Wissen ist Macht – knapp und schnörkellos umriss der englische Philosoph Francis Bacon (1561–1626) die Beziehung zweier Felder menschlichen Strebens und Handelns, die man idealerweise streng scheiden und der Welt des Geistes und der Welt der Taten zuordnen mag. Doch in der Realität sind sie mehr oder weniger miteinander verquickt. Zwischen dem feingeistigen Wissen der Vita contemplativa und dem Handlungswissen der Vita activa auf der einen Seite und der subtilen bis brachialen Ausübung von Macht auf der anderen eröffnen sich unzählige Möglichkeiten der wechselseitigen Durchdringung. Bacon hatte das Wissen zum Handeln im Blick. Dem Wegbereiter unserer modernen Welt ging es um die Organisation einer Wissenschaft, die der Menschheit Nutzen bringt und in die Lage versetzt, Neues zu gestalten. Doch das Wissen ist vielfältig. Ganz im Sinne von Bacon bezieht es sich zum einen auf Sachverhalte und deren Zusammenhänge, die wir mit den Mitteln der Naturwissenschaften ergründen und unseren Zwecken dienlich machen können. Bereits die Handlungsmöglichkeiten, die sich dabei ergeben, können uns Staunen machen. Beispielhaft für diese „Macht des Geistes“ steht der Ausspruch des Archimedes, er brauche nur einen langen Hebel und einen Drehpunkt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Die eigentliche Macht erweist sich aber erst in der Realisierung. Hierbei kommt nun eine andere Art von Wissen ins Spiel, das etwa die Frage zu beantworten hilft, wofür der Hebel eingesetzt werden soll, oder ob ein Handeln gut, schlecht oder zumindest vertretbar ist. Kurz, wir brauchen neben dem Handlungswissen auch ein Orientierungswissen.

Dieses bezieht Qualitäten ein, die jenseits dessen liegen, was man mit naturwissenschaftlichen Methoden erfassen kann. Die Notwendigkeit beider Wissensformen lässt sich am großen Gang der Weltgeschichte genauso studieren wie auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens. In unserer von globalen Herausforderungen geprägten Zeit ist das evident wie selten zuvor. Die Wissenschaft als Institution der systematischen Mehrung, Bewahrung und gezielten Anwendung von Wissen einerseits und die Politik als Institution der Gestaltung menschlichen Zusammenlebens andererseits sind extrem gefordert. Ja, sie sind zum Zusammenwirken verdammt.

Dies führt zu brisanten Konstellationen, wie der Mathematiker und Klimaforscher Hans von Storch in seinem Beitrag erörtert (S. 132). Er nimmt dabei die seit Jahrzehnten im Brennpunkt wissenschaftsgeleiteter Politik stehende Klimaforschung und die aktuelle Corona- Pandemie in den Blick. In dem einen Fall geht es um die Abwehr von Gefahren, die vor allem die nachfolgenden Generationen treffen werden, im anderen darum, eine akute Bedrohung abzuwenden. Beide Male ist ein sofortiges Handeln notwendig, und beide Male ist die Politik auf den Rat der Wissenschaften angewiesen. Für die Wissenschaften ist dies besonders heikel, kollidieren hier doch die hehren Prinzipien der Wahrheitssuche mit der Dringlichkeit zu handeln – eine Situation, die die Wissenschaftsphilosophen Jerome Ravetz und Silvio Funtowicz als „postnormal“ bezeichnet haben. Postnormale Situationen sind nicht zu vermeiden, aber man kann ein Bewusstsein für die Fallstricke schaffen, damit Wissenschaftler davor gefeit sind, die Grenzen ihrer Kompetenz zu überschreiten, und damit andererseits die Politiker nicht der Versuchung erliegen, Verantwortung auf die Wissenschaft abwälzen. Einfach „zu lösen“ sind die dabei auftretenden Konflikte nicht, dafür sind die Sachverhalte zu komplex. Letztlich muss man einen strukturieren Diskurs führen, um weite Kreise der Öffentlichkeit einzubeziehen. Viel Phantasie wird nötig sein, um geeignete Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen. Mit dem Bild des Lagerfeuers, um das herum sich die Menschen zum Gespräch versammeln und ihren Gedanken nachgehen, gibt Hans von Storch eine Vorstellung der Atmosphäre, in der solche Erörterungen stattfinden sollten. Dies ist nur ein vager Hinweis, aber er ist sehr hilfreich, indem er auf das gemeinschaftsbildende und -fördernde Element aufmerksam macht, das für große gesellschaftliche Entscheidungen unverzichtbar ist. Letztlich sind wir alle aufgefordert, uns kundig zu machen und uns über unser Wissen auszutauschen.

Das Internet bietet hierfür prinzipiell großartige Möglichkeiten und wird entsprechend in den kontaktarmen Zeiten der aktuellen Pandemie viel genutzt. Doch es führt auch ins Uferlose und in dubiose Zonen. Vor allem ist es kein Ersatz für persönliche Begegnungen und gemeinschaftliche Unternehmungen. So gesehen ist die Stunde von wissenschaftlichen Gesellschaften gekommen, die sich aus bürgerschaftlichem Engagement konstituiert haben. Sie pflegen eine Kultur des Wissens, zu der auch das offene, zwanglose Gespräch gehört, das keinem Zeitdiktat unterliegt. Der Paläontologe und ehemalige Museumsdirektor Rainer Springhorn stellt eine Reihe solcher „Wissensgesellschaften“ vor (S. 127). Neben der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, die sich normalerweise alle zwei Jahre an einem wechselnden Ort versammelt (S. 164), gibt es viele weitere Gesellschaften mit einer ehrwürdigen Tradition. Durch ihre starke lokale Verankerung können sie ganz andere Möglichkeiten der persönlichen Begegnung bieten. Andere Akzente wiederum setzen Museen, indem sie Bürger dazu einladen, als Citizen Scientist an Forschungsprojekten teilzuhaben. Es gibt somit vielfältige Möglichkeiten, sich zu engagieren und einer auf Wissen basierenden Kultur Geltung zu verschaffen – machen Sie mit!

Klaus Rehfeld