermöglichen. Oft versuchen sie, durch Machtdemonstrationen und Einschüchterungen ihre Mitarbeiter kleinzumachen. Dies ist der Geduld und Belastbarkeit, die von den Erzieherinnen und Erziehern benötigt wird, abträglich; sie sollen ja die ihnen anvertrauten Kinder in einer entspannten fürsorglichen Atmosphäre fördern. Auch Personalfluktuationen, damit Fluktuationen in der Betreuung, sind großteils auf untaugliches Führungsverhalten zurückzuführen und wirken sich nachteilig auf die Kinder aus.
Personen und Institutionen zeigen sich nach außen meistens in einem besseren Licht als sie sind. Auch die Erzieher sind nicht immer so freundlich und geduldig, wie sie sich bei der Übernahme der Kinder den Eltern gegenüber geben. Im Betreuungsalltag steht oft die Bequemlichkeit im Vordergrund. Die Kinder werden dadurch in ihrem Spielraum und in ihrem Bewegungsbedürfnis eingeschränkt. Je nach der Stellung in der Rangordnung werden solche Verhaltensweisen, die nur der Bequemlichkeit der Betreuenden entgegenkommen, zu ungeschriebenen Privilegien und manchmal sogar autoritär durchgesetzt. Manchen Führungskräften fehlt das nötige Verständnis für das Subsidiaritätsprinzip: Sie mischen sich ein und behindern selbstverantwortliches Handeln fürsorglicher Mitarbeiter.
Der Autor betont die Bedeutung, die liebevolle und verlässliche Bindungspersonen für das Kind haben. Denn das Kind kann sich aufgrund seiner biopsychischen Abhängigkeit nur entwickeln, wenn es diese Zuwendung in einer feinfühligen Weise erfährt. In vielen Familien und bei Naturvölkern sind diese Bedingungen in der Regel gegeben, in Kitas fehlen dafür oft jedoch schon die strukturellen und personellen Voraussetzungen.
Das verständlich und spannend geschriebene Buch kann als ein exzellentes Gutachten über Kitas gesehen werden. Matthias Falkus ist in seinem Denken und in seiner Herangehensweise bedingungslos dem Kindeswohl verpflichtet. Wegen dieser Haltung sowie wegen der wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und salutogenetischen Bedeutung des Buches ist ihm eine möglichst breite mediale Aufmerksamkeit zu wünschen. Darüber hinaus wären Politiker, Kitas und pädagogische Institute gut beraten, Herrn Falkus zu beauftragen, als „Anwalt“ der Kinder in Kitas zu forschen und zu arbeiten.
Dr. med. Gerhard Medicus, Innsbruck