Warum im Deutschen ausgerechnet der Titel Spiel des Lebens für das vorliegende Buch gewählt wurde, bleibt auch im Laufe der Lektüre unklar. Immerhin war es wohl in den meisten Fällen kein Spiel, das zur Domestikation von Tieren und Pflanzen führte, sondern meist eher schlichte Notwendigkeit: einfach eine Frage des Überlebens. Treffender ist hier der englische Originaltitel, der den Inhalt des Buches in wenigen Worten zusammenfasst: Tamed. Ten Species That Changed Our World. So stellt uns Autorin Alice Roberts auf immerhin 350 Seiten neun verschiedene Arten – vier Nutztier- und fünf Nutzpflanzenarten – vor, die die Welt, oder besser gesagt, das Leben der Menschen, verändert haben, um am Ende auf den Menschen als zehnte „gezähmte“ Art einzugehen. Damit die ausgewählten Arten vom Menschen „genutzt“ werden konnten, mussten sie „gezähmt“ werden, ein Begriff, den wir eher mit unseren Haustieren in Verbindung bringen als mit unseren Nahrungspflanzen. Diesen Vorgang des Zähmens – die Domestikation – muss man sich laut Roberts auch viel weniger aktiv vorstellen, als wir das gemeinhin tun. In den meisten Fällen geschah Domestikation wahrscheinlich zumindest zu Beginn ohne Plan und feste Absicht, einfach indem der Mensch die Ressourcen nutzte, die ihm zur Verfügung standen und dabei unbewusst und manchmal sogar zwangsläufig immer wieder bestimmte Merkmale bevorzugte und dadurch dem Merkmalsträger zu einem größeren Fortpflanzungserfolg verhalf.
Ein gutes Beispiel für diese Zwangsläufigkeit der „Zähmung“ findet sich beim Getreide, im Buch am Beispiel Weizen dargestellt. Getreidekörner sind in der Ähre an einer zentralen Achse, der Rachis, befestigt, die beim Reifeprozess zerfällt und so die reifen Körner freisetzt. Dies gewährleistet die natürliche Vermehrung des Getreides. Damit die Getreidekörner Verwendung als Nahrungsmittel finden konnten, musste sich die Rachis aber in einer Weise verändern, dass die Getreidekörner über die Reifung hinaus in der Ähre verblieben, denn nur so konnten die Körner geerntet werden. In der Natur war eine solche Veränderung für die Pflanze ein starker Selektionsnachteil. Durch die menschliche Nutzung wurde durch die harte Rachis dagegen der Weg für die weltweite Verbreitung des Getreides geebnet: Beim Dreschen herausfallende Körner könnten eine erste, unbeabsichtigte Form der Aussaat gewesen sein. Vor 9000 Jahren war das Merkmal der harten Rachis bereits genetisch fixiert. Geschichten wie diese erzählt Alice Roberts einige in ihrem Buch, das viele persönliche Bezüge aufweist. So reist die Britin selbst an verschiedene Herkunftsorte der vorgestellten Arten und spricht mit Menschen, die dort leben oder forschen.
Die zehn Buchkapitel sind problemlos einzeln zu lesen, obwohl sie einer ungefähren Chronologie folgen. Den Beginn macht der Hund (Canis [lupus] familiaris), Abkömmling des Europäischen Wolfs (C. [lupus] lupus), von dem sich der bisherigen Lehrmeinung nach vor 15 000 Jahren am Ende des Pleistozäns einige Individuen dem Menschen anschlossen. Genetische Untersuchungen von Knochenfunden jungsteinzeitlicher Hunde deuten jetzt aber darauf hin, dass sich Hund und Wolf schon vor mehr als doppelt so langer Zeit getrennt haben. Dennoch sind sie noch immer miteinander kreuzbar wie die erst 1955 gezüchtete Hunderasse Tschechoslowakischer Wolfshund zeigt. Als erste Nutzpflanze wird in Spiel des Lebens der Weizen (Triticum spp.) vorgestellt. In diesem Kapitel begegnet der Leser zum ersten Mal dem St. Petersburger Biologen Nikolai Wawilow (1887 – 1943), der als staatlicher Botaniker die Ursprünge der wichtigsten Nutzpflanzen der Welt aufspüren wollte, unter Stalin aber in Ungnade fiel und im Gefängnis von Saratow 55jährig verstarb. Seine Hypothese, dass der Ursprung jeder Art vermutlich dort liegt, wo die genetische und phänotypische Vielfalt am größten ist, gilt auch heute noch in großen Teilen.
Das folgende Kapitel widmet sich dem Hausrind (Bos taurus), das vom Auerochsen abstammt, einer Art, die mit dem Tod der letzten Kuh im Wildreservat Jaktorów in Polen seit 1927 ausgestorben ist. Roberts beschreibt an dieser Stelle Bemühungen, ausgestorbene Tierarten wieder zum Leben zu erwecken. So gibt es Bestrebungen, bis zum Jahre 2025 ein Rind zu züchten, das dem Auerochsen ähnlich ist und dem Ökosystem die fehlende Schlüsselart zurückgeben soll. Als nächstes folgen zwei neuweltliche Arten, der Mais (Zea mays mays), der unter der Bezeichnung Türkisches Korn schon im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa präsent war, und die Kartoffel (Solanum tuberosum), die aus zwei Domestikationszentren nach Europa gelangte. Offensichtlich kamen die europäischen Kartoffeln zuerst aus dem Andenhochland, doch setzten sich später Varianten aus dem chilenischen Tiefland durch. Roberts besucht in diesem Kapitel tansanische Hadza-Gruppen und erfährt, dass diese Jäger und Sammler unterirdische Knollen und Wurzeln als verlässliches Grundnahrungsmittel schätzen, auch wenn der Nährwert im Vergleich zu anderen Nahrungsmitteln gering ist. Weiterhin behandelt sie die große, durch den Pilz Phytophthora infestans ausgelöste Hungersnot in Irland, die so verheerend nur werden konnte, weil es sich bei den in Irland angepflanzten Kartoffeln um eine klonale Monokultur handelte, die Kartoffelpflanzen also genetisch identisch waren. Das Haushuhn (Gallus gallus domesticus) ist die häufigste Vogelart der Welt und mit 60 Milliarden Schlachtungen pro Jahr auch das häufigste Nutztier. Auf jeden Menschen kommen heute etwa drei Hühner. Wie es zu dieser Erfolgsgeschichte kam und welchen Einfluss darauf eine US-amerikanische Geflügelhändler­kette hatte, erzählt Roberts unterhaltsam im entsprechenden Buchkapitel. Weiterhin lässt sie uns an ihrem Besuch im schottischen Roslin-Institut teilhaben, an dem Forscher daran arbeiten, Hühner durch Gentechnik resistenter gegen Krankheiten zu machen.
Anschließend besucht Roberts einen chinesischen Reisbauern. Das Kapitel über das Süßgras Oryza sativa, das ein Fünftel der weltweit verzehrten Kalorien liefert und für 3,5 Milliarden Menschen ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel darstellt, liefert ihr einen Anlass, um auf gentechnisch veränderte Nutzpflanzen zu sprechen zu kommen. Protagonisten sind hier der mit β-Carotin angereicherte „Goldene Reis“ und der Großkonzern Monsanto, dessen Bemühungen um gentechnisch veränderte Nutzpflanzen kritisch und ausgewogen dargestellt werden. Pferde (Equus caballus) sind tatsächlich vielleicht eine der wenigen Arten, die zuerst im Spiel gezähmt wurden, wie Roberts spekuliert. Möglicherweise war es eine Mutprobe, die junge Männer auf den Rücken von eigentlich als Fleischlieferanten eingefangenen Wildpferden gezwungen hat. Individuen, die von Natur aus besonders friedlich waren – meistens Stuten –, wurden dann möglicherweise für Wettkämpfe behalten – auch hier also zuerst keine planvoll Domestikation. In den Satteltaschen von Pferden kamen dann die Äpfel (Malus domestica) aus der chinesischen Dsungarei in den Westen Europas. Von der urzeitlichen Verbindung Englands mit Äpfeln erzählt die Autorin anhand des Wassailing-Rituals in ihrer Heimat Gloucestershire, das die Apfelbäume nach dem Winter aufwecken und die bösen Geister vertreiben soll.
Im Mittelpunkt des letzten Kapitels steht der moderne Mensch, der sich zu guter Letzt selbst gezähmt hat. Dabei spielte auch die Coevolution mit den anderen vorgestellten Arten eine Rolle. So führte etwa der Kuhmilchkonsum zur Laktosetoleranz, die vor allem in Europa und Nordamerika weit verbreitet ist. Der moderne Mensch teilt heute Merkmale mit anderen domestizierten Arten wie kleine Eckzähne, eine Feminisierung der Gesichtsform, eine langsame Entwicklung und in besonderem Maße eine ausgeprägte soziale Toleranz, die es uns ermöglicht, in dicht besiedelten Gegenden zu überleben. Jedes der zehn Buchkapitel beginnt mit einem persönlichen Einstieg oder einer interessanten Schlagzeile, wie die des ersten Weizenfundes vor der Küste Englands durch einen grabenden Hummer. Ein ausführliches Literatur- und Stichwortverzeichnis runden das empfehlenswerte Werk ab.
Dr. Larissa Tetsch, Maisach