Buch-Tipps & Buchbesprechungen
     

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Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried Rosendahl:
Altsteinzeit von A-Z.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt 2011. 415 S., 401 Abb., € 79,90/sFr. 116,-

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Jan Zrzavý, David Storch, Stanislav Mihulka:
Evolution: Ein Lese-Lehrbuch. Deutsche Ausgabe her-
ausgegeben von Hynek Burda und Sabine Begall. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 2009. 493 S., € 39,95 /sFr. 62,–

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Dirk Eidemüller:
Das nukleare Zeitalter
Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung.
S. Hirzel Verlag. Stuttgart 2012. 184 S., 27 Abb., 4 Tab., € 19,80/sFr. 27,70

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T. Andratscheke, A. Eichler, Landesmuseum Hannover (Hrsg.): Im Reich der Tiere. Streifzüge durch Kunst und Natur. Wienand Verlag. Köln 2012. 384 S., Abb., € 39,80/sFr. 53,90

ISBN  978-3-86832-105-0


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I. Birmelin: Von wegen Spatzenhirn! Die erstaunlichen Fähigkeiten der Vögel. Kosmos Verlag. Stuttgart 2012. 204 S., 45 Abb., € 19,95/sFr. 28,50

ISBN  3-440-13022-3

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M. Dannenberg, A. Duracak, M. Hafner, S. Kitzing: Energien der Zukunft. Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Geothermie. Primus Verlag. Darmstadt 2012. ca. 184 S., 114 Abb., 54 Tab., € 39,90

ISBN 3-86312-322-0

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C. Frank: Neutrino. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 2012. 256 S., 11 Abb., € 19,95 /sFr. 25,-

ISBN 3-8274-2940-4

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O. Hegg, U. Schaffner: 80 Jahre experimentelle Ökosystemforschung auf der Schynigen Platte im Berner Oberland. Bristol-Schriftenreihe 31. Haupt Verlag. Bern 2012. 108 S., 65 Abb., 8 Tab., € 34,90/sFr. 36,-

ISBN  3-258-07720-7

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U. Kilian, R. Aschemeier: Das große Buch vom Licht. Primus Verlag. Darmstadt 2012. 176 S., 139 Abb., Einführungspreis bis 31.01.2013 € 34,90

ISBN 3-86312-300-X

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R. Knippers: Eine kurze Geschichte der Genetik. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 2012. 366 S., 58 Abb., € 24,95/sFr. 39,90

ISBN 3-8274-2913-7

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A. Lange: Darwins Erbe im Umbau. Die Säulen der Erweiterten Synthetischen Evolutionstheorie. Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2012. Broschur. Ca. 440 S., ca. € 69,-/sFr. 82,45

ISBN 3-8260-4813-X

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R. Rausch, C. Schüth, T. Himmelsbach (Hrsg.): Hydrogeology of Arid Environments. In englischer Sprache. Borntraeger Science Publishers. Stuttgart 2012. I-X, 283 S. Abb., Tab., € 49.90

ISBN  3-443-01070-9

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M. Stocker, S. Meyer: Wildtiere. Hausfreunde und Störenfriede. Haupt Verlag. Bern 2012. 352 S., 700 Abb., € 29,90/sFr. 39,90

ISBN 3-258-07664-2

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H. Zankl: Wissenschaft im Kreuzverhör. 25 spektakuläre Fälle von Galilei bis Guttenberg. Primus Verlag. Darmstadt 2012. 172 S., € 19,90/sFr. 32,90

ISBN  3-86312-325-5

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Buchbesprechungen

 

   


 

Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried Rosendahl:
Altsteinzeit von A-Z.

Es bedarf einigen Mutes, in Zeiten der vielfältigen und bequemen Recherchemöglichkeiten, die das Internet bietet, noch ein Nachschlagewerk in gedruckter Form herauszugeben. Die erklärte Absicht der Autoren ist, dem Leser zu helfen, sich abseits der Flut von Informationen aus dem Internet und deren nicht immer überprüfbaren Herkünften mit Begriffen der urgeschichtlichen Archäologie und einiger Nachbarwissenschaften wie Geologie, Paläontologie und Geographie vertraut zu machen. Dieses Nachschlagewerk zu Begriffen der Altsteinzeit deckt die älteste und längste Epoche der Kulturgeschichte des Menschen ab, also die Zeitspanne von den ältesten, ca. 2,6 Millionen Jahre alten bekanten Steinwerkzeugen bis vor etwa 11 000 Jahren, dem Ende der letzten Eiszeit. Das Stichwortverzeichnis enthält neben den üblichen Begriffen aus der Urgeschichte und ihren engeren naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen auch einige Begriffe der allgemeinen Kulturanthropologie, deren Verwendung in der Literatur recht uneinheitlich ist. Diese Begriffe sollen in besonders gekennzeichneten Texten erläutert oder diskutiert werden. Die Autoren meinen damit wohl die grau hinterlegten oder schattierten Begriffe.
Über die Definition einiger Stichwörter herrscht auch unter Fachleuten keine Übereinstimmung. Sie sind dann entsprechend dem Verständnis und der persönlichen wissenschaftlichen Einsicht der Autoren definiert worden. Dies liegt in der Natur der Sache und ist bei rekonstruierenden Altertumswissenschaften mit meist sehr lückenhafter Quellenlage unvermeidbar. Der überwiegende Teil der Abbildungen, durchweg Schwarz-Weiß-Strichzeichnungen und Diagramme, wurde um der einheitlichen Darstellung willen von den Autoren nach Originalen oder nach schon publizierten Vorlagen selbst gezeichnet. Im Anhang werden die Methoden der Darstellung der gezeichneten Artefakte erläutert. Davor befindet sich eine Tabelle mit einer vereinfachten Gliederung des Quartärs mit Subepochen, Kulturstufen, Sauerstoffisotopen-Stufen (OIS), den absoluten Altern und einer Temperaturkurve. Die Abkürzung OIS (oxygen isotope stage) wird nirgendwo erklärt. Auf zwei Seiten listen die Autoren Vorschläge für weiterführende Literatur auf. Am Ende schlagen die Autoren auf drei Seiten eine Auswahl von Museen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit wichtigen Schausammlungen zum Thema Altsteinzeit, basierend auf einer Homepagerecherche im März 2010, vor. Im dreiseitigen Abbildungsnachweis findet der Leser auch noch einige interessante Titel als weiterführende Literatur.
Die Autoren wollen mit ihrem Werk Studierende und alle der Urgeschichte Interessierte sowie Fachleute benachbarter Disziplinen, die mit der Entwicklung des Menschen und seiner Kultur zu tun haben, erreichen.
Die Auswahl der Stichworte ist natürlich immer subjektiv, dennoch haben Begriffe aus der Mittelsteinzeit (z.B. Maglemose-Kultur) in einem Nachschlagewerk zur Altsteinzeit nichts zu suchen. Die grau hinterlegten Begriffe sind nicht nur Stichwörter aus der allgemeinen Kulturanthropologie. Eine Kategorie für die heterogene Ansammlung von grau hinterlegten Begriffen ist nicht erkennbar.
Angesichts des relativ hohen Preises, der mit der geringen Auflage zusammenhängen dürfte, weicht man am Ende doch lieber auf das Internet aus, zumal auch die Inhalte von Büchern kritisch zu lesen sind. Das Buch ist für die angestrebte Zielgruppe relevant. Diese dürfte kritikfähig genug sein um die Spreu vom Weizen zu trennen. Für den interessierten Laien sind viele Begriffe zu speziell.

Dr. Reinhard Ziegler, Stuttgart


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Jan Zrzavý, David Storch, Stanislav Mihulka:

Evolution. Ein Lese-Lehrbuch.

Bei diesem Lese- und Lehrbuch handelt es sich um eine der erfreulichsten Neuerscheinungen über Evolution. Die Auswahl ist souverän, die Darstellung originell, auch in Nuancen treffend, gedankenreich, und die Themenkreise sind an vielen intelligent aufbereiteten Beispielen abwägend erläutert. Die Autoren kennen die Literatur und greifen die entscheidenden Fragen der Evolutionsbiologie auf. Wohl kaum sonst findet man eine derartige Fülle an Theorien, verschiedensten Phänomenen und gut untersuchten Fallbeispielen in einem Buch vereint. Und dies in einem entspannten Stil mit einfacher und zugleich präziser Ausdrucksweise sowie einprägsamen Formulierungen und Vergleichen, in manchen Passagen bewusst etwas salopp und in der Darstellung bestimmter Konzepte mit einer wohltuenden Skepsis.
Man kann es als ein Buch der drei Geschwindigkeiten bezeichnen. Der eilige Leser mit Vorkenntnissen mag sich mit den Kernsätzen auf der breiten Randspalte begnügen, die eine Kurzfassung des Textes darstellen und sich daher auch gut zum Repetieren eignen. Wer in den Stoff hineinkommen möchte, liest den Text. Nähere Erläuterungen und Zusatzinformationen bieten schließlich 131 Textboxen. Nach einer ausführlichen, natürlich auch geschichtlichen Einleitung ist der Stoff in die Abschnitte Selektion, Phylogenese, evolutionäre Neuheiten, Adaptation und Vielfalt gegliedert und schließt mit Epilogen, wobei jedem Kapitel auf den Inhalt hinführende und neugierig machende Fragen vorangestellt sind und jedes mit einer Reihe von Fragen zur eigenen Überprüfung abschließt (manche davon allerdings eher merkwürdig). Eingestreut sind 59 Kurzbiographien von Evolutionsbiologen mit treffenden Charakterisierungen und Hinweisen zur wissenschaftlichen Bedeutung. Ungewöhnlich ist dabei – wie im gesamten Buch – der Verzicht auf Photos. In den farbigen Porträtzeichnungen ist allerdings die Augenpartie nicht immer gelungen.
Evolution wird als „Entwicklung eines Systems mit Gedächtnis" definiert, womit dieser Begriff auf die Lebewelt beschränkt wird und chemische oder kosmische Entwicklung ausschließt. Sie wird als zielloses „Spiel" verstanden, bei dem es allein darum geht, durch Lösung momentaner Probleme weiterhin im Spiel zu bleiben. Neben der Methode der Phylogenese-Rekonstruktion und der Aussagekraft von Stammbäumen werden sogenannte Evolutionsmechanismen, Verhaltensstrategien – einschließlich der Manipulation von Wirten durch ihre Parasiten – und der Ansatz von „Evo-Devo" vorrangig behandelt. Durch Einbeziehung des Menschen und seines Verhaltens in den Vergleich gelingen immer wieder überraschende Seitenblicke. Stets wird deutlich, wie viel an Erkenntnissen in den letzten 40 Jahren hinzu gekommen ist und was sich an der allenthalben als „Anpassung an Umweltbedingungen" unterrichteten Evolutionstheorie z.B. durch Komponenten der Spieltheorie, Betonung biotischer Wechselwirkungen oder „Konkurrenz" zwischen Allelen in der Ontogenese geändert hat. Zugleich begreift man, wie weit wir im Einzelfall von einem wirklichen Evolutionsverständnis entfernt sind. Es ist nicht das erste Buch, das angesichts der evolutionsbiologisch unverstandenen Muster auf marinen Schneckenschalen am Schluss Adolf Portmanns Sichtweise anklingen lässt. Die an mehreren Stellen geführte detaillierte Auseinandersetzung mit kreationistischem Gedankengut dürfte sich an verunsicherte Zeitgenossen richten, aber wohl kaum an die keinem Argument zugänglichen Kreationisten selbst, denen es nicht um Erkenntnis, sondern um politisch-ideologische Ziele geht.
Die Autoren greifen besonders auch populäre „Erklärungen" auf. Von Alltagserfahrungen ausgehend nehmen sie den Leser mit und führen geschickt in eine wissenschaftliche Fragestellung ein, klären dann die Probleme oder diskutieren verschiedene Hypothesen mit Argumenten dafür und Einwänden dagegen, regen zum Weiterdenken an und lassen Fragen an zukünftige Forschung offen. Sätze wie „vielleicht trifft diese Vermutung nicht zu" oder „man kann das auch anders sehen" machen deutlich, dass sich unter Würdigung der gleichen Faktenlage verschiedene Sichtweisen vertreten lassen. Die Autoren scheuen auch nicht die Diskussion einer Hypothese, die „wilde Spekulation ist, deren Sinn darin besteht zu illustrieren, wie wenig wir eigentlich wissen" (S. 411). Dabei finden sich mutige Bekenntnisse zu in der Fachdiskussion befindlichen Auffassungen, und manch unerwarteter Zusammenhang wird hergestellt. Immer noch verbreitete Fehleinschätzungen werden ausgeräumt, z. B. dass Fossilien wichtig zur Stammbaum-Rekonstruktion seien oder „Stämme" (gemeint sind hochrangige Taxa) nur im Kambrium entstanden, während allerdings weiterhin von „kambrischer Explosion" als einem „Evolutionsereignis" gesprochen wird. Der so naheliegende Glaube an einen zweckmäßigen Bau der Organismen wird relativiert. Kategoriale Bezeichnungen wie „Familie", „Ordnung", „Stamm" sind stets in Anführungszeichen gesetzt, wenn das jeweilige Taxon gemeint ist. Der lange Giraffenhals, der immer wieder zur Erläuterung von Lamarckismus gegenüber Darwinismus herhalten muss, wird statt als Anpassung an das Äsen in Baumkronen als Ergebnis sexueller Selektion erklärt (S. 295).
Löblich ist die öfter geäußerte Zurückhaltung gegenüber heutigen Erklärungen („falls dem tatsächlich so ist"; „an all das zu glauben, ist schwer") und die generelle Warnung: „Die Natur ist ... so reich und vielfältig, dass wir für jede Theorie ein bestätigendes Beispiel finden..." (S. 384). Jeder Begriff und jedes Phänomen werden gut erklärt, naheliegende Verwechslungsmöglichkeiten angesprochen. Ein Glossar fehlt nicht. Die künstlerischen Zeichnungen (von Jan Burda) sind instruktiv und sehr ansprechend (bis auf die Kreuzschnäbel, S. 393). Sie sind auch auf DVD erhältlich. Das ausführliche Literatur-Verzeichnis ist nach Kapiteln getrennt. Im Text allerdings vermisst man entsprechende Hinweise. Es gibt sorgfältig erstellte Register. Wenn immer ich einen Begriff im Sachindex überprüfte, war er vorhanden. Die Ordnung des Index der Organismen nach Großgruppen wie Ecdysozoa, Lophotrochozoa, basale Craniota etc. erscheint allerdings nicht benutzerfreundlich.
Natürlich gäbe es an bestimmten Details, einigen Formulierungen und bei der Verwendung mancher Begriffe etwas zu bekritteln. Manche Abschnitte sind didaktisch weniger geschickt oder mit unklaren Konzepten belastet (Kapitel 6.10.–15.). Für verschiedene allgemein geschilderte Beispiele (z.B. über Parasiten) hätte man gern die konkret sich dahinter verborgenen Arten erfahren. Auch fehlen im Text Verweise auf die jeweiligen Quellen. Etwa dafür, dass man entgegen allen Aussagen in der Literatur liest, die Giraffe habe (anders als das Okapi) den ersten Brustwirbel in einen 8. Halswirbel transformiert. An eine merkwürdige Definition des Organismus als einer „Koalition von Genen, die gemeinsam in die nächste Generation übertragen werden" (S. 141) halten sich die Autoren selber nicht. Bei der Erörterung von Speziation wäre eine Verwendung des Begriffs „Separation" hilfreich gewesen. Erneut wird bei der Isolation der Arten das Schlüssel-Schloss-Prinzip nicht passender Genitalstrukturen vorgetragen, auch wenn eingeschränkt wird, dass „kein einziger Fall bekannt ist, wo zwei Arten wirklich nur mechanisch isoliert wären" (S. 371). Indem die Umwandlung einer Art in eine andere vertreten wird (S. 395) gerät das Ende einer solchen „Chronospezies" trotz Weiterlebens der Linie unter den Begriff des „Aussterbens", um dem später (S. 420) insofern zu widersprechen, dass eine Art nur „aus der fossilen Überlieferung verschwunden ist, ohne dass tatsächlich etwas ausgestorben wäre". In der Literatur gibt es dafür den Begriff „Pseudoextinktion". Teilweise widersprüchlich sind Aussagen über die ökologische Nische, doch obsiegt die „räumliche Vorstellung" einer durch die ökologischen Gegebenheiten vorgegebenen „Nische", die von einer Art genutzt werden kann oder auch nicht. Zwar wird die Sicht von Richard Lewontin zitiert, dass Nischen von den Organismen „geschaffen werden" (S. 340), dann jedoch (S. 392–394) von der „Existenz leerer Nischen" gesprochen, die von den Arten „gefunden und ausgefüllt werden". Eher zufällig entstandene Arten „suchen erst dann ihren ökologischen Platz" innerhalb einer Lebensgemeinschaft. Wer den Blick dafür öffnet, auf welch unvorhersehbare Weise sich verschiedene Organismen lebensnotwendige Ressourcen verschaffen, der muss ein solches Konzept vorgegebener und nur noch zu besetzender Nischen zurückweisen.
Durchgehend im Text sind Beispiele aus der Pflanzenwelt stiefmütterlich behandelt. Hier finden sich auch sonst seltene Druckfehler (bei Antirrhinum in Bildunterschrift Abb. 4.17 und Tragopogon bei Abb. 6.6). Unvermeidlich haben sich einige sachliche Fehler eingeschlichen. Haeckel und Weismann sind im selben Jahr (1834) geboren (Abb. 1.7). In der Art des Kopfkratzens (direkt, vorn herum, oder über den Flügel hinweg) wurden Papageien und Singvögel (fast ausschließlich hinten herum) vertauscht (S. 318). Zwillingsarten sind nicht in jedem Fall Schwesterarten (S. 448). Die Verbreitung der Onychophoren (S. 4) ist nur ganz bruchstückartig abgebildet. In der Diskussion über die brutparasitischen Witwenvögel stimmen die Voraussetzungen nicht, denn bei einer fremden Wirtsart würde ein (im Sperrrachen u.a. abweichender) Nestling gar nicht aufgezogen (S. 375). Unverständlich ist, warum (wie in so vielen Büchern) Haeckels Illustrationen von Wirbeltier-Embryonen erneut abgebildet werden (S. 269), wenn zugleich mit Recht betont wird, dass sie inkorrekt sind (der Hühnchen-Embryo ist eindeutig falsch).
Von solchen Einschränkungen und Einwänden abgesehen bin ich voll des Lobes. Die Autoren lassen die Spannung spüren, die darin liegt, die Welt mit den Augen des Evolutionsbiologen zu sehen. Vieles konnte ich hier auffrischen, etliches hinzu lernen und manches regte das Weiterdenken an. Ich werde dieses Buch noch oft zur Hand nehmen. Ihm ist eine große Leserschaft zu wünschen.

Prof. Dr. Walter Sudhaus, Berlin



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Dirk Eidemüller:
Das nukleare Zeitalter.  Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung.

Jedermann scheint zu verstehen, dass über die Verbrennung von Gas, Öl oder Kohle Dampf erzeugt werden kann, der sich zur Elektrizitätsproduktion nutzen lässt, oder dass schnell fließendes Wasser Turbogeneratoren antreibt. Aber wie soll man einem Laien erklären, dass mit dem Isotop 235U angereichertes Uran unter Neutronenemission und Energieabgabe zu Dutzenden von Spaltprodukten zerfällt, wobei die Kettenreaktion mit Cadmiumstäben über die verzögerten Neutronen kontrolliert wird, damit die Gesamt-Kritikalität bei eins bleibt? Eines der Grundprobleme der Kernenergie ist eben, dass sie auf schwieriger Physik kombiniert mit viel Chemie basiert. Das durch Oxidationsreaktionen zustandekommende Feuer beherrschen wir Menschen seit Jahrtausenden, es gehört zur Kultur. Doch die im Atomkern gespeicherte Energie begannen wir erst Ende des 19. Jahrhunderts zu verstehen und Mitte der 1940er Jahre zu beherrschen. Es war kein Fortschritt im hergebrachten Sinn, vielmehr wurden völlig neue Horizonte erschlossen. Tatsächlich ist die Bindungsenergie im Atomkern rund eine Million Mal größer als chemische Bindungsenergie. In einem Kilogramm Uran ist nahezu gleich viel Energie gespeichert wie in 3000 Tonnen Kohle; für manchen ist das beängstigend.
Das Buch des Kern- und Teilchenphysikers Dirk Eidemüller zeigt einmal mehr, dass die Grundlagen der Kernphysik und ihre Anwendungen bei der Energieerzeugung allgemeinverständlich dargestellt werden können, doch einfacher wird der Stoff damit leider nicht. Ohne naturwissenschaftliches Grundwissen und erhebliche Anstrengungen lässt sich Information über Kernenergie nicht einverleiben. So kommt es, dass ein signifikanter Teil der Menschheit gegenüber der Kernenergie skeptisch bis ablehnend eingestellt ist, vor allem, weil man sie nicht versteht und nicht verstehen kann. Im deutschsprachigen Raum (und nur dort) ist sie sogar zum „roten Tuch" geworden: Nach Fukushima konnte man nicht schnell genug aussteigen, die „terribles simplificateurs" hatten ein leichtes Spiel.
Paradox ist, dass man in technisch hochentwickelten Ländern auf die dort mit höchster Sicherheitskultur beherrschte Kernenergie verzichtet, während sie in Schwellenländern und sogar in der Dritten Welt rasch ausgebaut wird. Im Iran demonstrieren regelmäßig Zehntausende für die Kernenergie! Merkwürdig ist auch die Tatsache, dass es genügt, den Rhein nach Westen zu überqueren, um ein Land zu finden, wo Kernkraftwerke gut drei Viertel des Elektrizitätsbedarfs decken und wo die Gemeinden um Standorte für nukleare Installationen wetteifern. Diese interessanten Phänomene werden in dem stark auf das weltweit untypische Deutschland ausgerichteten Buch nur ganz am Rand erwähnt.
Weil er auf knappem Raum so viel Information vermitteln wollte, konzentrierte sich der Autor im geschichtlichen Teil folgerichtig auf die Kernspaltung mit Otto Hahn, Friedrich Straßmann, Lise Meitner, Otto Robert Frisch und den ungarischen Genies Leo Szilard, Eugene Wigner, John von Neumann und Edward Teller. Dann taucht man gleich in die Kernphysik ein, um die Funktionsweise der verschiedenen Reaktortypen anschaulich und ohne unzulässige Vereinfachungen verstehen zu können. Dass die mit Schwerwasser moderierten Natururan-Reaktoren in Eidemüllers Optik sehr selten sind, ist allerdings eine Untertreibung. Immerhin gibt es davon 47 Stück, was 11 Prozent des weltweiten Kernkraftwerkparks entspricht.
Die gesellschaftlichen Konfliktfelder der Kernenergie werden in der zweite Hälfte des Buches akribisch behandelt, angefangen mit dem Uranabbau über die Proliferation bis zur militärische Nukleartechnik: Dieser Exkurs war notwendig, um die grundlegenden Unterschiede zwischen Bombe und Reaktor klar zu machen. Der beste Teil ist eindeutig das Kapitel über Störfälle und Katastrophen (unter Einschluss von Fukushima). Sie werden lückenlos und mit einer Fülle wenig bekannter Einzelheiten beschrieben, insbesondere im Fall von Kytchym in der damaligen UdSSR. Man liest diese Seiten mit großer Faszination, denn es geht alles wie in einer klassisch-griechischen Tragödie. Man kennt das Ende, doch ist es so unwahrscheinlich, dass man es nicht glauben kann – bis alles dann doch so herauskommt, wie angekündigt.
Allzu pessimistisch ist der Autor in Bezug auf die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle aus abgebrannten Brennelementen, wobei er dem rein theoretischen Konzept des Transmutationsreaktors wohl zu viel Bedeutung beimisst. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass solche völlig unerprobte Reaktoren, die langlebige Isotope in kurzlebige umwandeln sollen, je gebaut werden. Denn es wird sich kein Land finden, das die dazu erforderlichen Milliarden und Jahrzehnte zu investieren bereit wäre. Und auch die als Alternative erwähnte Versenkung im flüssigen Teil des Erdmantels klingt extrem utopisch, sie ist – wenn überhaupt – in diesem Jahrhundert kaum zu verwirklichen. Durchaus zu verantworten ist andererseits die Lagerung in Formationen von Tonmineralien viele Hundert Meter unter Tag, die seit über 100 Millionen Jahren völlig ungestört geblieben sind.

Dr. Lucien F. Trueb, Ebmatingen-Zürich


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