Auch fast 3000 Jahre nach ihrer Verfassung gehören die beiden Epen „Ilias“ und „Odyssee“, die dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben werden, zum Kulturgut des Abendlandes. Kaum einer, der sie nicht wenigstens aus einer der unzähligen Nacherzählungen und Adaptionen kennt, die Menschen jeden Alters – auch jenseits des klassischen Bildungsbürgertums – in ihren Bann ziehen. Neben den Mythen, die sich um die Entstehung der Werke selbst ranken – so ist noch nicht einmal ohne Zweifel klar, ob der mutmaßliche Autor Homer überhaupt gelebt hat – ist einer der Gründe dafür wohl auch die Tatsache, dass es sich nicht nur um spannende Abenteuergeschichten handelt, sondern diese darüber hinaus auch noch voll sind von Zauberei und magischen Wesen. Was aber, wenn viele der beschriebenen Erscheinungen gar nichts mit Magie zu tun hatten und durch unser heutiges Wissen über Pflanzen und Tiere mühelos erklärbar wären? Tatsächlich ist dies möglich, wie Monika Niehaus und Michael Wink in ihrem im Hirzel Verlag erschienen Buch „Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt“ auf spannende und unterhaltsame Weise aufzeigen.

Der Buchtitel verweist auf eine Szene aus der Odyssee, dem zweiten Teil von Homers Geschichte rund um den Krieg um Troja. Nachdem der zehn Jahre andauernde Krieg am Ende durch eine List des Odysseus gewonnen war, macht sich dieser mit seinen Gefährten auf den Rückweg in seine Heimat Ithaka an der griechischen Westküste. Diese Schiffsreise sollte wider Erwarten noch einmal zehn Jahre dauern, denn gleich zu Beginn tötet Odysseus den Zyklopen Polyphem und erzürnt damit den Meeresgott Poseidon, Polyphems Vater. Von da an wendet sich das Glück gegen die Gefährten; ihnen begegnen jede Menge Hindernisse und Gefahren und sie werden zu Umwegen und längeren Aufenthalten gezwungen, wie etwa auf der Insel der Zauberin Kirke. Der Sage nach verwandelt Kirke die Seeleute nämlich in Schweine, die daraufhin ihre Reisepläne vergessen. Nur Odysseus bleibt vom Zauber verschont, weil ihn der Götterbote Hermes mit einem Gegengift versorgt hat. Wie könnte Kirke die Verwandlung der Männer gelungen sein? Die Autoren tippen auf ein Gemisch aus Alraunenwurzel und Bilsenkraut, deren Tropan-Alkaloide den Transmitter Acetylcholin von seinem Rezeptor verdrängen und dadurch Halluzinationen erzeugen. Anhand der Beschreibung der Pflanze in der Originalquelle und einem Studium der griechischen Pflanzenwelt können die Autoren sogar einen wahrscheinlichen Kandidaten für das Gegengift präsentieren – das Schneeglöckchen Galanthus nivalis. Dessen Inhaltsstoff Galantamin – ebenfalls ein Alkaloid – blockiert die Acetylcholinesterase und hätte so der Wirkung von Kirkes Tropan-Alkaloiden entgegenwirken können. Heute wird Galantamin zur Verbesserung des Gedächtnisses von Alzheimer-Kranken eingesetzt. In gleicher Weise, anhand von konkreten Beispielen aus der Sagenwelt, behandelt das Buch weitere Gifte und ihre Gegengifte, Drogen-, Heil- und Arzneipflanzen. Doch nicht immer stehen Pflanzen hinter den beschriebenen Phänomenen – auch Tiere können Vorbilder für Fabelwesen sein, wie der zwergwüchsige Inselelefant, dessen Schädel möglicherweise die Legende des einäugigen Zyklopen begründete, oder Seekühe, die für Meerjungfrauen gehalten wurden. Auch wenn die Odyssee dem Buch seinen Namen gegeben hat, gehen die Autoren auch auf andere Mythen der Antike bis hin zu Erscheinungen der magischen Gedankenwelt des europäischen Mittelalters ein. So lernt der Leser etwa die Zusammensetzung der Flugsalbe kennen, die den mittelalterlichen „Hexen“ die Illusion des Fliegens vermittelt haben soll. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Spekulation der Autoren, dass möglicherweise Drogenmissbrauch durch alleinstehende Frauen, die auf diese Weise ihrer harten Lebenswelt entkommen wollten, zur exzessiven Hexenverfolgung beigetragen hat. Denn Drogenkonsum war eine Störung der öffentlichen Ordnung und warf gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme auf, die seine Bekämpfung durch die Obrigkeit plausibel erscheinen lässt. Das Buch liest sich angenehm leicht, die einzelnen Kapitel haben eine überschaubare Länge und werden durch jeweils ein bis mehrere bebilderte Pflanzen- oder Tiersteckbriefe, die durch ihre Einrahmung aus dem Lesefluss herausgenommen sind, aufgelockert. Michael Wink war zuletzt Direktor am Institut für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie der Universität Heidelberg, wo er sich unter anderem mit Gift- und Arzneipflanzen beschäftigte und auch heute noch als Senior Professor tätig ist. Monika Niehaus ist Biologin mit den Schwerpunkten Neurophysiologie und Biophysik und in den letzten Jahren vor allem mit zwei ebenfalls beim Hirzel Verlag erschienen Büchern über ungewöhnliche psychische Syndrome und Erscheinungen bekannt geworden. Dem Autorenduo ist ein sehr ansprechendes, kurzweiliges und informatives Buch gelungen, dem viele Leser zu wünschen sind.

Dr. Larissa Tetsch, Maisach

 

bestellen: Monika Niehaus, Michael Wink: Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt – Rauschpflanzen und Gifte in antiken Sagen und Mythen.