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Buch-Tipps & Buchbesprechungen |
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Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried
Rosendahl:
Altsteinzeit von A-Z.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2011. 415 S., 401
Abb., € 79,90/sFr. 116,-
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Jan Zrzavý, David Storch, Stanislav Mihulka:
Evolution: Ein Lese-Lehrbuch. Deutsche Ausgabe her-
ausgegeben von Hynek Burda und Sabine Begall. Spektrum Akademischer
Verlag. Heidelberg 2009. 493 S., € 39,95 /sFr. 62,–ISBN
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Dirk Eidemüller:
Das nukleare Zeitalter
Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung.
S. Hirzel Verlag. Stuttgart 2012. 184 S., 27 Abb., 4 Tab., €
19,80/sFr. 27,70
ISBN
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T. Andratscheke, A.
Eichler, Landesmuseum Hannover (Hrsg.): Im Reich der Tiere.
Streifzüge durch Kunst und Natur. Wienand Verlag. Köln 2012. 384 S.,
Abb., € 39,80/sFr. 53,90ISBN
978-3-86832-105-0
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I. Birmelin: Von wegen
Spatzenhirn! Die erstaunlichen Fähigkeiten der Vögel. Kosmos Verlag.
Stuttgart 2012. 204 S., 45 Abb., € 19,95/sFr. 28,50
ISBN 3-440-13022-3
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M. Dannenberg, A. Duracak, M.
Hafner, S. Kitzing: Energien der Zukunft. Sonne, Wind, Wasser, Biomasse,
Geothermie. Primus Verlag. Darmstadt 2012. ca. 184 S., 114 Abb., 54
Tab., € 39,90
ISBN 3-86312-322-0
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C. Frank: Neutrino.
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 2012. 256 S., 11 Abb., € 19,95
/sFr. 25,-
ISBN 3-8274-2940-4
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O. Hegg, U. Schaffner: 80 Jahre
experimentelle Ökosystemforschung auf der Schynigen Platte im Berner
Oberland. Bristol-Schriftenreihe 31. Haupt Verlag. Bern 2012. 108 S., 65
Abb., 8 Tab., € 34,90/sFr. 36,-ISBN 3-258-07720-7
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U. Kilian, R. Aschemeier: Das
große Buch vom Licht. Primus Verlag. Darmstadt 2012. 176 S., 139 Abb.,
Einführungspreis bis 31.01.2013 € 34,90ISBN
3-86312-300-X
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R. Knippers: Eine kurze
Geschichte der Genetik. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 2012.
366 S., 58 Abb., € 24,95/sFr. 39,90ISBN
3-8274-2913-7
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A. Lange: Darwins Erbe im
Umbau. Die Säulen der Erweiterten Synthetischen Evolutionstheorie.
Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2012. Broschur. Ca. 440 S., ca. €
69,-/sFr. 82,45
ISBN 3-8260-4813-X
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R. Rausch, C. Schüth, T.
Himmelsbach (Hrsg.): Hydrogeology of Arid Environments. In englischer
Sprache. Borntraeger Science Publishers. Stuttgart 2012. I-X, 283 S. Abb.,
Tab., € 49.90ISBN 3-443-01070-9
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M. Stocker, S. Meyer: Wildtiere. Hausfreunde und Störenfriede. Haupt
Verlag. Bern 2012. 352 S., 700 Abb., € 29,90/sFr. 39,90ISBN
3-258-07664-2
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H. Zankl: Wissenschaft im Kreuzverhör. 25 spektakuläre Fälle von
Galilei bis Guttenberg. Primus Verlag. Darmstadt 2012. 172 S., € 19,90/sFr.
32,90ISBN 3-86312-325-5
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Buchbesprechungen |
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Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried
Rosendahl:
Altsteinzeit von A-Z.
Es bedarf einigen Mutes, in Zeiten der vielfältigen und bequemen
Recherchemöglichkeiten, die das Internet bietet, noch ein
Nachschlagewerk in gedruckter Form herauszugeben. Die erklärte
Absicht der Autoren ist, dem Leser zu helfen, sich abseits der Flut
von Informationen aus dem Internet und deren nicht immer
überprüfbaren Herkünften mit Begriffen der urgeschichtlichen
Archäologie und einiger Nachbarwissenschaften wie Geologie,
Paläontologie und Geographie vertraut zu machen. Dieses
Nachschlagewerk zu Begriffen der Altsteinzeit deckt die älteste und
längste Epoche der Kulturgeschichte des Menschen ab, also die
Zeitspanne von den ältesten, ca. 2,6 Millionen Jahre alten bekanten
Steinwerkzeugen bis vor etwa 11 000 Jahren, dem Ende der letzten
Eiszeit. Das Stichwortverzeichnis enthält neben den üblichen
Begriffen aus der Urgeschichte und ihren engeren
naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen auch einige Begriffe der
allgemeinen Kulturanthropologie, deren Verwendung in der Literatur
recht uneinheitlich ist. Diese Begriffe sollen in besonders
gekennzeichneten Texten erläutert oder diskutiert werden. Die
Autoren meinen damit wohl die grau hinterlegten oder schattierten
Begriffe.
Über die Definition einiger Stichwörter herrscht auch unter
Fachleuten keine Übereinstimmung. Sie sind dann entsprechend dem
Verständnis und der persönlichen wissenschaftlichen Einsicht der
Autoren definiert worden. Dies liegt in der Natur der Sache und ist
bei rekonstruierenden Altertumswissenschaften mit meist sehr
lückenhafter Quellenlage unvermeidbar. Der überwiegende Teil der
Abbildungen, durchweg Schwarz-Weiß-Strichzeichnungen und Diagramme,
wurde um der einheitlichen Darstellung willen von den Autoren nach
Originalen oder nach schon publizierten Vorlagen selbst gezeichnet.
Im Anhang werden die Methoden der Darstellung der gezeichneten
Artefakte erläutert. Davor befindet sich eine Tabelle mit einer
vereinfachten Gliederung des Quartärs mit Subepochen, Kulturstufen,
Sauerstoffisotopen-Stufen (OIS), den absoluten Altern und einer
Temperaturkurve. Die Abkürzung OIS (oxygen isotope stage) wird
nirgendwo erklärt. Auf zwei Seiten listen die Autoren Vorschläge für
weiterführende Literatur auf. Am Ende schlagen die Autoren auf drei
Seiten eine Auswahl von Museen aus Deutschland, Österreich und der
Schweiz mit wichtigen Schausammlungen zum Thema Altsteinzeit,
basierend auf einer Homepagerecherche im März 2010, vor. Im
dreiseitigen Abbildungsnachweis findet der Leser auch noch einige
interessante Titel als weiterführende Literatur.
Die Autoren wollen mit ihrem Werk Studierende und alle der
Urgeschichte Interessierte sowie Fachleute benachbarter Disziplinen,
die mit der Entwicklung des Menschen und seiner Kultur zu tun haben,
erreichen.
Die Auswahl der Stichworte ist natürlich immer subjektiv, dennoch
haben Begriffe aus der Mittelsteinzeit (z.B. Maglemose-Kultur) in
einem Nachschlagewerk zur Altsteinzeit nichts zu suchen. Die grau
hinterlegten Begriffe sind nicht nur Stichwörter aus der allgemeinen
Kulturanthropologie. Eine Kategorie für die heterogene Ansammlung
von grau hinterlegten Begriffen ist nicht erkennbar.
Angesichts des relativ hohen Preises, der mit der geringen Auflage
zusammenhängen dürfte, weicht man am Ende doch lieber auf das
Internet aus, zumal auch die Inhalte von Büchern kritisch zu lesen
sind. Das Buch ist für die angestrebte Zielgruppe relevant. Diese
dürfte kritikfähig genug sein um die Spreu vom Weizen zu trennen.
Für den interessierten Laien sind viele Begriffe zu speziell.
Dr. Reinhard Ziegler, Stuttgart
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Jan Zrzavý, David Storch, Stanislav Mihulka:
Evolution. Ein Lese-Lehrbuch.
Bei diesem Lese- und Lehrbuch handelt es sich um
eine der erfreulichsten Neuerscheinungen über Evolution. Die Auswahl
ist souverän, die Darstellung originell, auch in Nuancen treffend,
gedankenreich, und die Themenkreise sind an vielen intelligent
aufbereiteten Beispielen abwägend erläutert. Die Autoren kennen die
Literatur und greifen die entscheidenden Fragen der
Evolutionsbiologie auf. Wohl kaum sonst findet man eine derartige
Fülle an Theorien, verschiedensten Phänomenen und gut untersuchten
Fallbeispielen in einem Buch vereint. Und dies in einem entspannten
Stil mit einfacher und zugleich präziser Ausdrucksweise sowie
einprägsamen Formulierungen und Vergleichen, in manchen Passagen
bewusst etwas salopp und in der Darstellung bestimmter Konzepte mit
einer wohltuenden Skepsis.
Man kann es als ein Buch der drei Geschwindigkeiten bezeichnen. Der
eilige Leser mit Vorkenntnissen mag sich mit den Kernsätzen auf der
breiten Randspalte begnügen, die eine Kurzfassung des Textes
darstellen und sich daher auch gut zum Repetieren eignen. Wer in den
Stoff hineinkommen möchte, liest den Text. Nähere Erläuterungen und
Zusatzinformationen bieten schließlich 131 Textboxen. Nach einer
ausführlichen, natürlich auch geschichtlichen Einleitung ist der
Stoff in die Abschnitte Selektion, Phylogenese, evolutionäre
Neuheiten, Adaptation und Vielfalt gegliedert und schließt mit
Epilogen, wobei jedem Kapitel auf den Inhalt hinführende und
neugierig machende Fragen vorangestellt sind und jedes mit einer
Reihe von Fragen zur eigenen Überprüfung abschließt (manche davon
allerdings eher merkwürdig). Eingestreut sind 59 Kurzbiographien von
Evolutionsbiologen mit treffenden Charakterisierungen und Hinweisen
zur wissenschaftlichen Bedeutung. Ungewöhnlich ist dabei – wie im
gesamten Buch – der Verzicht auf Photos. In den farbigen
Porträtzeichnungen ist allerdings die Augenpartie nicht immer
gelungen.
Evolution wird als „Entwicklung eines Systems mit Gedächtnis"
definiert, womit dieser Begriff auf die Lebewelt beschränkt wird und
chemische oder kosmische Entwicklung ausschließt. Sie wird als
zielloses „Spiel" verstanden, bei dem es allein darum geht, durch
Lösung momentaner Probleme weiterhin im Spiel zu bleiben. Neben der
Methode der Phylogenese-Rekonstruktion und der Aussagekraft von
Stammbäumen werden sogenannte Evolutionsmechanismen,
Verhaltensstrategien – einschließlich der Manipulation von Wirten
durch ihre Parasiten – und der Ansatz von „Evo-Devo" vorrangig
behandelt. Durch Einbeziehung des Menschen und seines Verhaltens in
den Vergleich gelingen immer wieder überraschende Seitenblicke.
Stets wird deutlich, wie viel an Erkenntnissen in den letzten 40
Jahren hinzu gekommen ist und was sich an der allenthalben als
„Anpassung an Umweltbedingungen" unterrichteten Evolutionstheorie
z.B. durch Komponenten der Spieltheorie, Betonung biotischer
Wechselwirkungen oder „Konkurrenz" zwischen Allelen in der
Ontogenese geändert hat. Zugleich begreift man, wie weit wir im
Einzelfall von einem wirklichen Evolutionsverständnis entfernt sind.
Es ist nicht das erste Buch, das angesichts der evolutionsbiologisch
unverstandenen Muster auf marinen Schneckenschalen am Schluss Adolf
Portmanns Sichtweise anklingen lässt. Die an mehreren Stellen
geführte detaillierte Auseinandersetzung mit kreationistischem
Gedankengut dürfte sich an verunsicherte Zeitgenossen richten, aber
wohl kaum an die keinem Argument zugänglichen Kreationisten selbst,
denen es nicht um Erkenntnis, sondern um politisch-ideologische
Ziele geht.
Die Autoren greifen besonders auch populäre „Erklärungen" auf. Von
Alltagserfahrungen ausgehend nehmen sie den Leser mit und führen
geschickt in eine wissenschaftliche Fragestellung ein, klären dann
die Probleme oder diskutieren verschiedene Hypothesen mit Argumenten
dafür und Einwänden dagegen, regen zum Weiterdenken an und lassen
Fragen an zukünftige Forschung offen. Sätze wie „vielleicht trifft
diese Vermutung nicht zu" oder „man kann das auch anders sehen"
machen deutlich, dass sich unter Würdigung der gleichen Faktenlage
verschiedene Sichtweisen vertreten lassen. Die Autoren scheuen auch
nicht die Diskussion einer Hypothese, die „wilde Spekulation ist,
deren Sinn darin besteht zu illustrieren, wie wenig wir eigentlich
wissen" (S. 411). Dabei finden sich mutige Bekenntnisse zu in der
Fachdiskussion befindlichen Auffassungen, und manch unerwarteter
Zusammenhang wird hergestellt. Immer noch verbreitete
Fehleinschätzungen werden ausgeräumt, z. B. dass Fossilien wichtig
zur Stammbaum-Rekonstruktion seien oder „Stämme" (gemeint sind
hochrangige Taxa) nur im Kambrium entstanden, während allerdings
weiterhin von „kambrischer Explosion" als einem „Evolutionsereignis"
gesprochen wird. Der so naheliegende Glaube an einen zweckmäßigen
Bau der Organismen wird relativiert. Kategoriale Bezeichnungen wie
„Familie", „Ordnung", „Stamm" sind stets in Anführungszeichen
gesetzt, wenn das jeweilige Taxon gemeint ist. Der lange
Giraffenhals, der immer wieder zur Erläuterung von Lamarckismus
gegenüber Darwinismus herhalten muss, wird statt als Anpassung an
das Äsen in Baumkronen als Ergebnis sexueller Selektion erklärt (S.
295).
Löblich ist die öfter geäußerte Zurückhaltung gegenüber heutigen
Erklärungen („falls dem tatsächlich so ist"; „an all das zu glauben,
ist schwer") und die generelle Warnung: „Die Natur ist ... so reich
und vielfältig, dass wir für jede Theorie ein bestätigendes Beispiel
finden..." (S. 384). Jeder Begriff und jedes Phänomen werden gut
erklärt, naheliegende Verwechslungsmöglichkeiten angesprochen. Ein
Glossar fehlt nicht. Die künstlerischen Zeichnungen (von Jan Burda)
sind instruktiv und sehr ansprechend (bis auf die Kreuzschnäbel, S.
393). Sie sind auch auf DVD erhältlich. Das ausführliche
Literatur-Verzeichnis ist nach Kapiteln getrennt. Im Text allerdings
vermisst man entsprechende Hinweise. Es gibt sorgfältig erstellte
Register. Wenn immer ich einen Begriff im Sachindex überprüfte, war
er vorhanden. Die Ordnung des Index der Organismen nach Großgruppen
wie Ecdysozoa, Lophotrochozoa, basale Craniota etc. erscheint
allerdings nicht benutzerfreundlich.
Natürlich gäbe es an bestimmten Details, einigen Formulierungen und
bei der Verwendung mancher Begriffe etwas zu bekritteln. Manche
Abschnitte sind didaktisch weniger geschickt oder mit unklaren
Konzepten belastet (Kapitel 6.10.–15.). Für verschiedene allgemein
geschilderte Beispiele (z.B. über Parasiten) hätte man gern die
konkret sich dahinter verborgenen Arten erfahren. Auch fehlen im
Text Verweise auf die jeweiligen Quellen. Etwa dafür, dass man
entgegen allen Aussagen in der Literatur liest, die Giraffe habe
(anders als das Okapi) den ersten Brustwirbel in einen 8. Halswirbel
transformiert. An eine merkwürdige Definition des Organismus als
einer „Koalition von Genen, die gemeinsam in die nächste Generation
übertragen werden" (S. 141) halten sich die Autoren selber nicht.
Bei der Erörterung von Speziation wäre eine Verwendung des Begriffs
„Separation" hilfreich gewesen. Erneut wird bei der Isolation der
Arten das Schlüssel-Schloss-Prinzip nicht passender
Genitalstrukturen vorgetragen, auch wenn eingeschränkt wird, dass
„kein einziger Fall bekannt ist, wo zwei Arten wirklich nur
mechanisch isoliert wären" (S. 371). Indem die Umwandlung einer Art
in eine andere vertreten wird (S. 395) gerät das Ende einer solchen
„Chronospezies" trotz Weiterlebens der Linie unter den Begriff des
„Aussterbens", um dem später (S. 420) insofern zu widersprechen,
dass eine Art nur „aus der fossilen Überlieferung verschwunden ist,
ohne dass tatsächlich etwas ausgestorben wäre". In der Literatur
gibt es dafür den Begriff „Pseudoextinktion". Teilweise
widersprüchlich sind Aussagen über die ökologische Nische, doch
obsiegt die „räumliche Vorstellung" einer durch die ökologischen
Gegebenheiten vorgegebenen „Nische", die von einer Art genutzt
werden kann oder auch nicht. Zwar wird die Sicht von Richard
Lewontin zitiert, dass Nischen von den Organismen „geschaffen
werden" (S. 340), dann jedoch (S. 392–394) von der „Existenz leerer
Nischen" gesprochen, die von den Arten „gefunden und ausgefüllt
werden". Eher zufällig entstandene Arten „suchen erst dann ihren
ökologischen Platz" innerhalb einer Lebensgemeinschaft. Wer den
Blick dafür öffnet, auf welch unvorhersehbare Weise sich
verschiedene Organismen lebensnotwendige Ressourcen verschaffen, der
muss ein solches Konzept vorgegebener und nur noch zu besetzender
Nischen zurückweisen.
Durchgehend im Text sind Beispiele aus der Pflanzenwelt
stiefmütterlich behandelt. Hier finden sich auch sonst seltene
Druckfehler (bei Antirrhinum in Bildunterschrift Abb. 4.17 und
Tragopogon bei Abb. 6.6). Unvermeidlich haben sich einige sachliche
Fehler eingeschlichen. Haeckel und Weismann sind im selben Jahr
(1834) geboren (Abb. 1.7). In der Art des Kopfkratzens (direkt, vorn
herum, oder über den Flügel hinweg) wurden Papageien und Singvögel
(fast ausschließlich hinten herum) vertauscht (S. 318).
Zwillingsarten sind nicht in jedem Fall Schwesterarten (S. 448). Die
Verbreitung der Onychophoren (S. 4) ist nur ganz bruchstückartig
abgebildet. In der Diskussion über die brutparasitischen Witwenvögel
stimmen die Voraussetzungen nicht, denn bei einer fremden Wirtsart
würde ein (im Sperrrachen u.a. abweichender) Nestling gar nicht
aufgezogen (S. 375). Unverständlich ist, warum (wie in so vielen
Büchern) Haeckels Illustrationen von Wirbeltier-Embryonen erneut
abgebildet werden (S. 269), wenn zugleich mit Recht betont wird,
dass sie inkorrekt sind (der Hühnchen-Embryo ist eindeutig falsch).
Von solchen Einschränkungen und Einwänden abgesehen bin ich voll des
Lobes. Die Autoren lassen die Spannung spüren, die darin liegt, die
Welt mit den Augen des Evolutionsbiologen zu sehen. Vieles konnte
ich hier auffrischen, etliches hinzu lernen und manches regte das
Weiterdenken an. Ich werde dieses Buch noch oft zur Hand nehmen. Ihm
ist eine große Leserschaft zu wünschen.
Prof. Dr. Walter Sudhaus, Berlin
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Dirk Eidemüller:
Das nukleare Zeitalter. Von der Kernspaltung bis zur
Entsorgung.
Jedermann scheint zu verstehen, dass über die Verbrennung von Gas, Öl oder
Kohle Dampf erzeugt werden kann, der sich zur Elektrizitätsproduktion nutzen
lässt, oder dass schnell fließendes Wasser Turbogeneratoren antreibt. Aber
wie soll man einem Laien erklären, dass mit dem Isotop 235U angereichertes
Uran unter Neutronenemission und Energieabgabe zu Dutzenden von
Spaltprodukten zerfällt, wobei die Kettenreaktion mit Cadmiumstäben über die
verzögerten Neutronen kontrolliert wird, damit die Gesamt-Kritikalität bei
eins bleibt? Eines der Grundprobleme der Kernenergie ist eben, dass sie auf
schwieriger Physik kombiniert mit viel Chemie basiert. Das durch
Oxidationsreaktionen zustandekommende Feuer beherrschen wir Menschen seit
Jahrtausenden, es gehört zur Kultur. Doch die im Atomkern gespeicherte
Energie begannen wir erst Ende des 19. Jahrhunderts zu verstehen und Mitte
der 1940er Jahre zu beherrschen. Es war kein Fortschritt im hergebrachten
Sinn, vielmehr wurden völlig neue Horizonte erschlossen. Tatsächlich ist die
Bindungsenergie im Atomkern rund eine Million Mal größer als chemische
Bindungsenergie. In einem Kilogramm Uran ist nahezu gleich viel Energie
gespeichert wie in 3000 Tonnen Kohle; für manchen ist das beängstigend.
Das Buch des Kern- und Teilchenphysikers Dirk Eidemüller zeigt einmal mehr,
dass die Grundlagen der Kernphysik und ihre Anwendungen bei der
Energieerzeugung allgemeinverständlich dargestellt werden können, doch
einfacher wird der Stoff damit leider nicht. Ohne naturwissenschaftliches
Grundwissen und erhebliche Anstrengungen lässt sich Information über
Kernenergie nicht einverleiben. So kommt es, dass ein signifikanter Teil der
Menschheit gegenüber der Kernenergie skeptisch bis ablehnend eingestellt
ist, vor allem, weil man sie nicht versteht und nicht verstehen kann. Im
deutschsprachigen Raum (und nur dort) ist sie sogar zum „roten Tuch"
geworden: Nach Fukushima konnte man nicht schnell genug aussteigen, die
„terribles simplificateurs" hatten ein leichtes Spiel.
Paradox ist, dass man in technisch hochentwickelten Ländern auf die dort mit
höchster Sicherheitskultur beherrschte Kernenergie verzichtet, während sie
in Schwellenländern und sogar in der Dritten Welt rasch ausgebaut wird. Im
Iran demonstrieren regelmäßig Zehntausende für die Kernenergie! Merkwürdig
ist auch die Tatsache, dass es genügt, den Rhein nach Westen zu überqueren,
um ein Land zu finden, wo Kernkraftwerke gut drei Viertel des
Elektrizitätsbedarfs decken und wo die Gemeinden um Standorte für nukleare
Installationen wetteifern. Diese interessanten Phänomene werden in dem stark
auf das weltweit untypische Deutschland ausgerichteten Buch nur ganz am Rand
erwähnt.
Weil er auf knappem Raum so viel Information vermitteln wollte,
konzentrierte sich der Autor im geschichtlichen Teil folgerichtig auf die
Kernspaltung mit Otto Hahn, Friedrich Straßmann, Lise Meitner, Otto Robert
Frisch und den ungarischen Genies Leo Szilard, Eugene Wigner, John von
Neumann und Edward Teller. Dann taucht man gleich in die Kernphysik ein, um
die Funktionsweise der verschiedenen Reaktortypen anschaulich und ohne
unzulässige Vereinfachungen verstehen zu können. Dass die mit Schwerwasser
moderierten Natururan-Reaktoren in Eidemüllers Optik sehr selten sind, ist
allerdings eine Untertreibung. Immerhin gibt es davon 47 Stück, was 11
Prozent des weltweiten Kernkraftwerkparks entspricht.
Die gesellschaftlichen Konfliktfelder der Kernenergie werden in der zweite
Hälfte des Buches akribisch behandelt, angefangen mit dem Uranabbau über die
Proliferation bis zur militärische Nukleartechnik: Dieser Exkurs war
notwendig, um die grundlegenden Unterschiede zwischen Bombe und Reaktor klar
zu machen. Der beste Teil ist eindeutig das Kapitel über Störfälle und
Katastrophen (unter Einschluss von Fukushima). Sie werden lückenlos und mit
einer Fülle wenig bekannter Einzelheiten beschrieben, insbesondere im Fall
von Kytchym in der damaligen UdSSR. Man liest diese Seiten mit großer
Faszination, denn es geht alles wie in einer klassisch-griechischen
Tragödie. Man kennt das Ende, doch ist es so unwahrscheinlich, dass man es
nicht glauben kann – bis alles dann doch so herauskommt, wie angekündigt.
Allzu pessimistisch ist der Autor in Bezug auf die Endlagerung
hochradioaktiver Abfälle aus abgebrannten Brennelementen, wobei er dem rein
theoretischen Konzept des Transmutationsreaktors wohl zu viel Bedeutung
beimisst. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass solche völlig unerprobte
Reaktoren, die langlebige Isotope in kurzlebige umwandeln sollen, je gebaut
werden. Denn es wird sich kein Land finden, das die dazu erforderlichen
Milliarden und Jahrzehnte zu investieren bereit wäre. Und auch die als
Alternative erwähnte Versenkung im flüssigen Teil des Erdmantels klingt
extrem utopisch, sie ist – wenn überhaupt – in diesem Jahrhundert kaum zu
verwirklichen. Durchaus zu verantworten ist andererseits die Lagerung in
Formationen von Tonmineralien viele Hundert Meter unter Tag, die seit über
100 Millionen Jahren völlig ungestört geblieben sind.
Dr. Lucien F. Trueb, Ebmatingen-Zürich
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