Maria Sibylla Merian (1647 –1717), die jüngste Tochter des berühmten Kup­ferstechers Matthäus Merian d. Ä., gilt längst nicht mehr bloß als „Falterfrau“, die ihren ungewöhnlichen Interessen nach­ging, sondern als eine anerkannte Erfor­scherin des Insektenlebens. Die von ihr publizierten Werke und allein schon die Schwerpunkte ihres künstlerischen und naturkundlichen Interesses – Blumen und Insekten – geben manches von ihrer Persönlichkeit preis. Doch sonst sind Selbstzeugnisse der Maria Sibylla Merian rar. Bei dieser Lage kommt ihren Briefen eine außerordentliche Bedeutung zu. Ge­rade einmal (oder muss man vielleicht doch sagen: immerhin?) 18, überwie­gend von ihr selbst geschriebene Briefe sind bislang bekannt geworden. Sie alle sind erstmals in einer Publikation drei­er sich in ihrer Sachkunde ergänzender Merian-Forscherinnen aus den Archiven in Erlangen, London, Nürnberg und Pa­ris zusammengeführt, als Faksimile wie­dergebeben, zeilengenau transkribiert und kommentiert worden. Der Verlag hat keine Mühe gescheut, die in chrono­logischer Reihenfolge geordneten Briefe auch ästhetisch zu präsentieren. Die Briefsammlung wird von der Romanistin Helga Prüßmann-Zemper eröffnet, die auch die Übersetzungen der im Auftrag Merians niederländisch und französisch verfassten Briefe besorgte. Sie stimmt die heutigen Leser darauf ein, auf Feinheiten zu achten: Nicht nur die Sprache hat sich über die drei Jahrhunderte gewandelt, auch die Briefeschreiberin hatte eine für die damalige Zeit bewegte Lebens­geschichte mit häufigen Ortswechseln durchlaufen, was auf ihre Sprache ab­färbte.

Die Briefe beleuchten drei wichtige Ab­schnitte von Merians Lebensweg: Die Zeit nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt Frankfurt a. M., die Zeit nach ihrem Aus-und Aufbruch nach Amsterdam und die Zeit nach ihrer großen Forschungsreise nach Surinam.

Fünf Briefe entstanden zwischen 1681 und 1686 in Frankfurt, wohin die 34jäh­rige Maria Sibylla Graff mit ihrer Familie, d. h. ihrem Ehemann, dem Kupferstecher, Zeichner und Maler Johann Andreas Graff und den Töchtern Johanna Helena und Dorothea Maria, zurückkehrte, um ihrer verwitweten Mutter beizustehen. Hinter ihr lag die Zeit in Nürnberg (1668 –1681), der Heimatstadt ihres Mannes. Während dieser eine eigene Kupferstecher-Werk­statt betrieb und sich als Architektur­zeichner betätigte, ging Maria Sibylla ihre eigenen Wege: Aufbauend auf den im vä­terlichen bzw. stiefväterlichen Betrieb er­worbenen Kenntnissen betätigte sie sich als Lehrerin einer von ihr gegründeten „Jungferncompanie“ für Patriziertöchter. Blumenmalerei und Stickerei standen im Mittelpunkt, sie selbst vervollkomm­nete ihre Fertigkeiten in der Herstellung von Farben, womit sie die Grundlagen eines auch später betriebenen Gewerbes legte. Zudem ging sie ihrer Liebhaberei, der Raupenzucht, nach, die in den hö­heren Kreisen der alten Reichsstadt mit Respekt und auch wohlwollender För­derung betrachtet wurde. Frucht dieser 13 Jahre waren drei der Erbauung und als Zeichen- und Stickvorlage dienende „Blumenbücher“ und ein erstes, als wis­senschaftlich zu kennzeichnendes „Rau­penbuch“, dem in der Frankfurter Zeit ein weiterer Band folgen sollte. Die in Nürn­berg geknüpften freundschaftlichen und geschäftlichen Bande zu Familien, die der Naturliebhaberei wie der Kunst – naturali­bus & artificalibus – geneigt waren, legten eine wichtige Grundlage und wurden brieflich weiter gepflegt und ausgebaut. Adressat der Frankfurter Briefe war Clara Regina Imhoff, eine ihrer Schülerinnen. Merian äußert sich darin knapp über Pri­vates, fragt nach weiteren Schülerinnen und Bekannten und gibt künstlerischen und praktischen Rat. Sie, die mit ihren Büchern bereits Beachtliches vorzuwei­sen hat, tritt ihrer Schülerin auffällig de­vot gegenüber. Die Standesunterschiede sind überdeutlich – man wünschte sich, einen Gegenbrief lesen zu können, um das Bild abzurunden.

Nach einer Zäsur im Leben Merians – dem Eintritt in die religiöse Gemeinschaft der Labadisten auf Schloss Waltha im holländischen Friesland mit Mutter und Töchtern, der zugleich mit der Trennung von ihrem Ehemann verbunden war – zog sie 1691 nach dem Tod der Mutter nach Amsterdam. Von dort aus richtete sie 1697 einen weiteren Brief an ihre Freundin Clara, die mittlerweile verheiratet ist und bald darauf im Kindbett versterben wird. In diesem letzten Schreiben an die Schü­lerin tritt ein neue Motiv in den Vorder­grund: Der Handel mit „Raritäten“ – also Naturobjekten, namentlich exotischen Tieren und auch Pflanzensamen. Amster­dam, Drehscheibe des Handels mit den niederländischen Kolonien in Ost- und Westindien, bot hierfür die besten Vor­aussetzungen, wie Merian von der Ge­meinschaft der Labadisten wusste, die u. a. in Surinam missionierte. 1699 brach sie dann selbst zu ihrer Forschungs- und Sammelreise nach Surinam auf, bei der sie von Dorothea Maria begleitet wurde.

Erst aus der Zeit nach ihrer Rückkehr, 1701, sind weitere Briefe überliefert. Vier von ihnen richteten sich an den Nürnber­ger Arzt, Botaniker und Sammler Johann Georg Volkamer d. J. (1662 –1744), der eine Flora Norimbergensis verfasst hatte und als Mitglied der kaiserlichen Akademie Leopoldina hohe Reputation genoss. In ihrem ersten Brief (1702) an ihn berichtet sie von der Arbeit an ihrem großen Werk, das 1705 unter dem Titel Metamorphosis insectorum Surinamensium (1705) auf Lateinisch und Niederländisch erschei­nen wird. Ihr Werk werde „rar“ bleiben, schrieb sie selbstbewusst, allein schon weil „so leight niemant eine solche schwere kostbare reisse thun wirt, umb solcher sa­chen willen“, die sie beinah mit dem Tod habe bezahlen müssen. Um das Werk, in dem Tiere und Gewächse in natürlicher Größe abgebildet werden sollen, einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen, bittet sie Volkamer darum, Werbung zu machen. Denn sie benöti­gte Geld, um eine Vervielfältigung des Werkes zu ermöglichen. Als Geschäfts­modell wählte sie die für ähnlich aufwen­dige Vorhaben bewährte Subskription. Zudem bot sie eigene Sammlungsstücke zum Verkauf an, und stellte in Aussicht, den Verkauf exotischer „gethierte“ von Sammlern zu vermitteln. Die drei wei­teren, kürzeren Briefe an Volkamer be­richten über den Fortgang der Arbeit und enthalten Geschäftliches über den Ver­sand und Verkauf von Drucktafeln und Sammlungsmaterial. Die Briefe dienten aber auch dazu, die persönlichen Ver­bindungen zu Nürnberger Familien und Freunden aufrechtzuerhalten. Ein für den Ausbau und die Pflege geschäftlicher Be­ziehungen wichtiger Briefpartner wurde der englische Apotheker, Botaniker und Entomologe James Petiver (1664 –1718) in London. Er war Mitglied der Royal So­ciety, hatte zahllose Kontakte zu Natur­forschern und Sammlern in Europa und beauftragte Reisende in aller Welt, für ihn tätig zu werden. Seine Sammlung von Na­turalia und Raritäten wurde nach seinem Tod von Sir Hans Sloane übernommen und bildete den Grundstock des British Museum. Petiver warb für Merians Suri­nam-Werk und machte sie so in der Fach­welt bekannt. Vergeblich ersuchte sie ihn, eine Übersetzung ihrer Raupenbücher ins Englisch zu veranlassen, deren dritter Band posthum erscheinen sollte.

Die sieben Briefe an Petiver geben Ein­blicke in das Beziehungsnetzwerk der Sammler und Forscher und beleuchten auch die finanzielle Situation der Künst­lerin und Verlegerin, die eine scharf kal­kulierende Geschäftsfrau sein musste. Sechs der Briefe wurden nicht von ihr selbst verfasst (vier auf Niederländisch, zwei auf Französisch), nur einer stammt aus ihrer Feder. Gerade bei diesen Brie­fen sind die Kommentare von höchstem Wert, erfährt man darin doch manches über Sammler, Händler und Mittelsmän­ner, die in Kontakt mit Merian standen. Hier wird auch auf die Problematik von sinnentstellenden Transkriptions- und Übersetzungsfehlern aufmerksam ge­macht. So äußerte sich der Händler und Sammler Levinus Vincent über sie „cette dame … n’ayant autre but que de tirer de Largent de tout ce qu’elle fait et recoit“ – diese Dame habe also nichts anderes im Sinn, als alles, was sie schafft und was man ihr gibt, zu Geld zu machen. Durch einen Transkriptionsfehler wurde aus „ti­rer“ das vermeintlich französische Wort „rirer“, so dass die Passage sinnentstel­lend gelesen wurde, sie habe „kein an­deres Ziel“ gehabt, „als sich lachend des Geldes zu erfreuen“, was ein fragwürdiges Licht auf die Autorin wirft. Einen weiteren Brief schrieb sie an den Numismatiker, Bi­bliothekar und Antiquar Christian Schle­gel, dem sie auf seine Anfrage detaillierte Angebote für unterschiedlich ausgestat­tete Exemplare ihres Surinam-Werkes machte und ihre Dienste anbot, andere Werke und Kuriositäten zu liefern.

Die Briefe richteten sich somit an nur wenige Personen, doch durch die Kom­mentierung wird der zeit- und lebens­geschichtliche Kontext erschlossen, so dass ein Panorama der Lebensumstände dieser außergewöhnlichen Frau entsteht. Äußerst wertvoll sind hierbei auch die biographischen Anmerkungen, in denen Lebensdaten, Profession und Beziehun­gen der in den Briefen, aber auch in den Kommentaren genannten Personen ver­zeichnet sind. Das Buch erfüllt höchste Ansprüche, die man an eine Briefedition stellen kann und ist für alle, die an Werk und Leben Maria Sibylla Merians interes­siert sind, ein großer Gewinn. Da wenige private Briefe aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert erhalten sind, ist die Publi­kation auch für Germanisten und für an Sozialgeschichte interessierte Historiker von bleibendem Wert.

Rd

 

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