Buch-Tipps & Buchbesprechungen

     

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Klaus Taschwer:
Der Fall Paul Kammerer. Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit.
Carl Hanser Verlag. München 2016. 351 S., 31Abb., € 24,–/sFr. 33,90
 

ISBN 978-3446448780

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Lotte Burkhardt:
Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen. Eine botanische - historische - biographische Recherche zu Widmungen in den Pflanzengattungen.
Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem. Berlin 2016. 1119 S.
Im Internet zum Herunterladen: https://www.bgbm.org/sites/default/files/verz_epo_pfl_2016-09-07.pdf
 

ISBN 978-3-946292-10-4

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G. Gerold:
Landschaftsökologie.
Reihe Geowissenschaften kompakt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Darmstadt 2016. 164 S., 64 Abb., 25 Tab. € 19,95/sFr. 26,90
 

ISBN 978-3534236855

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T. Heimann:
Klimakulturen und Raum: Umgangsweisen mit Klimawandel an europäischen Küsten.

Springer VS. Berlin 2016. 424 S., € 59,99/sFr. 74,90
 

ISBN 978-3658155940
 

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S. Sumira:
Der Globus – 400 Jahre Geschichte, Macht, Entdeckungen.
Philipp von Zabern, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2016. 224 S., 120 Abb., Reg.,
€ 49,95/sFr. 68,–
 

ISBN 978-3805350204

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R. Vinx:
Steine an deutschen Küsten: Finden und Bestimmen.
Quelle & Meyer. Wiebelsheim 2016. 280 S., € 19,95/sFr. 26,90
 

ISBN 978-3494016856

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Buchbesprechungen

     

Klaus Taschwer:
Der Fall Paul Kammerer.
Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit.

Am 23. September 1926 schied der Wiener Biologe Paul Kammerer, erst 46 Jahre alt, freiwillig aus dem Leben. Kurz zuvor war eines seiner Experimente als Fälschung deklariert worden. Kammerer hatte zeigen wollen, dass Männchen der Geburtshelferkröte unter Einwirkung äußerer Faktoren Daumenschwielen entwickeln, die sich weitervererben und von einer zur anderen Generation verstärkt auftreten würden. Beim „beweisführenden“ Krötenmännchen aber war von einem amerikanischen Gastwissenschaftler anstelle der vermeintlichen Schwielen unter die Haut gespritzte Tusche gefunden worden. Ein eklatanter Fall von Wissenschaftsbetrug – oder die Gemeinheit eines Rivalen, der den begnadeten Experimentator ruinieren wollte? Arthur Koestler (1905 – 1983) kam in seinem 1971 (in deutscher Übersetzung 1972) erschienenen Buch Der Krötenküsser – Der Fall des Biologen Paul Kammerer zu dem Schluss, dass der Wiener Biologe kein Fälscher, sondern Opfer einer persönlich oder politisch motivierten Niedertracht war. Allerdings konnte Koestler trotz gründlichen Quellenstudiums einen Schuldigen nicht benennen.
Nun widmet, 45 Jahre später, der Wiener Wissenschaftspublizist Klaus Taschwer dem „Fall Paul Kammerer“ sein gleichnamiges Buch, das – so viel vorweg – eine überaus lohnende Lektüre bietet. Taschwer befasst sich dabei nicht nur mit dem Kriminalrätsel („Wer hat die Tusche gespritzt?“), sondern liefert eine umfassende Kammerer-Biographie und mit ihr ein – wie schon dem Klappentext des Buches zu entnehmen ist – „Kaleidoskop der Wiener Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts“. Kammerer, Sohn eines Fabrikbesitzers, war nicht nur ein begeisterter Zoologe, Tierzüchter und Tierpfleger, sondern auch ein Musikliebhaber und begabter Komponist und in der Wiener Gesellschaft bestens etabliert (wobei auch verhängnisvolle Beziehungen zu Frauen nicht fehlen konnten). Schon in seiner Kindheit zeigte sich bei Kammerer ein außerordentliches Interesse an Tieren und Tierhaltung. Amphibien (Kröten, Salamandern und Olmen) und Eidechsen galt früh (und zeitlebens) sein besonderes Interesse. Es ist wohl mehr als nur eine Kuriosität am Rande, dass er seiner Tochter den Namen „Lacerta“ gab, die eine Eidechsengattung bezeichnet. Über die beeindruckende Tiersammlung des Einundzwanzigjährigen berichtete eine der damals führenden Wiener Zeitungen ausführlich unter dem Titel „Die Menagerie eines Studenten“. Obwohl seine Leidenschaft auch der Musik galt und er zwei Jahre lang das Wiener Konservatorium besuchte, promovierte Kammerer (1904) an der Wiener Universität in Zoologie, wo er (1910) auch die Lehrbefugnis erhielt – paradoxerweise für Tierhaltung und experimentelle Zoologie, die damals dort noch gar nicht erlaubt waren. Umso bedeutender war für ihn die außeruniversitäre Biologische Versuchsanstalt Vivarium im zweiten Wiener Gemeindebezirk, im Prater, wo „während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts Biologie- und Medizingeschichte geschrieben“ wurde. Nur wenig erinnert heute noch an dieses denkwürdige Forschungsinstitut.
Kammerers Karrierebeginn verlief fulminant, und obwohl er im Weiteren an der Wiener Universität behindert wurde, kam er später auch zu ungewöhnlichem medialen Ruhm, der sich in erster Linie dem Umstand verdankte, dass der Biologe die lamarckistische Lehre von der „Vererbung erworbener Eigenschaften“ beweisen wollte. Seine entsprechenden Versuche an Amphibien erregten in der Sensationspresse großes Interesse, wurde damit schließlich doch auch die Möglichkeit einer Verbesserung des Menschen in Aussicht gestellt. Kammerers Vorträge in England und in den Vereinigten Staaten von Amerika nach dem Ersten Weltkrieg fanden daher ein starkes mediales Echo. Es kommt (aus sozialpolitischen Gründen) auch nicht von ungefähr, dass Kammerer noch kurz vor dem Fälschungsvorwurf und seinem Freitod nach Moskau berufen wurde. Doch massive Kritik von Seiten der Fachwelt konnte nicht ausbleiben, präsentierte sich der Wiener mit seinem Lamarckismus doch als unbequemer Querdenker. War dieser Umstand letztlich sein Verhängnis?
Gestützt auf viele Quellen – der Anmerkungsteil und das Quellenverzeichnis seines Buches umfassen über 35 Seiten – zeichnet Taschwer in 13 Kapiteln die Biographie einer schillernden Wissenschaftlerpersönlichkeit nach, deren steile, aber relativ kurze Laufbahn mit einer persönlichen Tragödie endete. Der Leser erfährt auch Details über Kammerers politische Überzeugungen (Pazifismus, Sozialismus) und seine intensive Beschäftigung mit dem Zufall, die in einer (1919 erschienenen) 500 Seiten starken Abhandlung mit dem Titel Das Gesetz der Serie ihren Niederschlag fand. Dieses Werk brachte ihrem Autor keineswegs nur Zustimmung ein, sondern galt manchem seiner Kollegen als „eine grobe Entgleisung“ und Verstoß gegen die Wissenschaftlichkeit. Dabei ist es in den größeren Zusammenhang von Kammerers evolutionstheoretischer Position gegen den (dominierenden) Neodarwinismus zu stellen: „Sollten die Anhänger des Neodarwinismus tatsächlich recht haben, dann würde die Evolution letztlich nach den Gesetzen des blinden Zufalls voranschreiten, und eine gerichtete Höherentwicklung und ein Voranschreiten zum Besseren wären mithin Illusion. Das konnte dem Verteidiger der Vererbung erworbener Eigenschaften und dem Bio-Politiker Kammerer natürlich gar nicht recht sein.“
Die Frage aber, wer das Ergebnis jenes entscheidenden Experiments des Wiener Biologen manipuliert und diesen womöglich genau damit in den Selbstmord getrieben hat, kann freilich auch das vorliegende Buch nicht wirklich beantworten. Allerdings bringt Taschwer im 14. Kapitel des Buches („So könnte es gewesen sein“) eine Gruppe von 18 deutschnationalen und katholischen Professoren der Wiener Universität ins Spiel, die sich konspirativ zum Ziel setzten, jüdische und „linke“ Wissenschaftler von der Universität fernzuhalten bzw. überhaupt aus dem Wissenschaftsbetrieb hinauszukatapultieren. Das ist ein neuer Aspekt. Die Existenz dieser „Geheimclique“ war lange Zeit unbekannt.
Sind Kammerers Experimente abgesehen davon, dass sie den Stoff für einen Wissenschaftskrimi liefern und aus wissenschaftspolitischen Gründen manchen ein Dorn im Auge waren, heute noch von Interesse? Die moderne Epigenetik, der Taschwer nur einen kurzen Epilog widmet, lässt sie vielleicht in neuem Licht erscheinen. Das Wechselspiel von Vererbung und Umwelt erscheint heute komplexer als man es sich längere Zeit vorstellte (vgl. NR 5/2014, S. 235). Jedenfalls ist das vorliegende Buch eine gewiss lesenswerte Darstellung nicht nur des Lebens und schicksalhaften Wirkens einer in vieler Hinsicht außergewöhnlichen Einzelperson, sondern auch einer sehr interessanten Epoche der Wissenschaftsgeschichte und ihren vielfältigen Bezügen zum „Zeitgeist“ – mit seiner Merk- und Fragwürdigkeit. Das Buch ist eine gelungene Anregung zur Beschäftigung mit Wissenschaftsgeschichte und ihrem breiten geistesgeschichtlichen Fundament, das sie ihrerseits entscheidend formt und mitträgt.

Prof. Dr. Franz M. Wuketits, Wien.

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Lotte Burkhardt:
Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen. Eine botanische - historische - biographische Recherche zu Widmungen in den Pflanzengattungen.

In vielen botanischen Werken ist die ehrende Namensgebung von Pflanzen nach Personen oft nur ein Nebenaspekt und wird in der Regel nur unzureichend erklärt. Dabei unterstreicht diese Form der Würdigung einen wesentlichen Aspekt der beschreibenden Wissenschaften, der darin liegt, dauerhafte Grundlagen zu schaffen, so dass die namentlich Geehrten eine gewisse „Unsterblichkeit“ erlangen. Die vorliegende Publikation enthält in alphabetischen Listen über 14 000 einzelne Einträge zu Gattungseponymen (Eponym nach griech. epi = nach, ónoma = Name) rezenter und fossiler Gefäßpflanzen, Moose, Pilze, Flechten und Algen, die derzeit über den Index Nomicum Genericorum Plantarum (ING) und/oder den dort aufgeführten Indices (IPNI, ING, Tropicos) sowie im Index Fungorum und Index Nominum Algarum zu finden sind. Verzeichnet sind nicht nur akzeptierte Gattungsnamen, sondern auch Synonyme (ohne Anspruch auf Vollständigkeit), außerdem nicht nur Gattungsnamen, die tatsächliche Personen ehren, sondern auch solche, die sich auf mythologische Gestalten und Romanfiguren beziehen. Zur Unterscheidung von diesen „echten“ Eponymen wurden z. T. auch gleichlautende, aber nach Orten, eponymisch benannten Gegenden oder nach einheimischen Trivialnamen benannte Pflanzengattungen aufgenommen. Zu den Personen gibt es Kurzbiographien, Verweise auf Beziehungen zu anderen in den Listen aufgeführten Personen, Angaben zu weiteren Ehrungen in der Botanik, zur Widmungs-Literatur, gegebenenfalls auch erläuternde Hinweise zur Pflanze, zum Geehrten, botanischen Autor, manchmal auch zu weiteren, mitunter anekdotischen Aspekten. Abgeklärte eponymische Benennungen (schwarz) sind von den noch offenen (grau) abgegrenzt – auch hierin zeigt sich die Sorgfalt, mit der hier zu Werke gegangen wurde.
Der Publikation ist die Freude der Autorin anzumerken, die mit dem Verzeichnis Altes lebendig gemacht hat, getreu dem Motto aller auf dem eponymischen Gebiet Forschenden: Eifrigst durchstöbern sie früh bis spät / vermoderte Folianten / nach denen schon längst kein Hahn mehr kräht / die kaum vom Hören sie kannten / sie suchen Autoren der Vorweltzeit / verschollene Pflanzennamen / die werden von Staub und Moder befreit / gefügt in neue Rahmen. Dass sie einen neuen, lebendigen Rahmen geschaffen hat, steht außer Frage. Für Liebhaber der Botanik ist das in elektronischer Version allgemein zugängliche Werk eine wahre Fundgrube. [Informationen: https://www.bgbm.org/de/other-publications/verzeichnis-eponymischer-pflanzennamen ]

 Rd.

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