Bei Betrachtung der Zeitläufte gelangt man mitunter zu gegensätzlichen Einschätzungen: Mag man sich einmal sicher sein „Nichts ist schon dagewesen“, so glaubt man in anderen Momenten eine Wiederkehr des Altbekannten zu erblicken, nur in anderem Gewand und auf anderer Bühne.

Diese Gedanken drängen sich bei der Lektüre des Beitrags Corona – von der Strafe Gottes zur Rache der Natur? von Reinhard Piechocki auf (S. 238). Er geht darin der Frage nach, wie Menschen mit Naturkatastrophen umgehen. Dass die Natur auch lebensgefährliche Seiten hat, war den Menschen früherer Zeiten viel präsenter als den Einwohnern moderner Industriestaaten. Doch Seuchen, Dürreperioden, Überflutungen und Erdbeben stellen nach wie vor extreme Herausforderungen dar, die bis heute individuelle wie kollektive Strategien der Krisenbewältigung erforderlich machen. Verständlich, dass diese sich über die Jahrhunderte wandelten: Vorwissenschaftliche, kleine Gesellschaften waren anders aufgestellt als heutige hochtechnisierte Massengesellschaften. Aus vergleichend-historischer Perspektive arbeitet unser Autor fünf markante „Deutungsmuster“ heraus, die er als magisch-animistisch, christlich-fundamentalistisch, archaisch-demagogisch, wissenschaftlich-reduktionistisch und gesellschaftlich-ganzheitlich kennzeichnet. Diese Reihung folgt dem Gang der Geschichte, wobei das archaisch-demagogische Deutungsmuster hervorsticht und verstörend wirkt, weil es wie ein Rückfall in barbarische Zeiten anmutet. Noch verstörender ist es, dass sich dieses Deutungsmuster heute besonders großen Zuspruchs erfreut, wie diverse Verschwörungstheorien in Bezug auf das Coronavirus belegen. Aber auch die anderen, älteren Deutungsmuster sind immer noch wirkungsmächtig. Bemerkenswert ist, dass die Vorstellung, Naturkatastrophen seien Folge menschlichen Fehlverhaltens, pointiert artikuliert wird. Nichts anderes steckt nämlich hinter der archaischen und religiös-fundamentalistischen Deutung von Naturkatastrophen als „Rache der Natur“ und als „Strafe Gottes“. Naturkatastrophen werden somit als Aufforderung verstanden, das eigene Handeln zu überdenken und zu korrigieren. Waren und sind es in heutigen fundamentalistischen Kreisen Glaubensgebote, gegen die verstoßen wurden, so sind es, wenn in intellektuellen Kreisen von „Rache der Natur“ gesprochen wird, die „Gebote“ für einen achtsamen Umgang mit der Umwelt, die missachtet wurden. Doch die Metapher „Rache der Natur“ ist aufgrund der Vermengung archaischen und modernen Denkens sehr ambivalent. Unterschwellig klingt in ihr die Idealisierung eines großen Einklangs mit der Natur an, was ihr eine besondere Suggestionskraft verleiht. Dass sie verfängt, zeigt das Bedürfnis nach einem Deutungsrahmen, der über den hinausgeht, den die (Natur-) Wissenschaften bieten können.

Um die anhaltende Wirkungsmächtigkeit alter Vorstellungen und Ideen geht es auch in dem Beitrag des experimentell arbeitenden Entwicklungsbiologen Paul G. Layer (S. 228). Er widmet sich der Frage, welche Bedeutung die Evolutionäre Entwicklungsbiologie für das Verständnis des evolutionären Wandels hat und plädiert dafür, die Frage nach der Zielgerichtetheit im Reich des Lebendigen und die Bedeutung des Zufalls neu zu überdenken. Die Zielgerichtetheit ist ein herausragendes Kennzeichen von Lebewesen und begegnet uns in der Funktionalität ihrer Leistungen und Strukturen und im Entwicklungsprozess eines jeden Individuums, der auf ein Ziel, den voll ausgebildeten Organismus, ausgerichtet ist. Diese Zielgerichtetheit galt über Jahrhunderte als Beweis für die Existenz eines planenden Schöpfergottes oder das Wirken einer geheimnisvollen Lebenskraft, einer vis vitalis. Allen Naturwissenschaftlern musste dies ein Dorn im Auge sein: Die Zielgerichtetheit, für die die Anhänger des Vitalismus den Begriff Teleologie verwendeten, war nicht zu leugnen, doch wie konnte man sie mechanistisch erklären? Mit der molekularen Genetik ergab sich die Möglichkeit, das Problem naturwissenschaftlich zu fassen: Es ist das genetische Programm, das die Individualentwicklung steuert, und es ist die über Generationen erfolgende Eignungsprüfung funktionierender Organismen, die zu entsprechenden Abwandlungen des genetischen Programms führt. Mit der Einführung des Begriffs Teleonomie, in dem nicht nur das Ziel (telos), sondern auch das gesetzhaft Festgelegte (nomos) steckt, war die Gefahr gebannt, sich in Sphären der Metaphysik zu begeben. Doch es stellt sich die Frage: Woher kommen die Neuerungen, die den evolutionären Wandel vorantreiben? Aus einer Gen-zentrierten Sicht sind es die zufälligen Mutationen und Rekombinationsereignisse, die das Spielmaterial für den Wandel liefern. Dies kritisieren nun die evolutionären Entwicklungsbiologen. Sie wenden ein, dass die Merkmalsausprägung nicht nur von Genen abhängt, sondern auch von den äußeren Bedingungen und von dem komplexen Wechselspiel der Gene untereinander. Das Potential für Abwandlungen ist damit weit größer als lange Zeit angenommen. Vor allem: Die in einem sensitiven Umfeld gebildeten Merkmale variieren nicht rein zufällig und isoliert, sie fügen sich oftmals harmonisch in den Organismus ein und lassen eine neue Ganzheit entstehen. Das Entwicklungsgeschehen im Embryo ist damit in gewissem Sinne vorgebahnt und gerichtet, ebenso – so die These – das evolutionäre Geschehen insgesamt, das ja auf den wandlungsfähigen Individuen aufbaut. Wie sollte man diese Art der Zielgerichtetheit bezeichnen? Wenn die evolutionäre Bewährung noch nicht bestanden ist, ist der Begriff Teleonomie unpassend. Unser Autor bringt hier den alten Begriff Teleologie ins Spiel, nicht, um den Vitalismus zu beleben, sondern um auf ein Problemfeld hinzuweisen, über das nachzudenken lohnt.

 

Klaus Rehfeld