Den von jedem Wissenschaftler ersehnten Telefonanruf aus Stockholm erhielt der Physikochemiker Richard R. Ernst, Professor an der ETH Zürich, im Oktober 1991 während eines Fluges nach New York. Die Funkverbindung nach Europa war schlecht, Ernst erfuhr mit stundenlanger Verspätung, dass er für seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Kernresonanzspektroskopie (NMR) und der Kernspintomographie (MRI) den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte. Die Crew des Flugzeugs feierte „ihren“ Nobelpreisträger mit großer Begeisterung, während die Journalisten in der Schweiz Blut schwitzten, um ihren Artikel noch vor Redaktionsschluss fertigzustellen.

Nobelpreisträger schreiben nur selten Autobiographien. Sie sind in der Regel von ihrer Forschung dermaßen fasziniert, dass sie für nichts anderes Zeit haben, auch lange nach der Pensionierung. Dabei könnte die aufstrebende Generation von Hochschulabsolventen von ihnen viel Wichtiges lernen. Dazu wurden übrigens die Tagungen der Nobelpreisträger in Lindau geschaffen. Doch die dort zugelassenen, besonders brillanten Studenten aus aller Welt bekommen in der Regel keine Anleitungen zu einer akademisch-königlichen Reise nach Stockholm, sondern hochkarätige wissenschaftliche Vorträge. Richard Ernst ist eine löbliche Ausnahme: Er hielt in Lindau nicht nur viele Vorträge über Kernresonanz, sondern auch über antike tibetische Rollbilder, sog. Thangkas. Er zeigte sogar Photos von seinem Schlafzimmer, wo er ein Raman- Spektrometer installiert hatte, um die zum Malen der Thangkas verwendeten Farbstoffe zu identifizieren. Er erlernte auch die Kunst des Restaurierens beschädigter Stoffbilder. Nun wurden seine faszinierenden, in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsjournalisten Matthias Meili verfassten Lebenserinnerungen veröffentlicht.

Auffallend an diesem Buch sind eine schonungslose Selbstkritik und eine berührende Offenheit. Ernst zeichnet von sich selbst das Bild eines einsamen, scheuen und grundsätzlich unzufriedenen Menschen. Weil er seit frühester Kindheit anders war als die anderen, konnte er nur bestehen, wenn er auch besser war. Doch wahre Größe ist immer verbunden mit Bescheidenheit und Understatement, die in Ernsts Charakter tief eingebrannt sind. Wie es schon Isaac Newton trefflich ausdrückte, steht jeder Wissenschaftler auf den Schultern von Riesen, die ihm den Weg geebnet haben. Im Fall Richard Ernsts waren dies Isidor Rabi und Felix Bloch, die ausführlich zitiert werden.

Richard Ernst wuchs mit zwei jüngeren Schwestern in der Industrie- und Handelsstadt Winterthur nördlich von Zürich auf, als Stammhalter einer gutbürgerlichen Familie, die erfolgreiche Geschäftsleute, Professoren und hochrangige Offiziere hervorgebracht hatte. Doch leicht hatte es der junge Richard trotz eines solchen Herkommens nicht. Er litt an einer milden Form des Asperger-Syndroms und sprach bis im Alter von drei Jahren kein verständliches Wort. Sprachen blieben zeitlebens ein Problem, die Latein- und Französischlektionen am Gymnasium empfand er als Horrortrips. Doch in allen wissenschaftlichen Disziplinen erhielt er mühelos stets die beste Note.

Ein Schlüsselerlebnis war die Entdeckung eines verstaubten Chemiebaukastens auf dem Speicher des Elternhauses. Damit richtete Richard ein kleines Labor ein und war von der Möglichkeit, neue chemische Verbindungen zu schaffen, total fasziniert. Mit heiligem Eifer verschlang er Lehrbücher aus dem väterlichen Bücherregal und der städtischen Bibliothek. Es war ihm völlig klar, dass er Chemie studieren würde, und zwar an der renommierten ETH Zürich – trotz oder gerade wegen ihres starren Lehrplans, der über sieben Semester und zwei Zwischenprüfungen zum Ingenieurdiplom führte. Leider erzählt er gar nichts über die geradezu pittoresken Gestalten, die den Studiengang damals prägten: Treadwell in der Anorganischen Chemie, Ruzicka und Prelog in der Organischen Chemie, Niggli und Laves in der Kristallographie, Pfluger in der Mathematik. Scherrers Physikvorlesung war äußerst beliebt, denn sie bestand aus einer ununterbrochenen Reihe spektakulärer Experimente. Man musste Schlange stehen, um einen guten Platz in Auditorium zu ergattern.

Nach dem Schlussdiplom beschloss Ernst, am organisch-physikalischen Institut zu doktorieren. Ihr damaliger Chef Hans-Heinrich Günthard gab ihm ein Thema aus der Kernresonanzspektroskopie, von der Ernst noch nie gehört hatte. Günthard forderte von seinen Doktoranden extrem viel, gehörte er doch zu den superintelligenten Menschen, die nicht verstehen können, dass nicht alle so sind wie sie selbst. Diese extremen Herausforderungen machten aus Ernst einen weltweit bekannten Spitzenwissenschaftler und Nobelpreisträger. Bei seiner Doktorarbeit war die Zusammenarbeit mit dem theoretischen Chemiker Hans Primas von großer Bedeutung – sowohl in wissenschaftlicher als auch in menschlicher Hinsicht.
Nach Abschluss seiner preisgekrönten Dissertation setzte Ernst systematisch die Grundbausteine seines künftigen Lebens: Er suchte und fand in ganz kurzer Zeit eine intelligente und attraktive junge Frau, die gewillt war, mit ihm einige Jahre in den USA zu verbringen. Und die verstand, dass ihr Mann als zweihundertprozentig engagierter Wissenschaftler nie viel Zeit für sie und ihre künftigen Kinder haben würde. Ernst hatte auch das Glück, in Palo Alto eine für ihn ideale Stelle bei Varian Associates, einer der ersten Firmen des Silicon Valley, antreten zu können. Sein Chef Wes Anderson wurde sein bester Freund und Geburtshelfer wichtiger Durchbrüche der NMR-Technik. Im Frühjahr 1968, nach fünf glücklichen Jahren im sonnigen Kalifornien, machte Ernst zwei große Fehler; er kehrte an die ETH Zürich zurück und quartierte sich mit Familie im Winterthurer Elternhaus ein, wo seine Mutter das Szepter führte. Es war ein kultureller Schock, den er wie einen Rückfall ins finstere Mittelalter empfand. Als Assistent seines einstigen Doktorvaters Günthard und noch ohne Professorenstatus war er Unterhund und Arbeitspferd zugleich, in einem Haifischbecken, in dem Eifersucht und Futterneid herrschten. Niemand schien sich für seine Arbeit zu interessieren, sein einziger Gesprächspartner blieb Wes Anderson, mit dem er nur noch per Luftpost debattieren konnte. Sein superempfindliches NMR-Spektrometer war nur zwischen Mitternacht und 4 Uhr früh zu gebrauchen, sonst störte das Magnetfeld der vor dem Institut vorbeifahrenden Straßenbahn die Messungen.

Monatelang kam Ernst einfach nicht mehr voran; dazu kamen noch familiäre Probleme und der fast unvermeidliche Konflikt seiner Frau mit der Schwiegermutter. All dies hatte eine tiefe Depression und einen schweren Nervenzusammenbruch zur Folge. Doch ein Tapetenwechsel im Tessin und die Ernennung zum Assistenzprofessor machten vieles wieder gut. Ernst konnte sich nun voll auf die bildgebenden Anwendungen der Kernresonanz konzentrieren, mit denen er die Medizin revolutionieren sollte. Die Zusammenarbeit mit Kurt Wüthrich ermöglichte die Strukturaufklärung kompliziert gefalteter Enzyme, selbst in wässeriger Lösung. Ab Mitte der 1970er Jahre ging es für Richard Ernst steil nach oben; vor allem durch den Nobelpreis wurde sein Selbstvertrauen entscheidend gestärkt. Doch peinlich war es ihm, dass sein Mitarbeiter und Kollege Wüthrich übergangen wurde, der aber immerhin elf Jahre später den Gang nach Stockholm antreten durfte. Wenn man genau hinschaut und zwischen den Zeilen liest, findet man in Ernsts Erinnerungen umfassende Anleitungen zum Nobelpreis. Workaholiker zu sein ist fast obligatorisch; mit seinem Forschungsgebiet muss man „verheiratet“ sein und Ferien als Unwort betrachten. Die beste Erholung von der Arbeit ist noch mehr Arbeit; nur permanente Unzufriedenheit mit dem bereits Erreichten führt zum Erfolg. Man darf sich aber nicht damit begnügen, alles über nichts zu wissen. Ein leidenschaftliches Interesse für ganz andere Dinge beruhigt und stimuliert ganzheitlich das Gehirn.
Das Erlernen des Cellospielens erweckte bei Ernst schon sehr früh eine tiefe Liebe für die Musik. Das Lesen von Partituren empfand er spannender als Romane. Dazu kam in reiferen Jahren eine echte Faszination für die Tibetische Kunst und ihre Rollbilder, von denen er eine einzigartige Sammlung aufbaute. Dies führte ihn zur Buddhistischen Philosophie und zur Erkenntnis, dass er seit Jahrzehnten, ohne es zu wissen, ein buddhistischer Atheist gewesen war. Als waschechter Naturwissenschaftler hatte er für jede Form von Dogma die treffliche Definition von „eingefrorener Dummheit“ geprägt.

In den letzten Kapiteln seines Buches stellt Ernst resigniert fest, dass ein großer Teil der Menschheit einfache Lügen der meist komplizierten Wahrheit vorzieht. Es ist ihm klar, dass wir einem Abgrund zusteuern, doch der von Politik und Wirtschaft vorgegebene Kurs ins Verderben wird sich kaum umkehren lassen. Stetig gesteigerter Konsum ist ja so angenehm; die Verschwendung von Ressourcen und der anthropogene Klimawandel machen zwar Schlagzeilen, aber einschränken will sich kaum jemand. Das übergeordnete Problem, nämlich das rasante Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern erwähnt der so klarsehende Ernst eigentümlicherweise nur ganz am Rand.

Dr. Lucien F. Trueb, Ebmatingen-Zürich

 

bestellen: Richard R. Ernst: Nobelpreisträger aus Winterthur. Autobiografie. In Zusammenarbeit mit Matthias Meili.