Der Holzkörper mehrjähriger Gewächse öffnet Fenster in die Vergangenheit. In den gemäßigten Breiten mit ausgeprägtem Jahreszeitenklima bilden sich die Zuwächse als deutlich abgrenzbare Jahrringe ab, mit weitlumigen Gefäßen im Früh- und englumigen im Spätholz. Die Jahrringe erlauben nicht alleine eine Bestimmung des Lebensalters eines einzelnen Baumes, sondern sie geben auch Auskunft über seine Lebensgeschichte und können Indikator klimarelevanter Temperatur- oder Niederschlagsschwankungen sein (sog. Klima-Proxy). So führt etwa Trockenheit in der Wachstumsperiode zu englumigeren Leitgefäßen als unter optimalen Bedingungen, und auch der Grad der Verholzung ist stark von den jeweils vorherrschenden ökologischen Verhältnissen abhängig. Entsprechend gibt es in der Abfolge der Jahrringe einige markante Zeitmarken – sie helfen dabei, Holzproben verschiedener Individuen in eine sich zeitlich überlappende Reihe zu legen und zu synchronisieren. Liegen Baumproben lebender oder genau datierter Individuen einer Art vor, so eröffnet sich die Möglichkeit einer absoluten Altersdatierung, die bis zu einigen Hundert oder Tausend Jahren reicht (Dendrochronologie). Aus der mikroanatomischen Untersuchung des Holzkörpers lassen sich dann jahresgenau tiefere Einsichten in die jeweiligen Wachstumsbedingungen gewinnen. Frost beispielsweise führt zum Einfrieren und Auftauen der Stammflüssigkeit und damit zum Kollabieren von Zellen. Derartige Schäden sind seit längerem als „Frostringe“ bekannt. Bei zu geringen Temperaturen kann die Ausbildung von Spätholz beeinträchtigt sein und zu „Lichtringen“ führen. Erst 2015 wurden die sogenannten Blauen Ringe als neues Klima-Proxy vorgestellt. Während die Zweifachfärbung von Holzdünnschnitten mit Astra-Blau und Safranin die Zellwände normalerweise in einem kräftigen Rot erscheinen lässt, treten in seltenen Fällen Zuwachsringe auf, die blau gefärbt sind (Abb. Mitte). Sie zeigen an, dass die Zellwände nicht oder nur wenig verholzt ist. Dies wird auf abrupte, kurzfristige Abkühlungen zurückgeführt, wie sie durch Vulkanausbrüche hervorgerufen werden. Der besondere Wert dieser neuen Analysemöglichkeit ist, dass die Blauen Ringe bereits kurze Abkühlungsphasen von wenigen Tagen bis Wochen in der Vegetationsperiode anzeigen (siehe Beitrag S. 61). [Holzquerschnitt einer Bergkiefer, Pinus uncinata, lichtmikroskopische Aufnahme, Prof. Dr. Ulf Büntgen/University of Cambridge]

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