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Herr Brestowsky und Herr Ullrich
haben eine Replik auf meinen Text „Evolutionsbiologie – Natur- oder Geisteswissenschaft?“
(NR 9/2009) geschrieben, auf die ich – nach langer Überlegung – antworten
möchte. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, weil ich mir
nicht sicher bin, ob diese Auseinandersetzung Früchte tragen kann. Zum einen
müsste (bzw. muss) ich meine Argumente nochmals wiederholen, andererseits
besteht bei diesem Hin und Her des Austausches die Gefahr, dass der Leser
den Eindruck gewinnt, man antworte nur aus gekränkter Eitelkeit und beharre
rechthaberisch auf einer eigenwilligen Position.
Worum geht es? Wie sich einige Leser erinnern, besteht der Konflikt darin,
dass Brestowsky Theorien nur dann einen naturwissenschaftlichen Status
zuzugestehen bereit ist, wenn ihre Erkenntnisgegenstände direkt beobachtet
oder jederzeit experimentell untersucht werden können. So siedelt er die
sogenannten „Gegenwartswissenschaften“, wie z. B. die Chemie und Physik, in
den Bereich der Naturwissenschaften an, wohingegen er Disziplinen und
Theorien, die sich mit der Rekonstruktion der historischen Dimension
befassen (z. B. Kosmologie und Evolutionstheorie) im Bereich vager, ja
explizit geisteswissenschaftlicher Spekulationen verortet sehen will.
Wie ich in meinem Beitrag gezeigt habe, ist aber die Methodologie zur
Rekonstruktion (evolutions-) historischer Prozesse nicht grundlegend
verschieden von derjenigen, die bei der theoretischen Erschließung der
Wirklichkeit im „Hier und Jetzt“ angewandt werden muss, sofern sich diese
der unmittelbaren Wahrnehmung grundsätzlich entzieht, wie z. B. das, was
sich auf der atomaren Ebene abspielt.
Die These, dass es ja gerade „…die wachsende Abstraktion von der
grobsinnigen Erfahrung bei der Wahl der Bausteine von Theorien“ sei, die
über den Erfolg einer Naturwissenschaft entscheidet, hält mein Kritiker für
unglaubhaft. „Weit wirksamer“, so meint er, „dürfte dasjenige sein, was
auch heute noch jede Veröffentlichung der experimentellen Naturwissenschaften
auszeichnet: Das Kapitel ‚Material und Methode’. Dort wird bekanntlich für
jeden nachvollziehbar(!) dargelegt, wie der Autor zu seinen Ergebnissen
gekommen ist. Dabei gilt das klassische ‚wenn… dann… Schema’, nach
dem schon Galilei vorgegangen ist, und natürlich auch Columbus, der sich
sagte: Wenn die Erde eine Kugel ist, dann muss ich, wenn ich von Spanien in
westlicher Richtung in See steche, irgendwann nach Indien kommen…“
Abgesehen davon, dass der hohe Abstraktionsgrad wissenschaftlicher Theorien
und die wissenschaftliche Methode des Schlussfolgerns untrennbar
zusammengehören, hätte Brestowsky auffallen müssen, dass dem „Kapital von
Material und Methode“ ein eigener Abschnitt unter der Zwischenüberschrift
Überprüfbarkeit und hypothetisch-deduktive Methode gewidmet wurde. Darin
wurde nun gezeigt, dass die übliche, „hypothetisch-deduktive Methode“
in der Evolutionsbiologie nachweislich denselben Stellenwert besitzt, wie in
jeder anderen der von ihm exemplarisch aufgeführten naturwissenschaftlichen
Disziplinen. Es wurden auch Beispiele für diese „wenn… dann… Schema“
bezeichnete Methodologie hypothetisch-deduktiven Schlussfolgerns angeführt,
die beweisen, dass historische Theorien sowohl Vorhersagen treffen können
als auch prinzipiell falsifizierbar (oder allgemeiner: überprüfbar)
sind.
Um nur einige weitere Beispiele hypothetisch-deduktiven Schließens
anzuführen: „Wenn sich die Wale aus einem Landtier entwickelt haben,
und wenn es konstruktive Zwänge in der Embryonalentwicklung gibt,
dann müssen die Wale sowohl (a) ‚historische Reste’ in ihrem
ontogenetischen Entwicklungsprogramm aufweisen, die sich mit den
Entwicklungsprogrammen landlebender Säugetiere in Beziehung setzen lassen,
als auch (b) anhand einer Reihe fossiler Mosaikformen auf einen landlebenden
Vorfahren rückführbar sein.“ Tatsächlich rekapitulieren die Bartenwale in
der Individualentwicklung noch Zahnanlagen, obwohl diese zu einem späteren
Zeitpunkt wieder verschwinden, und Zwischenformen wie Pakicetus, Ambulocetus,
Rodhocetus und Basilosaurus belegen die Evolution der Wale in einer Qualität,
wie kaum eine andere evolutionäre Transformation [1]. Oder: „Wenn der
Bauplan der Fledermäuse durch Mutation und Selektion entstanden ist, dann
müssen sich im Entwicklungsprogramm rezenter Arten, aus denen die
Fledermäuse mutmaßlich evolvierten, prinzipiell noch morphogenetische
Mechanismen nachweisen lassen, die eine Verlängerung der Fingerknochen, das
Wachstum der Flughäute etc. bewirken“. Tatsächlich wurden die Mechanismen
aufgeklärt [2–4].
Die Liste evolutionärer Prognosen, die dem „wenn… dann… Schema“
folgen, ließe sich beliebig verlängern. Geht man, um ein letztes Beispiel zu
nennen, davon aus, dass die Evolutionstheorie die Realität zutreffend
beschreibt, lässt sich die Vorhersage treffen, dass die
grundverschiedenen Methoden der molekularen Systematik und Paläontologie
ein im Wesentlichen konsistentes Bild von der Evolution zeichnen. Und
tatsächlich: Übersetzt man z. B. die Sequenzunterschiede bestimmter
Proteine, aus der sich die chronologische Aufspaltungsfolge der
Organismengruppen ergibt, in den entsprechenden Stammbaum, zeigt sich das
Resultat in vielen (nicht allen) Fällen als beinahe identisch mit dem
Stammbaum, den man nach der Auswertung von Fossilienfunden erstellen kann.
Das Spektakuläre an dieser Koinzidenz lässt sich erst in vollem Umfange
begreifen, wenn man sich klarmacht, dass hier zwei verschiedene, scheinbar
nicht in Zusammenhang stehende Arten von Datenmaterial zu mehr oder minder
denselben Ergebnissen führen, ganz so, wie es die Evolutionsbiologen
erwarten: „Auf der einen Seite die räumliche Verteilung versteinerter
Überreste von ausgestorbenen Vorfahren heutiger Organismen, in den
unterschiedlich alten Ablagerungen der Erdkruste just so verteilt, wie es
ihrem Entwicklungsgeschichtlichen Alter entspricht. Auf der anderen Seite
der Vergleich unterschiedlicher Kopien eines sehr alten, ‚fossilen’
Moleküls, dessen rechnerische Auswertung zu exakt der gleichen Chronologie
des Entwicklungsablaufs führt.“ [5]
Kann man angesichts all dessen immer noch ernsthaft am Status einer bestens
gefestigten naturwissenschaftlichen Theorie der Evolution zweifeln? Zwar
kann man mit Recht auf die „Theoriebeladenheit“ der hypothetisch-deduktiven
Beweisführung hinweisen. Und es ist zunächst einmal nichts daran
auszusetzen, dass Henrik Ullrich uns wissen lässt, in der Evolutionsbiologie
gäbe es keine (der Physik vergleichbaren, universellen) Gesetze. Was aber
bliebe von den Naturwissenschaften noch übrig, würde man diese Hinweise als
Einwände gegen den naturwissenschaftlichen Charakter der
Evolutionstheorie geltend machen?
Wer sich auch nur ein wenig in der Chemie auskennt, der weiß zum Beispiel,
dass experimentelle Daten über den gesamtkinetischen Verlauf chemischer
Reaktionen niemals eindeutig auf einen bestimmten Reaktionsmechanismus
schließen lassen. Die Vorgänge, die sich auf molekularer Ebene abspielen,
sind und blieben unbeobachtbar. Es existieren tatsächlich „nur“ Modelle,
die mal mehr, mal weniger gut mit den Experimentaldaten verträglich, aber
nicht mathematisch beweisbar sind. Reaktionskinetische Modelle beschreiben
also nicht mit untrüglicher Sicherheit, wie die Chemie auf molekularer Ebene
abläuft, sondern wie sie ablaufen könnte oder
höchstwahrscheinlich abläuft. Und es gibt hier wie überall genügend
Beispiele, die zeigen, dass „ein vorhergesagter Befund nicht und unerwartete
eingetroffen sind“. Z. B. konnte Gerhard Ertl, der für seine bahnbrechenden
Erkenntnisse in der Oberflächenchemie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet
wurde, zeigen, dass selbst die Vorstellungen über vermeintlich einfache,
längst verstanden geglaubte Oberflächenreaktionen grundlegend revidiert
werden müssen.
Liefert nun die Interpretation der Experimentaldaten im Lichte eines
atomaren Geschehens eine „naturwissenschaftlich-prediktive“ Atomtheorie;
oder zeigt sie eher „konsistente Möglichkeiten“ des Reaktionsgeschehens auf?
Was folgt daraus für den naturwissenschaftlichen Charakter der Atomtheorie?
Geben die „unerwartet eingetroffenen“ Befunde und ungelösten Probleme gar
Anlass zur Fundamentalkritik an der Atomtheorie, womit Ullrich seine
fundamentale Kritik an der Evolutionstheorie rechtfertigt? Ich denke, alle
diese Fragen beantworten sich von selbst. Jeder einzelne Aspekt, den
Brestowsky und Ulrich gegen die Naturwissenschaftlichkeit der
Evolutionstheorie ins Feld führen, ließe sich gegen die
Naturwissenschaftlichkeit jeder beliebigen naturwissenschaftlichen Theorie
ins Feld führen.
Nebenbei bemerkt: Auch in der Chemie sind universelle Gesetze Mangelware,
zumindest lassen sich diese nicht ohne weiteres aus der allgemeinen
Atomtheorie deduzieren. Auch hier – kein Unterschied zur Evolutionstheorie!
Abgesehen davon, dass die konstitutive Bedeutung von Individualität und
Zufalls in der Biologie natürlich eine viel größere Rolle spielt, als in der
Chemie und Physik. Aber dabei handelt es sich eben um kein Spezifikum
historischer Theorien, wie Ullrich meint, sondern von Theorien, die sich
mit komplexen Bezugssystemen beschäftigen – also ein Problem der Biologie
insgesamt! Selbiges Problem tritt auch in der Physik und Chemie zutage,
wo die Systeme hinreichend komplex sind. Doch während niemand auf die Idee
kommt, die Beschreibung physikalisch-chemischer Mehrkörpersysteme wegen
ihres metaphysischen Charakters dem Zuständigkeitsbereich der
Naturwissenschaften zu entreißen, um sie der Geisteswissenschaft
einzuverleiben, muss sich die Evolutionsbiologie bis auf den heutigen Tag
gegen solcherart abstruse Einwände erwehren.
Greifen wir noch auf ein instruktives Beispiel aus der Physik zurück, auf
das Prinzip der Erhaltung des Drehimpulses: Dieses verlangt unter
Einbeziehung von Newtons Gravitationsgesetz, dass die
Rotationsgeschwindigkeit der äußeren Bereiche von Galaxien mit zunehmendem
Abstand vom Zentrum immer weiter abnimmt. In Wahrheit aber bleibt sie
konstant oder steigt sogar an! Hier versagen völlig unerwartet klassische
Gesetze der Physik, wenn sie es auf die Drehung der Spiralarme von Galaxien
angewendet werden – ein Befund, der insofern merkwürdig ist, als doch
eigentlich nach Brestowsky „…kein Zweifel“ daran bestehen sollte, dass diese
„… auch in noch ungeprüften Fällen“ gelten. Heute geht die Physik zwar von
dieser Grundannahme aus. Allerdings bedurfte es zur Rettung der Gesetze
eines theoretischen Tricks: Die Physik postulierte (scheinbar ad hoc)
die so genannte „dunkle Materie“, die unsichtbar ist, und von der man bis
heute nicht weiß, woraus sie eigentlich besteht.
Interessanterweise führt Hendrik Ullrich genau diese Art des Vorgehens als
Argument gegen den naturwissenschaftlichen Charakter der Urknalltheorie
ins Feld, indem er insinuiert, die Einführung dieser Art von ad-hoc-Hypothesen
(„dunkle Materie“) sei geradezu für historische Theorien
charakteristisch. Wie das Beispiel jedoch zeigt, erfordert noch ein ganz
anderer Zweig der Physik die Annahme der Existenz dunkler Materie, nämlich
das Newtonsche Gravitationsgesetz und der Energieerhaltungssatz. Hier
verbindet ein und dasselbe Puzzlestück gleich mehrere, scheinbar nicht
miteinander in Beziehung stehende Prinzipien bzw. Theorien zu einem
übergeordneten, in sich konsistenten Theoriengebäude, was
einmal mehr zeigt: Konsistenzargumente sind alles nur keine
Verlegenheitslösung historischer Wissenschaft, sondern die Kür
naturwissenschaftlicher Forschungstätigkeit!
Würden also Brestowsky und Ullrich nicht so offensichtlich zwei
grundverschiedene Maßstäbe an die Naturwissenschaften anlegen, es bestünde
kein Zweifel daran, dass sie nicht nur die Evolutionsbiologie und Kosmologie,
sondern auch und in noch weitaus größerem Maße Newtons Gravitationstheorie,
die Energieerhaltungssätze, die Atomtheorie (und damit auch essentielle
Kernstücke der Physik und Chemie) auf das Terrain metaphysischer
Geisteswissenschaft umsiedeln müssten.
Nur wäre es diesen Fällen doch zu offensichtlich, dass es andere Beweggründe
für ihren Standpunkt geben muss, als der (misslungene) Versuch, sich auf
wissenschaftliche Rationalität zu berufen.
[1] J. Thewissen, Nature
450, 1190 (2007). – [2] K. E. Sears et al., Proc. Natl. Acad. Sci.
U.S.A. 103, 6581 (2006). – [3] K. E. Sears, Cells Tissues Organs
187, 6 (2008). – [4] H. Hemminger, A. Beyer in: M. Neukamm (Hrsg):
Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Vandenhoeck und Ruprecht.
Göttingen 2009. – [5] H. v. Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt.
Hoffmann und Campe Hamburg 1987.
Martin Neukamm,
Garching bei München
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