Buch-Tipps & Buchbesprechungen

     

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Konrad Kleinknecht:
Risiko Energiewende – Wege aus der Sackgasse.
Springer Spektrum. Berlin Heidelberg 2015. 251 S., 27 Abb. € 19,99/sFr. 21,50
 

ISBN 978-3662468876

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Marc-Denis Weitze, Wolfgang M. Heckl:
Wissenschaftskommunikation: Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele.
Springer Spektrum. Berlin, Heidelberg 2016. IX , 303 S., 11 Abb., 2 Tab., € 14,99/sFr. 19,90

 

ISBN 978-3662478424

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Jean-Henri Fabre:
Erinnerungen eines Insektenforschers. Band VII.
Matthes & Seitz. Berlin 2015. 354 S., 25 Abb., € 36,90/sFr. 46,90
 

ISBN 978-3882216776

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Joachim Holstein (Hrsg.):
Insects of Kakamega Forest.
A Field Guide to insects and allies of the Kakamega Forest National Reserve.
BIOTA Field Guide. Stuttgart 2015. 292 S. 35,- €, Bezug beim Herausgeber: jholstein@gmx.de.
 

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S. Dech, R. Messner, N. Sparwasser:
m4 Mountains – Die vierte Dimension.
Malik Verlag. München 2016. 240 S., Abb., € 50,-/sFr. 68,-

 

ISBN 978-3-89029-472-89

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Deutsche Meteorologische Gesellschaft, DMG (Hrsg.): Meteorologischer Kalender. Wandkalender mit Kurzbeiträgen zum Thema „Gewitter“ (deutsch/englisch). Borntraeger Science Publishers. Stuttgart 2016. € 19,90/sFr. 28,40
 

ISBN 978-3-443-01085-0

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H. Gaab, P. Leich (Hrsg.): Simon Marius und seine Forschung. Acta Historica Astronomiae, Vol 57. AVA – Akademische Verlagsanstalt. Leipzig 2016. 481 S., € 34,-/sFr. 44,40
 

ISBN 978-3-944913-49-0

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F. Herrmann: FAIRreisen. Das Handbuch für alle, die umweltbewusst unterwegs sein wollen. Oekom Verlag. München 2016. 328 S., € 19,95/sFr. 28,90
 

ISBN 978-3865818089

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H. und M. Hintermeier: Hecken & Feldgehölze. Lebensraum für Pflanzen und Tiere im Garten und in der Landschaft. Verlag Delp. Bad Winsheim 2016. 276 S., € 18,-/sFr. 23,90

ISBN 978-3768903028

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B. P. Kremer, K. Richarz: Was alles hinter Namen steckt … Teufelszwirn und Beutelteufel – kuriose, merkwürdige und erklärungsbedürftige Namen unserer Lebewesen. Springer Verlag. Berlin, Heidelberg 2016. 288 S., 121 Abb., € 12,99/sFr. 16,90
 

ISBN 978-3662495698

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Buchbesprechungen

   

 

Konrad Kleinknecht:
Risiko Energiewende – Wege aus der Sackgasse.

Die wissenschaftliche Karriere des in Fachkreisen gut bekannten und mit wichtigen Preisen geehrten Physikers Konrad Kleinknecht verlief in Heidelberg, Dortmund, Harvard, Mainz und München. Wohl aufgrund seiner langen Erfahrung in der Lehre versteht er es meisterhaft, schwierige Probleme allgemeinverständlich darzustellen. Das vorliegende Buch ist wohl das Beste und Ausgewogenste, was bisher zum Thema der Energiewende in Deutschland geschrieben wurde. Dabei geizt der Autor nicht mit Kritik an zahlreichen Missständen der sogenannten Energiewende, die im Sinne der politischen Korrektheit häufig unter den Teppich gekehrt werden, aber verheerende Folgen haben können. Vor allem im Ausland wundert man sich, wie Bundeskanzlerin Merkel den überstürzten und objektiv gesehen völlig ungerechtfertigten Entschluss fassen konnte, innerhalb von zehn Jahren die weltweit sichersten und mit deutschem Perfektionismus betriebenen Kernkraftwerke per Gesetz abzuschalten, also de facto zu enteignen.
Kleinknechts Buch umfasst sieben Kapitel, die über grundlegend wichtige, energiebezogene Themen kurz und prägnant informieren: Fossile Energiequellen (Kohle, Erdgas, Erdöl) und ihr Einsatz in Kraftwerken, sowie die „neuen“ Energien Wasserkraft, Windkraft, Biomasse, Solarthermie, Photovoltaik, Bioethanol und Bio­diesel. Dabei ist eigentlich nur die großtechnische Photovoltaik wirklich neu, denn sie entstand als „Nebenprodukt“ der Halbleitertechnik. Im Detail dargestellt werden die deutsche Energiewende und die sie ermöglichenden Gesetze, insbesondere die Rolle der sog. Ethikkommission. Die „neuen Energien“ bergen auch neue Risiken, wobei die Konsequenzen sehr realistisch dargestellt werden, insbesondere ein längeres Blackout, das unsere technische Zivilisation zu Chaos und Zusammenbruch führen könnte. Schließlich macht der Autor gute Miene zum bösen Spiel und beantwortet seine eigene Frage „Was nun?“ mit einer Reihe nicht grundsätzlich neuer, aber realistischer Vorschläge zur Energiewende, deren Implementierung aus politischen und ideologischen Gründen allerdings kaum oder gar nicht vorwärts kommt.
Kritisiert können an Kleinknechts Buch lediglich die Unterlassungen. So wäre es für den Leser höchst interessant gewesen, auch etwas über die Hintergründe der Fukushima-Katastrophe zu lesen. Denn die Tokyo Electric Power (Tepco) war wiederholt vor der akuten Tsunami-Gefahr unmittelbar vor ihrem Nuklearpark an der Küste gewarnt worden. Und mancher Experte konnte es nicht verstehen, weshalb die Notstromgeneratoren auf ebener Erde plaziert waren, wo sie von einer Flutwelle sofort zerstört werden mussten – was denn auch tatsächlich geschah. Warum nichts unternommen wurde, reflektiert die japanische Mentalität: Hätte man den ozeanseitigen Schutzwall überhöht und die Notstromgeneratoren auf dem Dach installiert, wäre die Bevölkerung nur beunruhigt und den Kritikern nur bewiesen worden, dass eine nicht ideale Lage in Kauf genommen wurde! Das musste um jeden Preis verhindert werden – ein astronomisch hoher Preis, wie wir heute wissen.
Schade, dass der Autor auch kaum über die Grenzen Deutschlands hinausschaut, mit Ausnahme der neuen Großmächte China und Indien, die beide mit hoher Priorität Kernkraftwerke bauen. Kaum gestreift wird die traurige Tatsache, dass die durch massive Förderung von Windkraft und Photovoltaik extrem verbilligte deutsche Elektrizität die einst florierenden, Wasserkraft produzierenden Energieversorgungsunternehmen in der Schweiz und in Österreich zu demütigen Subventionsbettlern machte. Der neueste Trend ist nun, die umweltfreundliche, nach ihrem Ausbau über Jahrzehnte weitgehend CO2-freie, aber unrentabel gewordene Wasserkraft aufzugeben und sich den subventionierten Erneuerbaren zuzuwenden.

Dr. Lucien F. Trueb, Ebmatingen-Zürich

 

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Marc-Denis Weitze, Wolfgang M. Heckl:
Wissenschaftskommunikation:
Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele.

Viel gibt es an Publikationen zum Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, dargestellt vor allem zur Vermittlung durch die Massenmedien. Verwiesen sei auf all das, was Walter Hömberg, Beatrice Dernbach, Hans-Peter Peters, Hans Matthias Kepplinger, Matthias Kohring, Manfred Rühl, Winfried Göpfert und andere dazu als Kommunikationsforscher beigetragen haben.
Nun liegt ein weiteres Buch vor, das von Marc-Denis Weitze und Wolfgang M. Heckl mit dem Thema „Wissenschaftskommunikation. Schlüsselideen, Akteure, Fallbeispiele“. Dieser Titel und diese Autoren stehen für zweierlei: Offenbar geht es erstens um eine eher anwendungsbezogene Darstellung; zweitens sind Weitze und Heckl weder Medienwissenschaftler noch Fachjournalisten. Heckl ist vielmehr Generaldirektor des Deutschen Museums, während Weitze in der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) den Bereich Technikkommunikation leitet.
Das Buch der beiden ist übersichtlich gegliedert. Es beginnt mit einer „kurzen Geschichte der Wissenschaftskommunikation“, stellt etliche nützliche Schüsselideen vor, sodann Ansätze und Akteure, schließlich Fallbeispiele aus fünf Gebieten. Es endet mit einem Epilog zu aktuellen Herausforderungen und Zielen. Zum Schluss gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein knappes Sachregister. Zwischendurch lockern Karikaturen und Infokästen den Text auf.
Ziel ist es offenkundig, sowohl allgemein in das Thema einzuführen und die Strukturen der Wissenschaftskommunikation näherzubringen wie auch jenen mehr darüber zu sagen, die sich beruflich damit befassen (oder befassen sollten). Eine Gebrauchsanweisung, wie man Beiträge für Laienmedien schreibt, wie man Vorträge hält und Journalisten Interviews gibt, will das Buch nicht sein. Eher stehen nur scheinbar simple Fragen im Zentrum: Was geschieht, wenn Forscher kommunizieren? Wer tut da was, warum, wie, gegenüber wem?
Das liest sich über weite Strecken recht gut. Schon der Auftakt gefällt: Weitze und Heckl zeichnen auf 21 Seiten nach, wie sich dieses Feld historisch entwickelt hat. Das ist deshalb bemerkenswert, weil viele neuere Publikationen den falschen Eindruck fördern, Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus gebe es praktisch erst seit dem Start ins Internet. Die Autoren vermerken immerhin, dass sich da schon im 18. und 19. Jahrhundert etwas rührte. Tatsächlich ist es aber so, dass Wissenschaftliches ein attraktiver und häufiger Stoff war, seit es Medien gibt, also schon vor dem 15. und 16. Jahrhundert.
Dann aber steht da dieser Satz auf Seite 2: „Sehen wir den Beginn der Wissenschaft in der Frühen Neuzeit ...“ Wie kann man auf solch einen Startpunkt kommen? Was ist da mit der Antike und den Errungenschaften der Chinesen, mit den bemerkenswerten Leistungen in Geometrie, Mathematik und Physik, in Astronomie und Optik, Kartographie und Baukunst? Und wie war das mit den Akademien? Standen nicht auch sie für Wissenschaftskommunikation?
Andererseits ist der Blick in die Gegenwart ergiebig. Die Wissensvermittlung durch Schulen, Museen, Science Center und soziale Netzwerke kommt ausführlich und anschaulich zur Sprache, kaum jedoch die klassische und immer noch wichtige interne Kommunikation etwa durch Kongresse und Fachmedien.
Bei den Fallbeispielen (Evolutionstheorie, Chemie, Nanotechnologie, Kernenergie und Gentechnik) hätten sicher auch andere Gebiete zum Zuge kommen können: die Klima- und Umweltforschung etwa, die Raumfahrt und Astronomie. Leider werden die Politik-, Sozial- und Geisteswissenschaften ganz ausgeblendet. Dabei haben Fächer wie Geschichte, Soziologie, Ethnologie und Psychologie viel beizusteuern. Nicht erst heute behandeln Medien oft Themen, die zum Beispiel Migrationsfolgen, deviantes Verhalten, Bürgerbeteiligung und Angst berühren. Erstaunlich ist, dass die Medizin, ein zentrales Terrain der Wissenschaftskommunikation, nur gestreift wird.
Nützlich wäre es gewesen, in Übersichten wenigstens knapp zu zeigen, was es an Institutionen zu diesem großen Thema gibt. Zu denken ist an die Verbände der Fachjournalisten, Hochschulpressesprecher und Museen, an die Wissenschaftspressekonferenz, an die Medienzentralen von Organisationen wie DFG und MPG sowie die Studiengänge, die in Forschung und Lehre der Wissenschaftskommunikation auf den Grund gehen. Auch die Fülle der populärwissenschaftlichen Blätter, der Wissenschafts- und Medienpreise sowie der einschlägigen Ministerien und Bundesforschungsanstalten belegt, was alles mit Wissenschaftskommunikation zu tun hat. Das geschieht sogar dank der MS Wissenschaft, eines Schiffes, das 2016/2017 Grundlegendes über Meere und Ozeane näherbringt.
Die vielen Verweise im Text wirken – vielleicht subjektiv – etwas störend. Und wenn sie sehr häufig auf US-Literatur aufmerksam machen, so fragt sich, ob diese Quellen für den deutschsprachigen Raum wirklich so hilfreich sind. Die Unterschiede zwischen den USA und hier sind nun einmal beträchtlich – im Wissenschaftssystem, im Publikationsbetrieb, in den Mediengewohnheiten. Da führt es vielleicht nicht immer weiter, auf ganz andere Usancen zu schauen. Etwas zu üppig sind die Hinweise auf Weitzes eigene Beiträge und dessen Arbeitgeber acatech in München ausgefallen. Was jemand wie Walter Hömberg geleistet hat, bleibt völlig unerwähnt. Das nützliche Kompendium Wissenschaft in den Medien präsentieren - Ein Ratgeber für die Scientific Community (Campus 2008) wurde ebenso wenig zur Kenntnis genommen.
Bedenkenswert ist diese These am Schluss des Bandes (S. 271): „Die Kluft zwischen Wissensproduzenten, -nutzern und Bürgern, die überbrückt werden soll, scheint immer weiter zu wachsen.“

Dr. Eckart Roloff, Bonn
 

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Jean-Henri Fabre:
Erinnerungen eines Insektenforschers.
Band VII

Von den Souvenirs entomologiques, die Jean-Henri Casimir Fabre (21. Dez. 1823 – 11.Okt.1915) zwischen 1879 und 1907 in zehn Bänden veröffentlicht hat, ist bisher noch keine deutsche Übersetzung des Gesamtwerks erschienen. Der Verlag Matthes & Seitz ist seit 2010 dabei, diese Lücke zu schließen (von einer zweisprachigen Gesamtausgabe, übersetzt und in Eigenedition vertrieben von Franz-Josef Wittmann, liegen inzwischen fünf Bände vor: http://www.lulu.com/spotlight/Rosenziffa). Der hier zu besprechende siebte Band enthält 25 Kapitel, in denen Fabre ungemein detailliert und einfühlsam Verhalten und Ökologie verschiedener Käfer, Schnabelkerfe, Köcherfliegen und Nachtschmetterlinge beschreibt. Fabres Sprache ist eher literarisch als nüchtern naturwissenschaftlich, nichtsdestoweniger beschreibt er unzählige Einzelheiten der Insektenwelt wissenschaftlich korrekt und genau. Durchgängig berichtet er über eigene Beobachtungen, die er sowohl im Freiland als auch in seinem bescheidenen Labor erhoben hat. Er lebte 36 Jahre lang in Sérignant-du-Comtat im Vaucluse (Südfrankreich). Daher berichtet er nicht nur über Insekten, die auch in Mitteleuropa zu beobachten sind, sondern auch von solchen, die typisch für die mediterrane Tierwelt sind.
Von den 25 Kapiteln dieses Bandes drehen sich 17 um Käfer. In einer mit Anthropomorphismen gespickten, blumigen und gefühlvollen Sprache schildert Fabre Verhalten und Erscheinungsweisen von Laufkäfern (Carabidae), Rüsselkäfern (Curculionidae), Maikäfern (Melolonthinae), Zirpkäfern (Criocerinae), Fallkäfern (Cryptocephalinae) und anderen. Von Larven der Lilien- und Spargelhähnchen (Criocerinae) und der Sackkäfer (Cryptocephalini) berichtet er Besonderheiten des Baus, der Lebensweise und des Verhaltens, die weit über das hinausgehen, was zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses siebten Bandes, ca. 1900, der Wissenschaft bekannt war. Er mokiert sich in prüder Manier darüber, dass Linnaeus dem Rotbeinigen Lilienhähnchen das Art-Epithet merdigera – kottragend – verpasst hat. Trotzdem beschreibt er in Einzelheiten, wie die Larve von Lilioceris merdigera sich aus ihrem eigenen Kot einen Schutzschild formt, den sie sich vom Anus aus nach vorn über den Rücken schiebt. Ungemein spannend ist Fabres minutiöse Schilderung des Baus des Gehäuses oder „Sackes“ bzw. „Kruges“ (wie er es nennt) durch die Larven der Clytra- und Cryptocephalus-Arten. Bei diesen und anderen Beobachtungen brachte Fabre eine unerschütterliche Geduld auf. Häufig zog sich ein Versuch über mehrere Tage hin. In seinen Schilderungen ist die Begeisterung zu spüren, die ihn erfasst haben muss, wenn es ihm gelang, eine Frage an die Natur befriedigend zu beantworten. Oft genug gelang das nicht, und dann gestand Fabre dies unumwunden ein. Immer wieder tröstete er sich und die Leserschaft mit dem Hinweis, dass ach so viele Geheimnisse der Natur wohl nie aufzuklären seien.
Fabre war zwar von der Veränderlichkeit der Arten überzeugt, stand aber der mechanistischen Evolutionstheorie Charles Darwins, die er sehr wohl kannte, skeptisch gegenüber. Seine Vorbehalte beruhten hauptsächlich auf dem – weitverbreiteten – Missverständnis die Rolle des Zufalls betreffend. Er äußert sich mehrmals fast herablassend über die angebliche Sicht der Laborwissenschaftler, die beobachtbare Vielfalt sei einzig durch Zufall entstanden. Es scheint, als habe Fabre die Rolle des differentiellen Fortpflanzungserfolgs – der Selektion – nicht wirklich verstanden. Das ändert nichts am wissenschaftlichen Wert seiner Schilderungen. Es bedeutet nur, dass wir so manche abwertende Bemerkung, die eine oder andere Einseitigkeit der Interpretation, in Kauf zu nehmen haben, wenn wir den wissenschaftlichen Gehalt von Fabres Werk würdigen wollen.
Genau hier setzt meine einzige Kritik an der vorliegenden Ausgabe an. Das Buch ist sorgfältig produziert, in Ganzleinen gebunden, mit Lesebändchen versehen, die Übersetzung – von Friedrich Koch, Ulrich Kunzmann und Heide Lipecky – von literarischer Qualität. Eingestreut sind holzschnittartige Illustrationen von Christian Thanhäuser. Deren künstlerischer Wert steht hier ebenso wenig zur Debatte wie die Kompetenz der Autorin des Anhangs („Fabre und Proust“), Anita Albus. Ich bedaure lediglich, dass der Verlag seinen Autor offensichtlich ausschließlich als Literaten sieht. Er bewarb den ersten Band der Erinnerungen eines Insektenforschers mit einem Zitat von Edmont Rostand: „Jean-Henri Fabre denkt wie ein Philosoph, sieht wie ein Künstler und fühlt und schreibt wie ein Dichter“. Diese Charakterisierung kennzeichnet auch den vorliegenden siebten Band. So finden sich beispielsweise im Anhang 26 Anmerkungen zu Fabres Text, von denen nur drei entomologische Erläuterungen sind, weitere drei sind etymologische Erklärungen wissenschaftlicher Insektennamen, und die übrigen beziehen sich auf erwähnte Personen, verweisen auf Quellen und erläutern fremdsprachliche Wendungen. Christian Thanhäusers Illustrationen stehen unkommentiert zwischen Textseiten, oft ist gar nicht ersichtlich, welche Insekten dargestellt sein sollen. Das zeigt, dass Jean-Henri Fabre von den Herausgebern dieser wunderschönen bibliophilen Ausgabe nicht als Wissenschaftler ernst genommen wurde. Fabre war reguläres Mitglied der französischen entomologischen Gesellschaft und Ehrenmitglied mehrerer ausländischer entomologischer Gesellschaften, z. B. Belgiens, Englands und Schwedens. Die französische Akademie der Wissenschaften nahm ihn 1887 als Korrespondierendes Mitglied auf, er erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen, so die goldene Linné-Medaille der Akademie in Stockholm. Charles Darwin schätzte ihn als Korrespondenz-Partner und würdigte seine Beobachtungen lebender Insekten und Spinnen. Jean-Henri Fabre hätte es verdient, als Naturwissenschaftler gewürdigt zu werden, gerade weil das wissenschaftliche Publikum der Neuzeit ihn wegen seiner „unwissenschaftlichen“ Sprache und seiner Reserviertheit gegenüber der Darwin’schen Evolutionstheorie weitgehend unterschätzt oder sogar ignoriert. Die schon länger vorliegenden und vergriffenen Auswahl-Ausgaben im Artemis-Verlag (Das offenbare Geheimnis, Wunder des Lebendigen; später auch als Taschenbuch im Diogenes-Verlag, bzw. das erste der beiden auch als Insel-Taschenbuch) belegen mit den niveauvollen Anmerkungen von ausgezeichneten Fachwissenschaftlern – Adolf Portmann bzw. Martin Lindauer und Jost M. Franz – die Bedeutung Fabres als Entomologe, Ökologe und Ethologe. Ohne derartige Kommentierungen bleiben der wissenschaftliche Gehalt und damit das wissenschaftliche Erbe Jean-Henri Fabres wohl vielen Lesenden verschlossen. Es bleibt zu wünschen, dass der unbestreitbare Lesegenuss an der vorliegenden Ausgabe Neugier weckt auf den Wissenschaftler Jean-Henri Fabre und auf die wundervollen Geschöpfe, denen seine Begeisterung galt.

Prof. Dr. Michael Schmitt, Greifswald
 

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Joachim Holstein (Hrsg.):
Insects of Kakamega Forest.

Während es für die mitteleuropäische Insektenwelt eine bunte Auswahl an illustrierten Bestimmungsführern gibt, ist das für andere Regionen der Erde nicht der Fall. Entweder weil die Vielfalt der Fauna, vor allem in den tropischen Regionen, schlichtweg erschlägt und den Rahmen eines illustrierten Feldführers sprengen würde, oder weil die dortige Fauna nicht in dem Maße bekannt und erforscht ist, wie das in Mitteleuropa der Fall ist.
Mit Insects of Kakamega Forest liegt nun ein Buch vor, das die Tradition der entomologischen Photoführer zu einer Region fortsetzt, die bisher noch nicht in diesem Maße bearbeitet wurde: Ostafrika. Der Titel des Buches ist dabei reichlich eng gefasst, da sehr viele der vorgestellten Arten weit über Kakamega Forest, ein 44 km2 großes Naturreservat im Südwesten Kenyas, hinaus vorkommen und dieser Bestimmungsführer mindestens in den Wäldern ganz Ostafrikas seine Verwendung finden kann.
Die Auswahl der Arten ist ausgewogen und stellt sowohl auffällige und häufige Arten aus fast allen Insektenordnungen vor als auch Besonderheiten und endemi­sche Vertreter des beschriebenen Waldgebiets. Unter der Redaktion des Herausgebers, der selbst den größten Teil der Texte zu den Arten sowie die einleitenden Kapitel verfasst hat, haben es die Autoren verstanden, Interessantes und Wissenswertes zu den vorgestellten Tieren zusammenzutragen. Vieles davon ist neu und den Forschungsergebnissen entnommen, welche die an dem Buch beteiligten Autoren in mehrjährigen Untersuchungen im Gebiet des Kakamega Forest erarbeitet haben.
Die Texte sind illustriert mit ganzseitigen Farbtafeln, die auf jeweils acht Farbphotos lebende Vertreter der vorgestellten Arten zeigen. So werden rund 900 Arten behandelt und abgebildet, überwiegend, aber nicht ausschließlich Insekten, sondern auch Tausendfüßer, Asseln und Spinnen. Abgerundet wird das ganze durch zwei einleitende Kapitel zum Waldgebiet des Kakamega Forest und zur allgemeinen Biologie der Insekten, ebenfalls farbig bebildert, sowie einem Artenindex.
Leider läuft der Text ein wenig zu weit in den Bund hinein, und man muss das Buch weit aufbiegen, um die inneren Textabschnitte lesen zu können. Es bleibt zu hoffen, dass dies in einer nächsten Auflage behoben wird. Dennoch schmälert dies die Qualität des Werkes kaum, das in jedem Fall sein Geld wert ist. Es kann jedem Insekten- bzw. Arthropodenfreund empfohlen werden und nicht nur Afrika-Enthusiasten werden daran ihre Freude haben, allein schon wegen der hervorragenden Photos lebender Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum, von denen viele überhaupt zum ersten Mal abgebildet werden.

Dr. Juan Carlos Monje, Hohenheim
 

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