Der Blick von oben interessiert den neugierigen Menschen, erlaubt er ihm doch Strukturen in ihrer Gesamtheit zu erkennen, die sonst nicht so einfach zu erfassen sind.

Die Autoren nutzen die Vogelperspektive für eher seltene irdische Objekte, nämlich für Meteoriteneinschlagkrater. Was uns vom Mond vertraut ist, hat auf der Erde weniger Bestand, bleibt verborgen und ist vom Boden aus schwer zu erkennen. Die Autoren Manfred Gottwald (Astrophysiker), Thomas Kenkmann (Geologe, Paläontologe) und Wolf Uwe Reimold (Geologe, Mineraloge), allesamt erfahrene Publizisten, präsentieren in diesem Bildband eindrückliche Aufnahmen und profunde Information zu 208 Impaktstrukturen weltweit. Dem umfangreichen Bildmaterial vorangestellt ist eine allgemeinverständliche Einführung in die Entstehung von Meteoritenkratern und in die Aufnahmetechnik der beiden Satelliten der TanDEM-X-Mission. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Glossar mit den wichtigsten Fachbergriffen, ein Stichwortverzeichnis und Kurzvitae der Autoren runden das Werk ab. Insbesondere das Glossar ist sehr hilfreich, da bei den einzelnen Beiträgen doch eine gewisse geologische und mineralogische Vorbildung zum Verständnis notwendig ist, und die Texte in englischer Sprache verfasst sind.

TanDEM-X (Terra-X add-on for Digital Elevation Measurement) ist die Bezeichnung für eine Satellitenmission im Rahmen des deutschen Raumfahrtprogramms unter Leitung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Es handelt sich dabei um ein Doppelgespann aus zwei Satelliten, dem seit 2007 arbeitenden Satelliten TerraSAR-X und seinem seit 2010 im Orbit kreisenden, annähernd baugleichen, aber geringfügig erweiterten Zwilling. Beide Satelliten bewegen sich in genau definiertem Abstand, so dass eine Art dreidimensionales „Sehen“ möglich wird. Allerdings nicht im Bereich des sichtbaren Lichts, sondern bei einer Frequenz von 9,65 GHz, was einer Wellenlänge von rund 3 cm entspricht (XBand). Kurze Radarpulse tasten die Erdoberfläche aus einer Höhe von 500 km ab. So konnte innerhalb von drei Jahren die gesamte Erde mehrfach mit einer horizontalen Auflösung von 12 m und einer vertikalen Auflösung von 2 m einheitlich vermessen werden. Die Aufnahmen sind dann farbig codiert und mit einer berechneten seitlichen Beleuchtung dargestellt, so dass ein plastischer Eindruck entsteht. Das macht die Abbildungen besonders eindrücklich und sehenswert. Zusätzlich gibt es Photos der Umgebung oder von interessantem Gestein und sonstigen mit dem Impakt in Zusammenhang stehenden Strukturen. Sofern vorhanden, werden auch Bilder gezeigt, die aus einer Überlagerung mit Aufnahmen des Satelliten Copernicus Sentinel-2 bestehen. Teilweise ergänzen Schemata über die innere, geologische Struktur eines Kraters die Ausführungen im Text.

Der Atlas ist nach Kontinenten gegliedert. Zu Beginn eines jeden Kapitels sind auf einer Übersichtskarte die Einschlagsorte eingezeichnet, dann folgt die Auflistung nach Kraternamen in alphabetischer Reihenfolge. Am Ende eines Kapitels sind gegebenenfalls auch Strukturen aufgeführt, bei denen noch ungeklärt ist, ob sie wirklich auf ein kosmisches Ereignis zurückgeführt werden können. Die Geschichte der Entdeckung und Erforschung der jeweiligen Impaktstrukturen wird beschrieben, ferner wird auf den genauen geologischen und mineralogischen Aufbau (soweit bekannt auch sehr detailliert) und das vermutete oder nachgewiesene Alter eingegangen. Der Text informiert umfassend über das jeweilige Objekt. Schwer oder auf der Oberfläche gar nicht erkennbare Strukturen sind in den Abbildungen durch ein Fadenkreuz und/oder den Umfang markiert, ebenso wie solche, die unter Wasser liegen. Als zusätzliche Information geben die Autoren zu jedem Krater an, wo genau er zu finden ist und wie ihn Reisende erreichen können. Die einschlägigen Veröffentlichungen sind am Ende jeden Eintrags angeführt.

Die Palette der Objekte reicht vom kleinsten, gerade etwas über neun Meter im Durchmesser messenden Krater Sterlitamak in Russland bis zum größten bis jetzt entdeckten Krater, Vredefort in Südafrika, mit 250 bis 300 km Durchmesser. Für den Meteoritenfall des Sterlitamak- Ereignisses gibt es viele Augenzeugen und diverse Aufzeichnungen, denn er ereignete sich in einer nur kurz zurückliegenden Vergangenheit, nämlich am 17. Mai 1990. Das Alter des Vredefort-Kraters wird dagegen auf rund zwei Milliarden Jahre geschätzt. Beim Yarrabubba-Krater im Westen Australiens dürfte es sich mit einem Alter von etwas über 2,2 Milliarden Jahren um den ältesten bisher nachgewiesenen Impakt handeln. Auch das spektakuläre Tunguska-Ereignis wurde in die Liste aufgenommen, obwohl es keinen Krater hinterlassen hat, aber doch ein eindrückliches Geschehen aus neuerer Zeit ist. Als klassisches Objekt darf natürlich der Meteor-Krater (Barringer-Krater) in Arizona, USA, nicht fehlen. Er ist die erste geologische Struktur auf der Erde, die als Meteoritenkrater identifiziert wurde. Der Chicxulub-Krater, teilweise auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan gelegen, ist vielen bekannt als die Narbe des Meteoriteneinschlags, der das Ende der Dinosaurier besiegelte. Mit rund 180 km Durchmesser ist er die drittgrößte bekannte Einschlagstruktur und zugleich der im Untergrund am besten erhaltene, denn er wurde in geologisch kurzer Zeit nach dem Impakt von Sedimenten überlagert und war damit vor Erosion weitgehend geschützt. Eine weltweit zu findende Ablagerungsschicht hatte eine gezielte Suche nach diesem Krater ausgelöst. Manche Einschlagsorte wurden erst anhand von völlig zerrüttetem Gestein durch Tiefenbohrungen entdeckt oder sind nur durch geophysikalische Methoden nachweisbar. Die einzigen beiden in Deutschland nachgewiesenen Meteoriteneinschlage sind das Nördlinger Ries und das Steinheimer Becken, die beide auf denselben Meteoritenfall zurückgehen. (Kinematische Gründe legen den Einschlag eines Asteroiden auf dem Mond nahe.) Das Ries wird bereits schon seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert untersucht. Hier sind alle Arten von Auswirkungen eines solchen kosmischen Ereignisses auf irdisches Gestein zu sehen, makroskopische und mikroskopische in der Nähe und Auswurfmaterial noch bis in 400 km Entfernung. Für das zusammengebackene Trümmergestein Suevit wurde die Gegend – nach dem lateinischen Wort Suevia fur Schwaben – sogar namensgebend. Zunächst vermuteten Wissenschaftler noch, die Gestalt der Gegend um Nördlingen sei auf Vulkanismus oder Tektonik zurückzuführen. Erst seit den späten 1950er Jahren fanden Forscher mikroskopische, durch extrem starke Schockwellen und extrem hohe Drücke hervorgerufene Veränderungen im Gestein und Hochdruckmodifikationen von Mineralen, die definitiv einen Impakt belegen.

Alles in allem liegt hier ein faszinierender Bildband vor, mit einer großen Informationsfülle und vielen interessanten und überraschenden Details. Während sich die einführenden Kapitel gut für Leser ohne vertiefte Kenntnis der Geologie und Mineralogie eignen, wird dem Leser bei den Beschreibungen der einzelnen Krater deutlich mehr Fachwissen abverlangt, aber dafür auch viel wissenschaftlich fundiertes Wissen geboten. Ohnehin eignen sich die Bände eher als Nachschlagewerk denn als fortlaufende Lektüre. Trotz Erosion, Plattentektonik und Pflanzenbewuchs zeigt sich bei näherem Hinsehen doch, dass auch die Erde ein Himmelskörper ist, der dem kosmischen Bombardement ausgesetzt war, ist und auch in Zukunft noch sein wird. Hoffen wir, dass wir noch lange Zeit von großen „Treffern“ verschont bleiben!

Dipl.-Phys. Karin Pfeffer, Rottenburg

 

bestellen: Manfred Gottwald, Thomas Kenkmann, Wolf Uwe Reimold: Terrestrial Impact Structures – The TanDEM-X Atlas