Dieses ist sein letztes Buch. Und er hat sein Erscheinen nicht mehr erlebt. Der am 7. Juni 1929 in Berlin geborene Jost Lemmerich starb am 21. März 2018. Nach seinem Physikstudium war er im Deutschen und später im Europäischen Patentamt tätig. Einen großen Teil seiner Lebenszeit widmete er der Physikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Durch sehr sorgfältiges Akten- und Literaturstudium kannte er die Physiker und ihr Wirken in dieser Zeit ganz genau. Doch er behielt sein Wissen nicht für sich, sondern ging an die Öffentlichkeit und hat sehr erfolgreiche Ausstellungen gestaltet und einige Bücher geschrieben. Besonders intensiv hat er sich mit dem Wirken von Lise Meitner, James Franck und Max von Laue beschäftigt. Den Nachlass von Lise Meitner in Cambridge hat er sogar selbst geordnet und erfasst. Dies machte ihn zu dem berufenen Herausgeber des Briefwechsels von Lise Meitner mit Max von Laue und Elisabeth Schiemann und der Briefe Max von Laues an seinen Sohn Theodor. Die vorliegende Biographie von Max von Laue, für die er in 31 deutschen und ausländischen Archiven recherchierte, war ihm sehr wichtig. Nun ist sie – versehen mit einem kurzen, würdigenden Porträt seines Freundes Armin Stock zu seinem Vermächtnis geworden. Auch ich denke an den liebenswürdigen Jost Lemmerich mit großem Respekt.

Die Biographie Max von Laues ist chronologisch in zwölf Kapitel gegliedert. Viele Abbildungen und Photographien bringen uns die Personen und die Zeit nahe. Auch diesem Werk merkt man die Freude des Autors an, die Physiker bei ihren großen Entdeckungen darzustellen, mit denen sie die Welt veränderten. Er zeigt uns das Zusammenspiel der Forscher, die sich fast alle persönlich kannten, und ihre Ergebnisse und Theorien als Freunde oder Konkurrenten miteinander diskutierten.

„Furchtlos und treu“ ist das Motto des Adelsemblems der Familie Laue – es passt wie kein anderes zu Max Theodor Felix Laue, der am 9. Oktober 1879 in Pfaffendorf, Landkreis Koblenz, als Sohn des Offiziers Carl Julius Laue (er erhielt den erblichen Adelstitel 1913) und dessen Frau Minna geboren wurde. Das Abitur legte Max Laue 1898 in Straßburg ab, wo er auch seinen Militärdienst ableistete und mit dem Physikstudium begann. Einer seiner Hochschullehrer war Ferdinand Braun, der offensichtlich einen bleibenden Eindruck hinterließ: „Anders als manche theoretischen Physiker hat Max Laue stets experimentelle Arbeiten gewürdigt, was vielleicht auf der Teilnahme an Brauns Vorlesungen beruhte.“

Laue verließ 1899 Straßburg und setzte sein Studium in Göttingen fort, einem Zentrum der Mathematik und Physik. Wesentliche Anregungen erhielt er dort von Felix Klein, David Hilbert, Hermann Minkowski und Woldemar Vogt. Ein Wintersemester verbrachte er an der Ludwig- Maximilians-Universität in München, wo er Conrad Röntgen und Alfred Pringsheim als Lehrende erlebte. Er wechselte 1902 an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, wo ihn Max Planck stark beeinflusste, der sein Doktorvater wurde. Im Sommer 1903 schloss er sein Studium mit der Dissertation „Über die Interferenzerscheinungen an planparallelen Platten“ ab. Zur Habilitation reichte er im Juni 1906 seine Arbeit zur Thermodynamik der Interferenzerscheinungen ein. Am 10. November 1906 wurde Laue habilitiert und erhielt die Venia legendi. Durch Max Planck war er schon mit den Arbeiten Albert Einsteins vertraut, 1906 lernte er ihn persönlich kennen. Es entwickelten sich ein intensiver fachlicher Austausch und eine enge Freundschaft, die 45 Jahre währte. In einem Brief schrieb Laue 1907 über Einstein: „Das ist ein Revolutionär. Er hat in den ersten zwei Stunden des Gesprächs die ganze Mechanik und Elektromechanik umgestürzt und zwar aus Gründen der Statistik.“

Im Dezember 1909 wechselte Laue zu Arnold Sommerfeld nach München. Im Oktober 1910 heiratete er die aus Meran in Südtirol stammende Magdalena von Milkau. Am 22. Juni 1916 wurde dem Ehepaar der Sohn Theodor geboren, 1919 die Tochter Hildegard.

In seiner Münchner Zeit gelang ihm eine wichtige Entdeckung: „Der junge Privatdozent Max Laue hatte zwei grundlegende Fragen mit einem Experiment geklärt, erstens, dass Röntgenstrahlen transversale elektromagnetische Wellen sind, und zweitens, dass die Atome in Kristallen eine geordnete Struktur haben.“ Dies verbreitete sich unter den Physikern wie ein Lauffeuer. Einstein schrieb: „Lieber Herr Laue! Ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem wunderbaren Erfolg. Ihr Experiment gehört zu dem Schönsten, was die Physik erlebt hat.“ 1912 wurde Laue nach Zürich berufen, wo auch Einstein tätig war. Zwei Jahre später folgte die Berufung an die neu gegründete Universität in Frankfurt am Main. Hier war sein Kollege Otto Stern, dessen Arbeitsgebiet die Molekular- und Quantentheorie war. „Am 11. November teilte Max von Laue der Universität Frankfurt/M. mit: ‚Ich gestatte mir die Mitteilung, daß die Schwedische Akademie der Wissen- schaften mir heute den Nobelpreis für Physik für 1914 verliehen hat.’“ Das Preisgeld mit Urkunde und Medaille erhielt er Mitte 1916 über die Deutsche Gesandtschaft in Stockholm. Erst am 3. Juni 1920 konnte er in Stockholm seinen Nobelvortrag „Über die Auffindung der Röntgenstrahl-Interferenzen“ halten. Er selbst schlug 1916 Max Planck und 1917 Albert Einstein für den Nobelpreis vor.

Am 1. April 1919 wechselte Laue an die Universität in Berlin und war nun am Ort seiner Wünsche, in einem vertrauten Kollegen- und Freundeskreis mit Max Planck, Lise Meitner und Albert Einstein. Allerdings hätte er sich eher eine reine Forschungsstelle gewünscht, ohne Lehre. Laue wurde am 24. Juni 1920 in die Preußische Akademie aufgenommen. Bereits 1920 begannen antisemitische Angriffe auf Albert Einstein und seine Relativitätstheorie. Von Laue setzte sich mit aller Kraft für ihn ein.

Jost Lemmerich beschreibt sehr sorgfältig die politische Entwicklung. Zum 50. Geburtstag Laues würdigte Max Planck in der Zeitschrift Die Naturwissenschaften zunächst sein wissenschaftliches Werk, dann schrieb er: „Aber man würde der Persönlichkeit Laues nicht gerecht werden, wenn man ihn nicht auch noch von einer anderen Seite sehen wollte: als den gütigen Menschen, den treuen Freund, und, was ihn noch ganz besonders charakterisiert, den hilfsbereiten Förderer der aufstrebenden Generation.“

Als Albert Einstein am 28. März 1933 seine Anstellung bei der Preußischen Akademie schriftlich vom Ausland aus niederlegte und der Sekretar der Philosophisch- Historischen Klasse, Ernst Heymann, sich in einer Stellungnahme in vielen deutschen Zeitungen über die „Greuelhetze“ Einsteins in Amerika und Frankreich entrüstete, forderte Laue eine Plenarsitzung der Akademie. Im Protokoll lesen wir: „Auf Wunsch von Herrn von Laue wird festgestellt, daß kein Mitglied der phys.- math. Klasse Gelegenheit gehabt hat, an der Erklärung der Akademie vom 1. April 1933 zum Fall Einstein mitzuwirken.“ Wissenschaftlich begann Laue, sich mit der Supraleitung zu beschäftigen. Im Herbst 1935 konnte er zu einem Vortragsund Forschungsaufenthalt in die USA reisen, und den Weg für seinen Sohn Theodor ebnen, der dann in den USA blieb. Mit großer Sorgfalt und sehr kenntnisreich beschreibt Lemmerich die Entdeckung der Kernspaltung. Im Dezember 1938 schrieb Otto Hahn an Lise Meitner, die am 13. Juli 1938 Deutschland verlassen hatte, stellte die Ergebnisse seiner Versuche mit Straßmann dar und fragte, ob sie eine Erklärung hätte. Lise Meitner verlebte das Weihnachtfest mit ihrem Neffen, Otto Robert Frisch. „Sie konnten um die Weihnachtszeit und die Jahreswende den Prozess physikalisch erklären und die sehr große freiwerdende Energie angeben. Zurückgekehrt nach Kopenhagen machte Frisch noch ein sehr übersichtliches Experiment, das die große freiwerdende Energie beim Spaltungsprozess zeigte. Wenige Monate später wurde erstmals von einer Atombombe geredet und geschrieben.“ Durch eine Rezension, die Laue 1939 über einen wissenschaftshistorischen Tagungsband schrieb, wurde sein Interesse an der Wissenschaftsgeschichte verstärkt. Peter Debye (sein Name fehlt im Personenregister) wurde 1937 der Leiter des neu gebauten KWI für Physik, an dem auch Laue tätig wurde, und das unter „Beurlaubung“ von Debye zu großen Teilen 1939 vom Heereswaffenamt übernommen wurde. Debye ging daraufhin in die USA, und Laue wurde Direktor des restlichen KWI für Physik.

Auch in dieser Position setzte sich Laue für viele Verfolgte und Entlassene ein. Er konnte mit anderen Kollegen erreichen, dass ein junger Kollege aus dem Gestapogefängnis entlassen wurde. Zu vielen Vertriebenen hielt er brieflichen Kontakt. Oft besuchte er den entlassenen Herausgeber der Naturwissenschaften, Arnold Berliner, der sich am 21. März 1942 das Leben nahm.

1942 gab das Oberkommando der Wehrmacht das gesamte Institut für Physik der KWG zurück. „Doch die kriegswichtige Forschung am Institut ging weiter.“ Direktor wurde Werner Heisenberg, der am Uran-Projekt des Heereswaffenamtes beteiligt war. Laue war in diese Geheimforschung nicht eingebunden. „Das deutsche Auswärtige Amt versuchte in den neutralen Staaten und auch in den besetzten Gebieten durch Vorträge zu kulturellen und wissenschaftlichen Themen Propaganda für Deutschland zu machen.“ In diesem Rahmen reiste Laue im März 1943 nach Stockholm, wo er Lise Meitner traf. 1944 siedelte die Familie Laue nach Hechingen über, wohin das Institut verlagert wurde. Ihr Wohnhaus war durch Bomben stark beschädigt worden. Bei Kriegsende wurden die Wissenschaftler, die am Uranprojekt beteiligt waren, nach Farm Hall in die Nähe von Oxford gebracht, wo über Wochen ihre Gespräche abgehört wurden. Unter ihnen war Max von Laue, obwohl er an dem Projekt nicht beteiligt war. An seinen Sohn Theo schrieb er: „Alle außer mir haben an der ‚Uranmaschine’ mitgearbeitet, und das ist wohl auch der Grund unserer Haft. Mich hat man anscheinend aus Versehen mitgenommen.“

Im Januar 1946 kehrten die Wissenschaftler nach Deutschland zurück. Sowohl Laue als auch Hahn und Heisenberg gingen nach Göttingen. Das KWI für Physik wurde dort unter Leitung von Werner Heisenberg etabliert, Max von Laue war sein Stellvertreter, Carl Friedrich von Weizsäcker wurde der Leiter der Abteilung Theorie. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit war Max von Laue 1948 an der Gründung der Max-Planck-Gesellschaft als Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft beteiligt und an der Neugründung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (er wurde zum Vorsitzenden gewählt). Ferner hat er maßgeblich an der Neugründung der Physikalisch-Technischen- Bundesanstalt (vormals Reichsanstalt) mitgewirkt. Kaum ein anderer war wie er für diese Aufgaben berufen. Einstein hatte 1946 an ihn geschrieben: „Dabei bin ich mir bewusst, dass Du Dich wundervoll gehalten hast in diesen unsagbar schweren Jahren, dass Du keine Kompromisse gemacht hast und Deinen Freunden und Überlegungen treu geblieben bist wie nur ganz wenige.“

Im Wintersemester 1947/48 begann Laue an der Göttinger Universität mit einer Vorlesung zur Geschichte der Physik. Zum 70. Geburtstag Laues schrieb Lise Meitner: „Dass ich die Jahre 33-38 in Deutschland aushalten konnte, verdanke ich wirklich zu einem erheblichen Teil Ihnen und Ihrer Frau. Nicht nur dass ich, wann immer ich kommen mochte, freundschaftlich aufgenommen wurde und in meiner prinzipiellen Einstellung auf Ihr Verständnis rechnen konnte. Fast noch mehr hat es für mich bedeutet, dass Sie beide so klar die unglückliche Auswirkung der nazistischen Ideologie sahen und die ganzen Kriegsjahre hindurch sich nicht beirren liessen und zu helfen versuchten, wo überhaupt zu helfen war. Das hat mein Menschenvertrauen sehr gestützt und mir geholfen, den moralischen Boden zu bewahren, auf dem wir stehen müssen, wenn das Leben eine tieferen Sinn behalten soll.“ 1951 wurde Laue als Nachfolger von Karl- Friedrich Bonhoeffer Direktor des Max- Planck-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem mit über 100 Mitarbeitern. Auf der Nobelpreisträgertagung 1955 in Lindau wendete sich von Laue mit 50 weiteren Forschern gegen den Einsatz von Atomwaffen in der Kriegsführung. Auch an der Erklärung der 18 Atomwissenschaftler am 12. April 1957 gegen die Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen war er beteiligt. Er leitete das Institut bis zum März 1959. Zu seinem 80. Geburtstag wurde Max von Laue hoch geehrt und gefeiert, auch von Lise Meitner. Ein halbes Jahr später, am 24. April 1960, starb er in Berlin durch einen Autounfall.

Dieses Buch führt uns nicht nur eins der wichtigsten Kapitel der Physikgeschichte vor Augen, sondern es stellt auch die Zeitgeschichte dar, die neben ihrer Arbeit das Leben dieser Wissenschaftler und ihres Umfeldes bestimmte. Und es zeigt uns das Leben eines außergewöhnlichen Forschers, furchtlos und treu. Es ist ein sehr lesenswertes und spannendes Buch, das ich nicht nur den Physikern ans Herz legen möchte.

Dr. Sybille Gerstengarbe (Halle/Saale)

 

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