Alles Leben ist Problemlösen – diese geradezu apodiktisch formulierte These wurde 1984 als Titel für das letzte, posthum erschienene Werk von Karl Popper gewählt. Treffend kennzeichnet sie die Grundposition des Wissenschaftsphilosophen, der bei aller prinzipiellen Skepsis doch Optimist geblieben ist.

Die These scheint wie für unsere Tage geschaffen, in der wir mit der anhaltenden Corona-Pandemie konfrontiert sind. Sie wirkt wie eine Aufforderung, alle nötigen Gegenmaßnahmen zu treffen und nicht die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Tatsächlich war Popper alles andere als ein Fatalist; mit seiner These traf er nicht nur die Feststellung, dass das Leben tausendfach bewiesen hat, dass es mit Problemen fertig wird – sie war auch eine Botschaft an uns. Ihm ging es darum, Wege aufzuzeigen, wie wir Menschen, die wie alle anderen Lebewesen stets „auf der Suche nach einer besseren Welt“ sind, unserem Verlangen nach Wohlergehen näherkommen. Doch woher nahm er seine Zuversicht?

Popper war der wohl prominenteste Philosoph, der die Evolution zu einem fundamentalen Bestandteil seines Den­kens gemacht hat. Er hat Darwin und die Geschichtlichkeit des Menschen verinnerlicht und ist zu ähnlichen Einsichten bezüglich unserer Erkenntnisfähigkeit gelangt wie sein Spielkamerad der Wiener Kindheit, Konrad Lorenz. So, wie die Torpedoform und die Flossen eines Hochseefischs gleichsam implizit „Informationen“ über die Gegebenheiten des Wassers enthalten, um sich darin effektiv fortbewegen zu können, so sind auch unsere kognitiven Fähigkeiten auf die Gegebenheiten unserer Umwelt abgestimmt, die in unserer Evolutionsgeschichte relevant waren. Entsprechend können wir „die Welt da draußen“ nicht vollständig erkennen, aber wir können darauf bauen, dass es eine Korrespondenz zwischen unseren kognitiven Leistungen und den Gegebenheiten der Welt gibt. Bei aller Begrenztheit sind wir daher in der Lage, Aspekte der Wirklichkeit zu erfassen. Darin liegt Poppers Optimismus begründet. Stück für Stück können wir uns bei der Erkenntnissuche immer weiter vorwagen und – korrigiert durch Irrtümer – an das herantasten, was man „Wahrheit“ nennt.

Und in der Tat braucht man keine Erkenntnistheorie zu bemühen, um zu sehen, wie gangbar dieser Weg ist. Die aktuelle Corona-Pandemie liefert hierfür das beste Beispiel. Binnen eines knappen Jahres ist es gelungen, Impfstoffe gegen das Virus zu entwickeln. Auch hier gilt natürlich: Wissenschaft ist nicht unfehl­bar. Konkret: Risiken bei der Anwendung der Impfstoffe sind nicht vollkommen auszuschließen. Skeptisch darf man sein, doch eine Verteufelung durch „Impfgegner“ ist völlig unangebracht, was zahlreiche segensreiche Impfkampagnen zeigen, wie im Stichwort-Artikel ausge­führt wird (S. 53). Auch die – letztlich tragisch endende – Erfolgsgeschichte eines konsequent wissensgeleiteten Umgangs mit einer Fleckfieber-Epidemie, die Hermann Feldmeier in seiner Würdigung des polnischen Arzt Ludwik Hirszfeld in Erinnerung bringt (S. 15), ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Krankheitserreger sind primär Naturgefahren, doch werden sie wie im Fall von SARS-CoV-2 oft durch unsere Lebensweise heraufbeschworen. Ja, wir sind geradezu Weltmeister darin, durch unser Handeln neue Probleme zu schaf­fen. In Bezug auf Krankheitserreger ist es etwa der häufig unbedachte Einsatz von Antibiotika, der zu Resistenzbildungen führt und es damit erforderlich macht, nach neuen Gegenmitteln zu suchen (vgl. S. 5). Vor ganz andere Herausforderungen stellen uns immer wieder tiefgreifende technische Neuerungen, die eine eigene Dynamik entfalten, mit zuweilen fatalen Auswirkungen. Geradezu dramatisch wirkte beispielsweise die mit der Dampfkraft befeuerte industrielle Revolution. Noch ehe deren ökologische Konsequenzen in ihrem vollen Ausmaß erkannt wurden, war es die Verelendung der Arbeiter, die zu einem drängenden sozialen und gesellschaftspolitischen Problem wurde. Ein Lösungsversuch war der Entwurf einer neuen Weltordnung, die Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem Kommunistischen Manifest verkündeten. Wissenschaftsgläubig – wie wir heute sagen würden – meinten sie, das „Gesetz der Entwicklung“ gefunden zu haben, das unweigerlich zu einer klassenlosen Gesellschaft führen müsse. Sie beriefen sich dabei sogar auf Darwin, der sich allerdings gegenüber einem solchen Ansinnen reserviert zeigte. Insbesondere Engels, dem wir einen Beitrag widmen, war es, der sich um ein Verständnis der Naturwissenschaften bemühte (S. 18). Er arbeitete sogar an einem Manuskript zu einer Dialektik der Natur. Wenn man darin seine Ausführungen zur Wissenschaftsgeschichte liest, denen zufolge immer wieder wissenschaftsinterne Entwicklungen zur Sprengung starrer Auffassungen führten, so überrascht seine Überzeugung, eine „fertige“ Naturanschauung ge­funden zu haben. In ihr war die Dynamik gleichsam gedeckelt, indem sie in einem ewigen Kreisprozess verlief.

Deutlicher kann der Unterschied zur Poppers Wissenschaftsauffassung nicht sein. Für diesen galt: Nichts ist schon dagewesen, die Zukunft ist offen, Wissenschaft bleibt ein Abenteuer!

Gerne hätte ich Sie nun an dieser Stelle zur GDNÄ-Jahresversammlung in Würzburg eingeladen, damit Sie sich selbst aus berufenem Munde ein Bild von diesem Abenteuer machen können. Doch leider sah sich der Vorstand der GDNÄ dazu gezwungen, die vorgesehene Versammlung mit der 200-Jahr-Feier der GDNÄ in Leipzig zusammenzulegen, die 2022 geplant ist. Dafür werden wir unser Bestes geben, Sie auch in diesem Jahr an den wissenschaftlichen Entwicklungen teilhaben zu lassen.

Klaus Rehfeld